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Erlebnispädagogik in Stuttgart "Volksrepublik Ostralien" – ein Schulexperiment

Ein Stuttgarter Gymnasium verwandelt sich im November 2009 für fünf Tage in die "Volksrepublik Ostralien" – einen Staat mit vielen Parallelen zur DDR. Die Schüler sollten spielerisch erfahren, was eine Diktatur ist.

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Die fünftägige Projektwoche am Heidehofgymnasium war anderthalb Jahre lang von einem Team aus Lehrern und Schülern vorbereitet worden. Tobias Dellit, der die Rolle des Partei- und Staatschef spielt, beschreibt den enormen Aufwand: "Ich habe mich seit einem Jahr für das Projekt eingesetzt. Wir haben Sponsoren gesucht, Spenden gesammelt und alles auf die Beine gestellt. Wir haben die ganzen Herbstferien hier in der Schule verbracht, haben hier übernachtet, haben hier alles aufgebaut."

Volksrepublik für fünf Tage

Aus einer Schule, wie sie überall in Deutschland stehen könnte, wurde die kleine, mit Mauern, Gittern und Stacheldraht gesicherte "Volksrepublik Ostralien" – mit einem "Palast der Republik" (der Aula des Gymnasiums), einem eigenen Gefängnis, einem Westladen, einem Konsum, einer Kirche, Grenzübergangsstellen mit strengen Kontrollen und einem "Kunstmuseum Willi Sitte". 800 Schüler und 60 Lehrer schlüpften in genau definierte Rollen, die sie ausfüllen und entwickeln sollten - vom Stasi-Mitarbeiter über den Staats- und Parteichef bis zum normalen Arbeiter und Kulturschaffenden. Die Jüngsten wurden in die Produktion gesteckt, mussten im Schichtbetrieb Arbeitsnormen erfüllen. In den Rollenprofilen stand aber auch, wer zu Protesten anstacheln darf.

Leben in "Ostralien"

Fähnchen wurden gedruckt, es gab eigenes Geld, eine Zeitung namens "Ostkurier" und das "Ostralische Staatsfernsehen" mit täglichen Nachrichtensendungen und sogar einen Propagandafilm über die Vorzüge der sozialistischen Volksrepublik. Die Führung im Land hat die "SEO", die "Sozialistische Einheitspartei Ostraliens". Fünft- und Sechstklässler können sich in der FOJ, der "Freien Ostralischen Jugend", organisieren.

Im Laufe des Projektes entwickelte sich eine ganz eigene Dynamik, die vom Lenkungsteam registriert und zur Weiterentwicklung genutzt wurde. Tobias Dellit, der "Staatschef" Ostraliens, erzählt: "Während des Projekts haben wir uns abends immer getroffen, nachdem alle Schüler draußen waren. Und haben dann überlegt, wie war der Tag und wie kriegen wir es hin, dass sich die Stimmung ändert. In den ersten drei Tagen wurde von den meisten Schülern alles positiv aufgenommen, aber sie sollten merken, das ist kein Kuschelstaat."

In den ersten drei Tagen wurde von den meisten Schülern alles positiv aufgenommen, aber sie sollten merken, das ist kein Kuschelstaat.

Tobias Dellit, spielte die Rolle des "Staatschefs" Ostraliens

Das Volk rebelliert

Wie aber kann man im Rahmen solcher Projekttage bei Schülern ein Bewusstsein für Unterdrückung und Widerstand hervorrufen? Das Leitungsteam setzte den Hebel an verschiedenen Stellen an. So wurde die tägliche Einlasskontrolle von den Schülern zunehmend als lästig empfunden, das Auftreten eines "Liedermachers" wurde durch die "Stasi" rüde beendet, Verhaftungen erfolgten willkürlich, Gefängnisstrafen wurden ohne Grundlage verhängt. Besonders wirksam erwies sich aber ein kleiner Trick: "Also haben wir gesagt, wir kaufen einfach nichts mehr ein. Wenn die Gurken alle sind, sind sie alle. Und wenn man nichts mehr mit seinem Geld anfangen kann, dann langweilt man sich hier und dann kommt der Widerstandsgedanke auf", erläutert Tobias Dellit. Das Konzept ging auf. Der Unmut wuchs. Ein "Runder Tisch" wurde gefordert und eingerichtet. Am Ende stürzten die Schüler unter dem Slogan "Wir sind das Volk" die ungeliebte Diktatur.

Fünf Tage Diktatur – und dann?

Von zentraler Bedeutung war für alle Beteiligten, dass sie nach dem Ende der Projekttage wieder aus ihren Rollen schlüpfen und den Weg ins normale Schulleben als Schüler oder Lehrer finden konnten. Vor allem werden die Projekttage einer vertieften Nachbereitung unterzogen. "Ich glaube, dass die Reflexion das Wichtigste ist. Die Reflektion ist nur möglich mit der Erfahrung, aber die Erfahrung ohne die Reflexion würde nicht viel bringen", sagt Schulleiter Dr. Bertolt Lannert.

Die Nachbereitung wurde über mehrere Wochen auf verschiedene Fächer verteilt. Johannes Albers, der für fünf Tage "Stasi-Chef" in der "Volksrepublik Ostralien" spielte, sagte unmittelbar nach Ende des Schulexperiments: "Das, was aus der Gruppe herauskam, das hat mich am meisten fasziniert, aber auch ein Stück weit beängstigt. Dass die so mitgezogen haben, obwohl es offensichtlich war, dass wir ein Unrechtsregime waren." Am Ende bleibt die Frage, ob ein solches Experiment geeignet ist, das Wesen einer Diktatur auf beinahe spielerische Art den Schülern näher zu bringen.

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2011, 14:26 Uhr