Rio Reiser und die PDS "Du musst von Gysi acht Millionen verlangen …"

Autor: Henry Bernhard

Voller Hoffnung auf eine "linke Alternative" war Rio Reiser 1990 in die PDS eingetreten. Aber die Genossen benutzten den populären Sänger nur als Zugpferd im Wahlkampf. Erfahren Sie hier mehr über Reisers Rolle in der Partei.

Rainer Börner, der Organisator des Rio-Reiser-Konzertes im Oktober 1988 in der Ostberliner Werner-Seelenbinder-Halle, traf Rio Reiser im Frühjahr 1990 wieder. Rio war inzwischen – gegen die ausdrückliche Empfehlung seines Managers George Glueck – der PDS, der gewendeten SED, beigetreten. "Die Linke war nach der Wende völlig paralysiert, da waren die von der PDS die einzigen, die noch Ost-Interessen formulieren", erklärte Reiser damals dem "SPIEGEL". "Wenn Gysi Kanzler wird, trete ich wieder aus." Dennoch mutete es schon einigermaßen kurios an, dass ein alter Anarchist ausgerechnet in der PDS seine politische Heimat erblickte.  

Traum von einer linken Alternative

Rio Reiser wollte nicht, dass im Osten alles so werden sollte wie im Westen. Und er hegte die große Hoffnung, dass aus den Trümmern der DDR eine gesamtdeutsche Linke entstehen könnte, eine linke Alternative zum bestehenden bundesdeutschen System. Denn mit seinem von den DDR-Jugendlichen im Oktober 1988 begeistert mitgesungenen Song "Der Traum ist aus" hatte er natürlich stets die Bundesrepublik im Auge gehabt: "Dieses Land ist es nicht!" 

Treffen mit Gregor Gysi

In der PDS leitete Holger Börner inzwischen die AG "Junge Genossen". Reiser und der PDS-Genosse waren voller Hoffnung auf einen demokratischen Sozialismus. Und Börner machte Reiser schließlich auch mit Gregor Gysi bekannt. Die beiden trafen sich in einem Café am Berliner Fernsehturm. Rio war angetrunken, bekifft und so nervös, dass er Gysi seinen Kaffee über die Hose schüttete. Das schadete jedoch der Beziehung zwischen Rio und der PDS nicht. Börner konnte den westdeutschen Sänger sogar dazu überreden, für die PDS in den Bundestagswahlkampf zu ziehen.

"Du musst von Gysi acht Millionen verlangen"

Vier Jahre zuvor hatte Rio Reiser noch für die Grünen in der Bundesrepublik geworben. Nun trat er im ehemaligen Gebäude des ZK der SED am Werderschen Markt auf. Ein Kinderchor sang "König von Deutschland". Und Reiser absolvierte sogar eine Wahlkampftour quer durch Deutschland. "Er spielte ein oder zwei Lieder am Klavier. Und die Erklärungen von Reiser waren von übergroßer Verschwommenheit", schrieb der Journalist Christoph Dieckmann. "Er sagte etwas und nahm es im selben Moment zurück, weil er vermutlich auf rohen Eiern lief und sich nicht vereinnahmen lassen wollte." Dennoch: "König von Deutschland" lief kaum noch im Radio, der Musiksender VIVA boykottierte das Video. Es war alles haargenau so gekommen, wie ihm sein Manager 1990 prophezeit hatte: "Wenn du in die PDS eintrittst, musst du von Gysi mindestens acht Millionen verlangen, damit du die nächsten Jahre über die Runden kommen kannst, denn: Die spielen deine Songs dann nicht mehr im Radio."

Wieder im politischen Abseits

Rio war jetzt wieder da angelangt, wo er schon in den 1970ern mit seiner Band "Ton, Steine, Scherben" gestanden hatte: im politischen Abseits. Und wieder wurden seine Lieder nicht im Radio gespielt. 1994 machte er trotz alledem noch einmal Wahlkampf für die PDS für die anstehende Europawahl. Seine Hoffnungen, die er in die linke Partei gesetzt hatte, waren zu diesem Zeitpunkt freilich schon weitestgehend zerstoben. Und er war auch unzufrieden mit der Rolle, die er in der PDS spielte. Denn seine Meinung interessierte dort niemanden. "Die wollten halt nur, dass er im Wahlkampf singt", erinnerte sich Reisers Bruder Gerd C. Möbius 2011 in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". "Er sollte sich auf keinen Fall in ihre Politik einmischen. Die haben ihn nur vor ihren Karren gespannt."

Hintergrund Rio Reiser, eigentlich Ralph Christian Möbius, wurde 1950 in Berlin geboren. Von 1970 bis 1985 war er Texter und Sänger der Politrockband "Ton Steine Scherben": Reisers Songs wie etwa "Keine Macht für niemand" oder "Macht kaputt, was euch kaputt macht" (der im Auftrag der RAF entstanden sein soll) avancierten zu Kultsongs der Linken in der Bundesrepublik. 1985 startete er eine erfolgreiche Solokarriere. Rio Reiser starb 1996.

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2016, 18:38 Uhr