Ein Mitarbeiter nimmt Feinabstimmung eines Rennschlittens vor.
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Wintersport im Osten Kühle Köpfe für heiße Kufen

Sport war in der DDR Staatssache. Galt es doch, die Überlegenheit des Systems zu beweisen. Bei der Entwicklung des dazu nötigen Sportgerätes war die DDR häufig ganz vorn dabei.

Ein Mitarbeiter nimmt Feinabstimmung eines Rennschlittens vor.
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Von Hans Modrow stammt ein Zitat, das die Sportversessenheit der DDR-Führung zu erklären vermag: "Walter Ulbricht war ein Mann, der dem Sport zunächst persönlich verbunden war. Und der auch begriff: Ohne Sport wird der Staat die Jugend nicht erreichen und für den Sozialismus gewinnen". Neben populären Sportarten wie Leichtathletik, Fußball und Radsport wurde auch der Wintersport von Anfang an gezielt von der Politik gefördert. Von 1972 bis 1988 gehörten die ostdeutschen Wintersportler zu den erfolgreichsten Wettkämpfern der Welt, Rang 2 in der Nationenwertung bei Olympischen Spielen schienen sie abonniert zu haben. 1984 in Sarajevo belegte die Mannschaft der DDR sogar Platz 1.

Weltklasse aus Mittelgebirgen

Historische Aufnahme Wintersportort Oberhof von 1976
Wintersportort Oberhof - ein Zentrum des Leistungssports Bildrechte: dpa

Und das, obwohl das Territorium der DDR nicht mit schneesicheren Hochgebirgen ausgestattet war. Aber die Wintersportorte der Mittelgebirge entwickelten sich zu Zentren des Leistungssports – Oberhof, Klingenthal und Altenberg sind nur drei der Orte, aus denen immer wieder Talente ihren Weg bis zur Weltspitze gingen. Neben der frühzeitigen und gezielten Sportförderung, der Nutzung sportwissenschaftlich-medizinischer Erkenntnisse bis hin zu ihrer Pervertierung im Doping, war es vor allem auch die Erforschung und Entwicklung hochmoderner Sportgeräte, die zu einem nicht unerheblichen Teil zu den vielen Siegen der ostdeutschen Sportler beitrugen.

Vernetzung bis ins kleinste Detail

Viererbob von Meinhard Nehmer 2 min
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1962 wurde die "Entwicklungsabteilung für Sportgeräte der Forschungsstelle der DHfK (Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport)" in Leipzig ins Leben gerufen. Ziel der Einrichtung war es, durch Materialverbesserung ostdeutschen Sportlern Weltklasseleistungen zu ermöglichen. Mehr als 180 Forscher und Techniker tüftelten fortan an den Erfolgsgeheimnissen. Und damit nicht genug. Zwei weitere Institute wurden gegründet. Das Berliner "Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten", kurz FES, entwickelte hochmoderne Trainings- und Wettkampfgeräte. Schnell gehört das FES zu den wichtigsten Medaillenschmieden überhaupt. Was die Ingenieure, Biomechaniker, Physiker, Messtechniker, Kunststoff- und Metallspezialisten auf ihrem Hinterhofgelände in Berlin-Oberschöneweide ausklügelten, löste in den von ihnen betreuten Sportarten eine regelrechte Revolution aus. Das "Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS)" in Leipzig widmete sich hingegen der Optimierung des Trainings und Wettkampfes durch Trainingswissenschaft, Diagnostik und Medizin.

Staatsgeheimnis Sportgerät

Egal ob Berlin, Leipzig oder in der Bobschmiede in Dresden, die Trainings- und Materialforschung gehört zu den am besten gehüteten Geheimnissen des Staates. Die Areale in Berlin und Dresden wurden bewacht wie militärische Objekte. Zu groß war die Sorge, dass sich die Gegner im Wettrüsten um die neuesten Sportinnovationen etwas abschauen könnten. Wissenschaftler und Angestellte unterlagen absoluter Geheimhaltung, Notizbücher wurden nummeriert, sämtliche Türen nach Arbeitsende verplombt. In verschlossenen und zusätzlich gesicherten Hallen inmitten des Hochsicherheitsgeländes der Dresdner Flugzeugwerft experimentierten lediglich handverlesene regierungstreue Wissenschaftler an dem Sportgerät der Deutschen Demokratischen Republik – dem Bob.

Erfolge durch Aerodynamik

Einen ersten sensationellen neuen Bob lieferten die Ingenieure aus Dresden 1976. Bei der Olympiade in Innsbruck gelang dem DDR-Vierer die Schussfahrt zur Goldmedaille, und das durch einen simplen, aber wirkungsvollen Trick. Um die Aerodynamik des Bobs zu verbessern, waren die Seiten verkleidet worden. Das hat es auch schon vorher gegeben – aber die steife Verkleidung behinderte die Athleten beim Sprung in den Schlitten nach dem Anschieben. Der neue DDR-Bob von 1976 hatte eine flexible Seitenverkleidung aus Gewebe – beim Start wurde er niedergehalten, um dann, wenn alle Bob-Sportler im Gefährt saßen, hochzuschnellen und windschnittig die Bahn hinunter zu donnern.

Unter der Abkürzung "WSG" (Wintersportgeräte) gab es in den späten 70ern und frühen 80ern sogar Experimente mit gefederten Kufen. Man probte im Windkanal, forschte in Karl-Marx-Städter Maschinenbaubetrieben, fertigte im "Multicar"-Werk Waltershausen. Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen: "Das gefederte System hatte gravierende Eigenheiten", erinnert sich Bob-Sportler Wolfgang Hoppe. "Aber wir DDR-Sportler hatten viel Zeit, uns darauf einzustellen."

Gefederter Bob

Viererbob von Wolfgang Hoppe 9 min
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Sechs bis acht Fahrten pro Trainingseinheit absolvierten Hoppe und seine Mannschaftskollegen auf der Eisbahn in Oberhof – der Armeesportverein lieferte die technische und finanzielle Unterstützung. Die neuartige Dämpfung der gefederten Bobs reduzierte die Eiszertrümmerung in der Bahn – und damit den Reibungswiderstand. Allerdings setzte das eine sehr geschickte Fahrweise voraus – der Fahrer musste es wagen, in die Steilwand hinein zu fahren. Das Ergebnis dieser riskanten Manöver waren erhöhte Geschwindigkeit und für das Naturtalent Wolfgang Hoppe Siege über Siege – etwa 1984 zwei olympische Goldmedaillen in Sarajevo.

Vom Staatsgeheimnis zum Markenartikel

Darüber hinaus entwickelten die FES-Ingenieure eine ganz neue Form für Rennschlitten. Die Sportler rasten seither in einer Art Wanne ins Tal, die so an den Körper angepasst war, dass der Luftwiderstand möglichst gering ausfiel.
Beliefert wurden mit diesem Gerät selbstverständlich nur Sportler der DDR – und die Kosten waren immens: jährlich acht Millionen Mark der DDR kostete der Spaß. Hinzu kamen noch 200.000 Westmark, mit denen das Institut die nur im Westen erhältlichen Werkstoffe - wie etwa Kohlefasern - einkaufte. Mit dem Ende der DDR änderte sich die Situation schlagartig. Jahrelang waren die DDR-Sportler von der Konkurrenz aus dem westlichen Ausland um ihr ausgefeiltes Sportgerät beneidet worden. Jetzt standen die Werkshallen der einst streng geheimen Flugzeugwerft in Dresden allen Sportlern der Welt offen, die sich einen Bob in der Preisklasse eines Mittelklassewagens leisten konnten. Und so zählten zeitweise 36 der 42 Nationen, die im internationalen Bobsport vertreten waren, zur Kundschaft der sächsischen Ingenieure ...

Zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2010, 13:24 Uhr