Neubauten
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Falowiec – Polens längstes Gebäude Wellen aus Beton

Länger als acht Fußballfelder, der Falowiec in Gdansk (Danzig) ist eines der größten Gebäude Europas. Einst Verheißung auf die Zukunft der Stadt, kursieren heute Gruselgeschichten über sein Innenleben.

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Balkon an Balkon, über-, unter- und nebeneinander. So weit das Auge reicht. Von Weitem wirkt es ein bisschen wie eine Modellzeichnung aus einem Architekturbüro. Sauber und aufgeräumt. Erst wenn man näher kommt, entdeckt man auch Unbehagliches: Liegestühle gibt es auf den Balkonen fast keine. Auch Sonnenschirme oder Markisen sind selten. Stattdessen haben viele Bewohner hier ihre Fahrräder abgestellt. Daneben sieht man zuweilen ganze Wohnzimmergarnituren: Couch, Sessel, Wohnzimmertisch, alles exakt übereinander gestapelt.

"Falowiec" heißen die Häuser im Nordwesten von Gdansk. "Fala", das bedeutet im Polnischen so viel wie Welle. Es sind riesige Plattenbauten, die sich mit einem wellenförmigen Grundriss durch den Stadtteil "Przymorze" schlängeln.

So groß wie eine Kleinstadt

Fast einen Kilometer lang ist der voluminöseste von ihnen, hier in der "Ulica Ojcowska". Und 11 Stockwerke hoch. Es gibt 16 Hauseingänge und jeder von ihnen führt zu 120 Wohnungen. Fast 6.000 Menschen sollen insgesamt in diesem einen Haus leben. So viel wie in einer ganzen Kleinstadt. Allein die Nordseite des gigantischen Baus hat drei eigene Bushaltestellen.

Entworfen wurde der Falowiec im Rahmen eines großen Bauprogramms. In den späten 60er- und frühen 70er-Jahren war Gdansk eine boomende Stadt. Als hätte es den Krieg nie gegeben, lebten bereits in den 60er-Jahren wieder mehr Menschen in der Ostseemetropole als je zuvor. Und die brauchten Platz. In Przymorze, dort wo es bis dahin nur Wiesen und Dörfer gab, wurde deshalb reißbrettartig eine gigantische Vorstadt geplant. Mit Supermärkten, Kinos, einem Theater und sogar einer eigenen Universität. Wahrzeichen sollte der Falowiec in der Ulica Ojcowska sein. – Das größte Haus Polens und das drittgrößte in ganz Europa. Spielerisch sollte es die Form der Ostseewellen nachahmen und vor allem Werft- und Hafenarbeitern ein zuhause bieten.

Gewohnt hat man hier schon immer beengt. Gerade einmal zwölf Quadratmeter Fläche stehen pro Person zur Verfügung. Im Durchschnitt sind die Wohnungen 40 Quadratmeter groß. Nicht viel Platz für die Familien, die in den frühen siebziger Jahren hier einzogen.

Gruselgeschichten kursieren über die Fahrstühle im Haus

Anonym gehe es hier heute zu, sagen manche der Hausbewohner. Außerdem würden die Aufzüge nie funktionieren. Es kursieren Gruselgeschichten, nach denen Menschen bereits einen ganzen Tag lang festgesteckt hätten oder bei dem Versuch, sich selbst zu befreien sogar umgekommen seien. Alles Quatsch, sagen andere. Gerade hier im Wellenbau habe sich noch immer eine gute nachbarschaftliche Atmosphäre erhalten. Hier kennt und hilft man sich. Ganz wie früher. Und außerdem habe man natürlich die Ostsee immer in der Nähe.

Nicht nur die Bewohner sind gespalten über den Falowiec. Während man in den 70er-Jahren fasziniert war von der Idee, tausende Menschen an einem Ort wohnen zu lassen, werden heute auch die Probleme des riesigen Baus deutlich. Neben der Enge ist das vor allem die soziale Randständigkeit mancher Bewohner. Und so diskutiert inzwischen ganz Polen über Sinn und Unsinn solcher Großbauten. Sollen sie als soziale Brennpunkte abgerissen oder lieber aufwändig saniert werden?

Der Falowiec bekommt Konkurrenz

In Gdansk jedenfalls scheint man bei dieser Frage inzwischen festgelegt zu haben. Während der Falowiec in der Ulica Ojcowska bereits eine Teilsanierung erhalten hat, plant man im unmittelbaren Umfeld einen noch größeren Bau: den "Bigboy". Ein Haus mit 202 Metern Höhe. So könnte neben dem längsten bald auch das höchste Wohngebäude Polens stehen. Wie der Falowiec in den 70er-Jahren ist auch der "Big Boy" auch ein großes Gegenwartsprojekt und gleichzeitig ein Versprechen an die Zukunft von Gdansk. Von den oberen Stockwerken aus soll man sogar die Ostsee sehen können mit ihren Wellen. Diesmal den richtigen.

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2016, 15:20 Uhr