Blick durch einen Grenzzaun auf einen Wachturm.
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Lexikon "Dann hau doch ab in den Osten!"

Linke Westdeutsche, die die Bundesrepublik kritisierten, mussten sich den Spruch "Dann hau doch ab in den Osten!" gefallen lassen. Und viele folgten ihm sogar. Eine halbe Million Westdeutsche machte sich auf in den Osten, um im anderen Deutschland zu leben. Enttäuschung inklusive.

Blick durch einen Grenzzaun auf einen Wachturm.
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Drei Millionen Bürger des "Arbeiter- und Bauernstaates" DDR kehrten dem Land den Rücken – die Fluchtbewegung führte zum Bau der Mauer 1961, die Ausreisewelle 1989 schließlich maßgeblich zur Implosion des Systems. Aber es gab auch die gegenläufige Bewegung: Insgesamt zogen etwa 500.000 Menschen aus dem Westen in den Osten Deutschlands, die meisten vor dem Mauerbau. Diese Zahl umfasst auch ehemalige DDR-Bürger, die zurück in ihr Land gingen.

Das bessere Deutschland?

Die Gründe für den Umzug ins andere System waren höchst vielschichtig. Da gab es zum Beispiel die ideologisch geprägte Hoffnung, der kleinere deutsche Staat sei das "bessere Deutschland". Der antifaschistische Gründungsmythos der DDR verschaffte ihr bei Vielen ein positives Image. Die anscheinend konsequente Entnazifizierung in der DDR nach dem Krieg wirkte umso attraktiver, je mehr in Westdeutschland alte Strukturen sich neu verfestigten: Saßen doch in der bundesdeutschen Justiz, bei Militär und Geheimdiensten, in Verwaltungen und Konzernzentralen bald wieder alte Nazis und deren Mitläufer ziemlich fest im Sattel.

Einen Schub bekam die West-Ost-Bewegung zudem nach dem Verbot der Kommunistischen Partei 1956. Kriminalisierte doch dieses umstrittene Verbot - rückwirkend Tausende politisch Andersdenkende. Es gab Repressionen nicht nur gegen Kommunisten, sondern auch gegen Gewerkschafter, Christen und andere, die sich gegen die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik aussprachen und gegen alte Nazikungeleien demonstrierten, Menschen, die Kontakte in die DDR hatten, die rote Nelken verteilten oder Ferienreisen für Kinder aus sozial schwachen Familien in die DDR organisierten. Das Verbot war einmalig in den Demokratien Europas – nur in Francos Spanien durften sich Kommunisten nicht parteilich organisieren.

Hauptmotiv Familienzusammenführung

Wer sich die Statistiken allerdings genau anschaut, der stellt fest: Politische Überlegungen spielten nur für die wenigsten Übersiedler von West nach Ost eine Rolle. Die übergroße Mehrheit wechselte aus familiären Gründen, dicht gefolgt von wirtschaftlichen Motiven. Allein 1954 gingen 75.000 Menschen den Schritt von West nach Ost - allerdings waren mehr als die Hälfte davon Rückkehrer, die also vorher schon von Ost nach West gegangen waren. 35 Prozent der bundesdeutschen Übersiedler gaben an, aus familiären Gründen in Ostdeutschland leben zu wollen, und 25 Prozent nannten lange Arbeitslosigkeit als Grund.

Der Osten empfing in dieser Hochphase der Übersiedlung die Neubürger mit lockenden Angeboten: Bevorzugte Zuweisung einer Wohnung, Arbeitsplatzgarantie, erleichterte Kreditvergabe. Es gab sogar Werber, denn der Arbeitskräftemangel im Osten sollte zum Teil durch die "Westimporte" ausgeglichen werden.

(K)ein Weg zurück – Einbahnstraße nach Osten

Schon in den beiden Jahren vor dem Mauerbau reduzierte sich die Zahl der Übersiedler drastisch. Und mit der Errichtung des "antifaschistischen Schutzwalls" 1961 minimierte sich auch die Attraktivität des Ostens – nun galt: Wer in die DDR geht, der kann kaum noch zurück. Waren in den frühen 50ern noch jährlich Zehntausende Menschen gekommen, verzeichnet auch deshalb die Statistik beispielsweise für 1968 gerade einmal 1.500 Übersiedler – und zwei Drittel von ihnen waren Rückkehrer. Denn oft gelang es Ostdeutschen nicht, im Westen wirklich Fuß zu fassen. Sie spürten Heimweh, soziale Ausgrenzung, Enttäuschung ihrer oft zu hochgesteckten Erwartungen – und zogen es vor, trotz möglicher Diffamierung in die DDR zurückzukehren.

Unter den vergleichsweise wenigen Übersiedlern der 70er- und 80er-Jahre waren nicht wenige, die "zu Studienzwecken" von der 1968 gegründeten Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) in den Osten geschickt wurden, um die "Vorteile" des sozialistischen Systems und die "revolutionäre Arbeit" zu studieren. Ein gesondertes Kapitel sind die Mitglieder der "Rote-Armee-Fraktion" (RAF), die in der DDR mit Hilfe der Staatssicherheit Unterschlupf fanden, um sie vor Strafverfolgung in der BRD zu schützen.

Unverständnis und Unterstellungen

Die Sicherheitsdienste der DDR waren und blieben stets misstrauisch gegenüber den Übersiedlern aus der Bundesrepublik und standen unter permanenter Beobachtung. In der Bevölkerung stießen die Übersiedler aus dem Westen oft auf ein gewisses Unverständnis. Gern wurde ihnen soziales Scheitern im Westen unterstellt oder eine Nähe zum DDR-Regime. Daraus, so beschreibt es eine Studie der Soziologin Andrea Schmelz, sei eine gewisse politische oder soziale Isolierung entstanden, die wiederum in einigen Fällen zu erneuter Abwanderung geführt habe. Vor dem Mauerbau lag die Rückwanderungsquote in den Westen immerhin bei über 50 Prozent – auch darin drückte sich eine (politische) Enttäuschung der Neubürger im "gelobten Land DDR" aus.

Zuletzt aktualisiert: 02. März 2010, 10:27 Uhr