Dr. med. Hans-Georg Aschenbach, Praktischer Arzt, Sportmediziner und Dopingexperte
Bildrechte: Hans-Georg Aschenbach

"DDR-Sport lässt sich nicht auf Doping reduzieren"

Hans-Georg Aschenbach galt in den 70er-Jahren als der weltbeste Skispringer. 1988 kehrte der promovierte Arzt der DDR den Rücken und bekannte, jahrelang gedopt zu haben.

Dr. med. Hans-Georg Aschenbach, Praktischer Arzt, Sportmediziner und Dopingexperte
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Lassen sich die Erfolge der DDR-Sportler einzig mit Doping erklären?

Hans-Georg Aschenbach: Nein, auf gar keinen Fall. Das große Ganze hat nach meiner Ansicht die Erfolge gebracht. Und das große Ganze war vor allem das sogenannte ESA-System - die Einheitliche Sichtung und Ausbildung von geeigneten Kindern für die verschiedenen Sportarten. Das war einmalig in der Welt, dieses Talentsichtungssystem. Und hier lag das ganz große Plus der DDR – mit diesem System überall in der Republik talentierte Kinder zu entdecken und zu erfassen, sie auf die Kinder- und Jugendsportschulen zu delegieren und dort, wie es damals hieß, "allseitig" zu entwickeln. Es gab dort hervorragende Trainer und das war eindeutig die Grundlage für die Erfolge der DDR-Sportler.

Erfolge, die aber doch vor allem das Renommee des Staates heben sollten …

Dass das DDR-System die Sportler am Ende "missbraucht" hat - das macht jedes System, und uns war das, offen gesagt, auch egal, denn wir waren alle Nutznießer dieses Systems. Wir hatten eine gute Ausbildung, hatten Sportklamotten; ich zum Beispiel bekam meine Skier von der Sportschule, das war enorm wichtig, denn meine Eltern hatten nur wenig Geld. Jedes Kind hatte in der DDR die Chance, im Sport nach oben zu kommen. Und in diesem ganzen System spielte Doping, wenn auch eine furchtbare, so doch aber eher kleine Rolle.

Wie kamen Sie erstmals mit Doping in Berührung?

Hans-Georg Aschenbach
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In meiner Sportart war das so: Mit 18 wurde ich mit diesen Dingen "vertraut" gemacht. Es wurde gesagt: Du kriegst jetzt etwas, was dir nicht schadet, und es ist auch nicht verboten. Aber du darfst niemandem davon erzählen, auch deinen Eltern nicht. Und wenn du das jetzt alles mitmachst, dient das deiner Entwicklung und unserem Gesamtziel. Wenn du ja sagst, wirst du weiter gefördert, wenn du sagst nein, dann vergibst du dir und uns die Chance, dich weiter auszubilden. Dann müssten wir dich vom Leistungsauftrag abberufen. Und am Ende habe ich eine Art Einverständniserklärung unterschrieben.

Wurde Ihnen jemals gesagt, was Sie bekommen?

Nein, natürlich nicht. Wir hatten unterschrieben, dass alles in Ordnung ist und wir eingewilligt haben. Fertig. Schluss. Aus.

Welche Auswirkungen hatte die Einnahme der "leistungssteigernden Mittel"?

Durch die Einnahme der anabolen Steroide wurde der Geschlechtstrieb immens gesteigert. Ich hatte manchmal noch kurz vor dem Training hinter der Schanze onaniert. Es war entsetzlich. Und ich war zudem ungeheuer aggressiv. Das war aber immerhin gut fürs Training, denn ich ging ganz forsch auf die Schanze hoch. Aber das Doping hat sich auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen ausgewirkt. Ich kann mich erinnern, dass es oft und ohne ersichtlichen Grund zu groben Tätlichkeiten zwischen uns Sportlern kam. Und wir haben damals natürlich keine Ahnung gehabt, warum das so ist.

Sprachen Sie über die "Mittel" mit Ihren Sportkameraden?

Hinter vorgehaltener Hand haben wir da schon drüber gesprochen: Na, haste wieder deine "Blauen" eingeworfen? Oder: Was kriegst du denn so? Denn jeder Athlet bekam ja unterschiedliche Dosierungen. Manchmal war man sogar neidisch – der kriegt eine Tablette mehr ...! Wir haben irgendwann auch mal Spritzen bekommen, und ich weiß bis heute nicht, was da drin war. Und da hatte ich Angst und fragte die anderen: Habt ihr auch so’ ne Spritze bekommen? Ja, hatten sie. Das hatte mich ein wenig beruhigt. Aber ansonsten wurde darüber nicht geredet. War ja verboten.

Hatten Sie manchmal den Verdacht, dass auch Ihre Konkurrenten aus anderen Ländern dopen?

Wir hatten tatsächlich einmal den Eindruck, dass die Skispringer aus Österreich auch etwas eingenommen haben mussten, weil sie einen sensationellen Leistungssprung innerhalb nur eines Jahres gemacht hatten. Tja, die sagten, was wir auch immer sagten: Wir haben neue, verbesserte Trainingsmethoden. Es war ja nichts nachweisbar.

Gedopt wurde in vielen Ländern. Was war in der DDR anders?

Der Unterschied war, dass es vom ZK der SED ein ausgearbeitetes Konzept zum Einsatz "Leistungsunterstützender Mittel" im DDR-Leistungssport gab. Und in dieser Konzeption war jeder Sportler erfasst. Entweder positiv, ja, er nimmt unterstützende Mittel, oder negativ, nein, er nimmt keine aufgrund individueller medizinischer Parameter. Also diese Konzeption hat generell schon im Rahmen der Aufnahme in die Kinder- und Jugendsportschulen gegriffen – es ist dort bereits getestet worden, ob dieser oder jene künftige Athlet geeignet ist für einen späteren Einsatz "Leistungsunterstützender Mittel". Das Ganze war also flächendeckend und lief ganz systematisch und auf staatliche Anordnung hin ab. Und das ist sicherlich der entscheidende Unterschied zu allen anderen Ländern.

Sie waren einer der ersten DDR-Sportler, die zugaben, gedopt zu haben ...

Als ich 1988 in den Westen abgehauen war, habe ich zugegeben, dass ich selbst gedopt worden bin in Vorbereitung auf die sportlichen Höhepunkte. Damals gab es überhaupt keine Reaktionen, weder von der FIS, noch vom IOC oder dem NOK. Es war äußerst merkwürdig ...

Einige DDR-Sportler haben ihre Medaillen zurückgegeben, weil sie sie mit unlauteren Mitteln, sprich Doping errungen haben. Wie stehen Sie dazu?

Als ich damals zugab, gedopt zu haben, sagte ich bewusst nicht, dass ich meine Medaillen zur Verfügung stelle. Dass heute jemand sagt, ich gebe meine Medaillen zurück, weil ich gedopt habe, finde ich falsch, weil Doping nur ein minimaler Aspekt war. Wenn ich heute sehe, was in der DDR so gelaufen ist an Doping, dann muss ich feststellen: Die hoch bezahlten Ärzte und Funktionäre, die das Doping veranlasst hatten, waren alles Laien und letztlich nur Stümper. Man kann auch sagen, zum Glück nur Stümper. Weil das, was gelaufen ist, waren Peanuts, wie man heute sagt. Ich weiß aus meiner Arbeit als Sportmediziner heute, dass das Doping in der DDR noch in den Kinderschuhen steckte und weit, weit überbewertet wird. Es haben damals alle möglichen Trainer, Funktionäre und Ärzte versucht, etwas zu finden, was gut und leistungsfördernd ist. Dabei gab es zu meiner Zeit nur ein einziges Mittelchen, das zudem noch in allen Disziplinen verwendet wurde ...

Verfolgen Sie die aktuellen Doping-Diskussionen?

Ich weiß als Sportmediziner, welche furchtbaren Möglichkeiten heute durch Gendoping, durch Bakteriendoping oder durch Blutdoping gegeben sind. Irgendwann wird man ganz sicher eine Art Monster züchten können, indem man etwa die körpereigenen Wachstumshormone im Labor herstellt und diese dann einem Sportler zuführt, ohne dass das irgendjemand nachweisen kann. Das sind Dinge, zu denen man sagen möchte: "Mensch, lasst doch den Scheiß!" Aber im Sport geht es nicht nur um Prestige, sondern um sehr viel Geld. Und mit dem Geld stirbt die Moral.

Buchtipp: Lexikon Sportler in der DDR Das Nachschlagewerk liefert Biografien von rund 1.000 Sportlern. Ein Statistikanhang listet Medaillenerfolge bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften auf, eine Vielzahl von Fotos rundet das Bild.
Eulenspiegel-Verlag Berlin
ISBN 978-3-355-01759-6
Preis 29,90 Euro

Zuletzt aktualisiert: 02. Februar 2010, 17:00 Uhr