Eine Schule für Schriftsteller Das Literaturinstitut – nach Art unseres Landes

von Holger Jackisch

Holger Jackisch
Holger Jackisch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Älter als das Institut selbst ist sein schlechter Ruf: Mir ist eine Tagebuchaufzeichnung  Johannes R. Bechers in Erinnerung, geschrieben vor Gründung des Hauses. "Eine Schule für Schriftsteller soll eingerichtet werden! Scheußlicher Gedanke …" Sehr unterschiedliche Leute sind sich einig: "Ein wirklicher Dichter kann doch nicht ausgebildet werden!"

Das Literaturinstitut ist eine Schule wie jede andere. Auch hier wird aus den meisten Studenten "nichts Besonderes". Viele quälen sich ab für den Rest ihres Lebens, sind einem Anspruch ausgesetzt, den sie nie erfüllen können - Figuren in einer Tragikomödie. Nur sehr wenige erkennen ihre reale Lage an, können sich damit abfinden. Und die allerwenigsten werden wirklich Schriftsteller.

Zwei Arten von Lehrern

Holger Jackisch, 1997 während seiner Zeit als Leiter der Feature-Abteilung von MDR Kultur.
Holger Jackisch, 1997 Bildrechte: MDR/Mahmoud Dabdoub

Auch am Literaturinstitut gibt es zwei Arten von Lehrern: gute und schlechte. Über die schlechten Lehrer kein Wort. Bei den guten Lehrern, also bei denen, die ich ausbeuten konnte, kannst du dir die Bildung abholen, die uns vorenthalten wurde – von einer "Volksbildung" – die bestenfalls quantitativ entwickelt ist. Bildung als Privileg. Dir öffnen sich die Giftschränke der Bibliotheken. Ich habe an diesem Haus Unterricht gehabt bei einem Mann, der – obwohl das objektiv unmöglich ist – scheinbar auf jedem Gebiet der Weltliteratur belesen ist. Von ihm wird erzählt, er sitze seit vielen Jahren an seiner Doktorarbeit und kommt zu keinem Ende. Er will beweisen, dass Walter von der Vogelweide nicht – wie unter Germanisten seit zweihundert und für die nächsten tausend Jahre beschlossen – in Südtirol geboren ist, sondern in Frankfurt am Main. Oder war es umgekehrt? Ich habe es vergessen.

An diesem Haus hat ein Mann unterrichtet, den man woanders längst gefeuert hätte – als nicht "tragbar". Er war schwul und ein Trinker. Er kam ins Seminar, betrunken, ohne Aktentasche, entschuldigte sich und sagte die Heine-Briefe aus dem Kopf her. An diesem Haus hat bis vor kurzem "Rothbauer" (Gerhard Rothbauer, Anm. d. Redaktion) unterrichtet. Durch Rothbauer, der sich immer einen Schulmeister nannte, bekam das Wort "Lehrer" in meinen Ohren einen neuen Klang.

Bildung außerhalb der Kampagnen

Diese Geschichten erzähle ich, wenn mich jemand nach dem Institut in Leipzig fragt. "Aber ich bitte Sie Herr Jackisch! Der Zwang … all das Offizielle!" – denn ich finde die Erwartung naiv, man könne – in einem Land, wo vom Kartoffel- bis zum Bücherlesen alles als Kampagne organisiert ist – Bildung außerhalb der Kampagnen bekommen.

Zugegeben: Wenn man das Institut drei Jahre lang von innen sieht, entdeckt man eine Menge Fehler. Wir haben diese Fehler zur Sprache gebracht, haben demokratisch abgestimmt, Verbesserungen gefordert, Änderungen aller Art. Sie sind unterblieben, verhindert worden von Leuten, die es auch in diesem Haus gibt und die dort die Macht haben.

Schriftstellerisches Talent, diese seltsame Mischung aus Ruhmsucht, Abgeschnittensein von anderen Möglichkeiten, und einen Rest, über den zu reden nichts ergibt - diese Art Talent kann zugrundegehen auf vielerlei Weise, unter den unbilligen Forderungen der Mächtigen ebenso wie im Vakuum einer zwecklosen Kunst.

Studenten des Leipziger Literaturinstituts 1986 auf Besuch am Gorki-Literaturinstut in Moskau, (Holger Jackisch, 2. v. re.)
Zu Besuch bei den "Freunden": Studenten des Leipziger Literaturinstituts (Holger Jackisch 2. v. re.) besuchen 1986 Studenten des Moskauer Gorki-Literaturinstituts Bildrechte: Literaturinstitut Johannes R. Becher Leipzig

Holger Jackisch Holger Jackisch, 1959 in Bautzen geboren, besuchte eine deutsch-sorbische Oberschule und studierte später an der Leipziger "Hochschule für Bauwesen". Bereits als Schüler hatte er begonnen zu schreiben. Nach dem Studium, als er Bauleiter bei der "Gebäudewirtschaft Leipzig" war, verfasste er preisgekrönte Hörspiele, Theaterstücke und Erzählungen. Von 1985 bis 1988 studierte Holger Jackisch am "Literaturinstitut Johannes R. Becher".

Er engagierte sich für politische Veränderungen und gehörte 1990 zu den Gründern der ersten unabhängigen Zeitung der DDR: "Die andere Zeitung" (DAZ). Als Redakteur und späterer Chef der Feature-Abteilung bei MDR Kultur setzte er sich maßgeblich für eine Aufarbeitung der DDR-Geschichte ein.

Holger Jackisch starb im Dezember 2001 an den Folgen einer schweren Erkrankung im Alter von nur 41 Jahren. Viele seiner literarischen Arbeiten sind bislang unveröffentlicht.

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2016, 18:14 Uhr