Interview mit dem Soziologen Wolfgang Engler "Arbeit war das Nadelöhr, durch das jeder hindurch musste"

Arbeit hatte im Osten einen ganz anderen Stellenwert als im Westen, und die Kombinate waren weit mehr als gewinnorientierte Unternehmen. Sie sorgten unter anderem dafür, dass die "Werktätigen" Arbeit und Familienleben miteinander versöhnen konnten. Der Soziologe Wolfgang Engler gibt im Interview Auskunft über Leben und Arbeit damals und heute.

Sie nannten die DDR und überhaupt die sozialistischen Staaten einmal "arbeiterliche Gesellschaften". Was verstehen Sie darunter?

Wolfgang Engler
Wolfgang Engler Bildrechte: Wolfgang Engler

Mit diesem Begriff wollte ich die unterschiedliche Bedeutung herausarbeiten, die der Erwerbsarbeit im Osten verglichen mit den Arbeitnehmergesellschaft zukam. Arbeit in einer Gesellschaft wie der DDR war eine ausweglose Form der Daseinsführung. Es gab keinen großen Geldbesitz, man konnte nicht als Privatier oder Pensionär leben, Unternehmer gab es auch kaum. Und so war die Arbeit das Nadelöhr, durch das fast jeder hindurch musste. Und das ist ein charakteristischer Punkt, der die enge Verbundenheit der Menschen mit ihrem Betrieb verdeutlicht. Und kündigte damit schon an, welche Probleme auf sie zukamen, als in den Jahren nach 1990 ebendiese Unternehmen reihenweise schlossen.

Was stellten die Betriebe und Kombinate im Osten dar und welche Rolle spielten sie im alltäglichen Leben der Menschen?

Betriebskindergarten der Plauener Maschinen AG, 1974. Kinder an Spielgeräten im Garten.
Betriebskindergarten der Plauener Maschinen AG, 1974. Bildrechte: dpa

Das waren schon sehr spezifische Gebilde. Teilweise schlossen sie an Traditionen großer paternalistischer Unternehmen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts an, die ja auch teilweise erhebliche Fürsorgepflichten für die Belegschaften übernahmen. Das wurde bei den großen Kombinaten in der DDR und im Osten überhaupt dann aber noch erheblich ausgebaut. Sie bildeten wahre "Multiplexe", die mehrere Funktionen gleichzeitig versahen; die Arbeit stand im Mittelpunkt, aber um sie herum formierte sich eine Gesellschaft im Kleinen. Was war nicht alles Teil dieser Unternehmen: Da gab es Kinderkrippen, Kindergärten, Ferienheime, Kinderferienlager, Saunen, Physiotherapien, Buchhandlungen, Bibliotheken, Malzirkel, Chöre, Gärtnereien, Schneidereien, Fotozirkel, Werkstätten für Tischler, Theatergruppen, Zirkel für Schreibende, Polikliniken, Verkaufsstellen…

Ökonomisch betrachtet waren diese sozio-kulturellen Einrichtungen natürlich unvernünftig …

Unter reinen Effizienzgesichtspunkten waren diese Einrichtungen tatsächlich unsinnig. Aber es waren ja eben keine kapitalistischen, nur am Gewinn orientierten Unternehmen, sondern die Kombinate verstanden sich tatsächlich auch als soziale und kulturelle Einrichtungen. Und da waren eben andere Gesichtspunkte ausschlaggebend als nur die bloße Gewinnerwartung.

Welche Rolle spielte die Arbeiter im Leben der Menschen im Osten?

Arbeit ist nie ausschließlich nur bloßer Existenzerwerb. Man knüpft bei der Arbeit auch Beziehungen, wird angeregt sich weiterzubilden etc. Das heißt, ein weites Geflecht nicht nur reiner Arbeitsbeziehungen, sondern sozialer Beziehungen, kultureller Impulse hängen mit Arbeit zusammen. Das heißt, Arbeit geht nicht nur nach Brot. Und das war in Gesellschaften wie der DDR besonders ausgeprägt.

Kann man sagen, dass die Betriebe und Kombinate durchaus bestrebt waren, Arbeit und Familienleben ihrer Beschäftigten miteinander vereinbaren zu helfen?

Das kann man sicher sagen. Ab den 1960er-Jahren, als auch der Großteil der Frauen in Beschäftigung standen, verstand es sich von selbst, dass man Voraussetzungen infrastruktureller Art schaffen musste, damit beides zusammengehen kann – Familie und Arbeit. Und wenn man sich die Diskussion heute ansieht, dann ist in diesem Punkt die DDR kein rückständiges Land gewesen, gerade was die Möglichkeit betraf, einer Arbeit nachzugehen, ein Familienleben zu führen oder seine Kinder betreut zu wissen. Also der Nachholbedarf in der alten BRD bei der Ganztagsbetreuung etwa ist in diesem Bereich ungleich größer. Oder Kindergartenplätze – die gab es früher ausreichend.

Nach 1990 verloren die Menschen im Osten bei Verlust der Arbeit weit mehr als nur den Arbeitsplatz …

Singezirkel für Frauen in Rehna.
Singezirkel für Frauen im Betrieb. Bildrechte: dpa

Ja. Und das hängt mit der Spezifik arbeiterlicher Gesellschaften zusammen. Wenn die Beziehung der Menschen zu ihrer Arbeit so eng war, wie es sich unter den vormaligen Umständen gestaltete, war der Verlust des Arbeitsplatzes nicht nur ein schockhaftes Erlebnis, sondern man stand auf einmal sozial entblößt da. Und all das, was vormals die Kombinate gewissermaßen als Gratisleistung für einen mit geboten oder besorgt  hatten, nämlich einen jeden in die Gesellschaft sozial und kulturell einzubetten, das war ebenso futsch wie die Einkommensquelle. Die Kommunen konnten dafür keinen gleichwertigen Ersatz schaffen, und so sahen sich die Menschen gänzlichen neuen Herausforderungen und Unsicherheiten gegenüber.

Wie erlebten "unsere Werktätigen" den Übergang zu Lohnarbeitern. Und wie wirkte sich das auf sie aus?

Sofern sie ihre Arbeit behielten, machten sie die Erfahrung eines erheblichen Machtverlustes. Zwar war in der DDR die Mehrheit von der politischen Machtausübung ausgeschlossen, aber auf der Ebene des alltäglichen beruflichen Lebens lag die Deutungshoheit eindeutig bei der Masse der Arbeiter und Angestellten. Die konnten sich nämlich bitten lassen zur Arbeit, deren Stelle war gesichert und sie mussten sich nicht sonderlich ins Zeug legen. Die Chefs mussten sie schon bitten zu Sonderschichten und Überstunden. Das fiel natürlich 1990 weg. Das heißt, die Machtverhältnisse pendelten sich auf das kapitalistische Normalmaß ein. Da gibt es Unternehmer und Manager, die die Direktiven und das Sagen haben, und die anderen, die sie zu erfüllen haben. Oben ist, ökonomisch gesehen wieder oben und unten unten.

Mit einer besseren Arbeitsorganisation und höheren Produktivität ab 1990 ging freilich auch eine ungeheure Disziplinierung der Arbeiter einher. Würden Sie das bestätigen?

Ja, ganz klar. Das hat schlicht mit der Machtbalance zu tun. In einem gewinnorientierten Unternehmen steht die Arbeitsdisziplin ganz oben an. Abgesehen davon greift die Disziplinierung in einer Gesellschaft, in der man seine Arbeit verlieren kann weit wirksamer, als unter Verhältnissen, die das in der Regel ausschließen.    

Betriebe - damals mehr als nur eine Arbeitsstätte

Was war nicht alles Teil der Betriebe und Kombinate: Es gab Kindergärten, Polikliniken, Sportgemeinschaften ...

Alte Schwarzweißaufnahme: Handballer in einer Turnhalle
Die Betriebe unterhielten etliche Betriebssportgemeinschaften. Im Bild die Handballmannschaft des Stahl- und Walzwerkes Henningsdorf. Bildrechte: DRA/Aktuelle Kamera
Alte Schwarzweißaufnahme: Handballer in einer Turnhalle
Die Betriebe unterhielten etliche Betriebssportgemeinschaften. Im Bild die Handballmannschaft des Stahl- und Walzwerkes Henningsdorf. Bildrechte: DRA/Aktuelle Kamera
Singezirkel für Frauen in Rehna.
Frauen im Singezirkel des VEB Wittstock Werkes Rehna. Der Betrieb produzierte Unterwäsche. Bildrechte: dpa
Alte Schwarzweißaufnahme: Betriebsmeisterschaften
Einige Betriebe unterstützen auch ausgefallene Sportarten wie zum Beispiel K-Wagenrennen. Bildrechte: DRA/Aktuelle Kamera
Ein Zahnarzt bei der Behandlung einer Patienten in der Betriebspoliklinik des VEB Schwermaschinenbau Lauchhammer, aufgenommen im Juli 1974.
Oft hatten die Betriebe auch einen Zahnarzt auf dem Gelände. Dieses Bild wurde 1974 im VEB Schwermaschinenbau Lauchhammer aufgenommen. Bildrechte: dpa
Betriebskindergarten der Plauener Maschinen AG, 1974. Kinder an Spielgeräten im Garten.
Volkseigene Betriebe unterhielten in der Regel einen Betriebskindergarten, in dem die Kinder der "Werktätigen" betreut wurden. Das Bild zeigt den Kindergarten der Plauener Maschinen AG (1974). Bildrechte: dpa
Eine Patientin bei einer Unterwassermassage in der Betriebspoliklinik des VEB (Volkseigener Betrieb) Palla Textilwerke Meerane im früheren DDR-Bezirk Karl-Marx-Stadt, aufgenommen 1973.
Auch die Gesundheitsvorsorge organisierten die Betriebe - meist in Betriebspolikliniken. Für Arbeiter und Arbeiterinnen aus Meerane im früheren DDR-Bezirk Karl-Marx-Stadt gab es zum Beispiel Unterwassermassagen in der Betriebspoliklinik des VEB Palla Textilwerke (1973). Bildrechte: dpa
Literaturzirkel
Aber nicht nur die soziale Infrastruktur war den Betrieben wichtig. Die VEB schufen auch kulturelle Angebote für ihre Arbeiter, die sich nach der Arbeit zum Beispiel in Literaturzirkeln trafen. Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv
Theater bei der Probe eines neuen Stücks
Theaterzirkel der Volkswerft Stralsund: Arbeiter proben im Kulturhaus des Betriebes ein neues Stück. Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv
Mitglieder des Fotozirkels auf Motivsuche
Diese beiden Arbeiter sind Mitglieder des Fotozirkels der Volkswerft Stralsund . Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv
Betriebsvergnügen
Bei regelmäßigen Betriebsvergnügen kam die ganze Belegschaft zusammen. Hier die Arbeiter und Arbeiterinnen der Volkswerft Stralsund. Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv
Singezirkel singt auf Betriebsvergnügen
Der Chor der Volkswerft Strahlsund - hier bei einem Auftritt. Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv
Aufnahmen aus dem Alltag des VEB Wälzlagerwerk "Kullerbude"
Die Betriebe unterhielten auch Ferienobjekte für ihre Mitarbeiter. Hier Bungalows des VEB Wälzlagerwerkes in Koserow auf der Insel Usedom. Bildrechte: Wolfgang Germanus
Alte Schwarzweißaufnahme: Pionierlager
Für die Kinder der Betriebsangehörigen gab es Ferienlager. Bildrechte: DRA/Aktuelle Kamera
Alte Schwarzweißaufnahme: Nachtsanatorium
Einige Großbetriebe wie das Stahl- und Walzwerk Henningsdorf unterhielten eigene Sanatorien für ihre Mitarbeiter. Bildrechte: DRA/Aktuelle Kamera
Alte Schwarzweißaufnahme: Schild mit Aufschrift "Nacht-Sanatorium"
Das VEB Stahl- und Walzwerk Henningsdorf hatte in der Betriebspoliklinik auch eine Nachtstation eingerichtet ... Bildrechte: DRA/Aktuelle Kamera
Alte Schwarzweißaufnahme: Kinder im Nachtsanatorium
... Dort verbrachten kranke Kinder die Nächte, damit die Eltern ihre Nachtschicht im Betrieb leisten konnten. Bildrechte: DRA/Aktuelle Kamera
Alle (18) Bilder anzeigen
Betriebskindergarten der Plauener Maschinen AG, 1974. Kinder an Spielgeräten im Garten.
Volkseigene Betriebe unterhielten in der Regel einen Betriebskindergarten, in dem die Kinder der "Werktätigen" betreut wurden. Das Bild zeigt den Kindergarten der Plauener Maschinen AG (1974). Bildrechte: dpa

Disziplinierung auch durch verschiedene Formen der Beschäftigung …?

Eine neue Erfahrung nicht nur, aber auch für die Ostdeutschen lag in dem Umstand begründet, dass die Formen der Beschäftigung seit den 1990er-Jahren erheblich differenziert wurden. Kernbelegschaften wurden durch Randbelegschaften aufgefüllt, gut und minderbezahlte Tätigkeiten ausgewiesen, Beschäftigte in quasi unkündbarer Stellung arbeiteten neben Leiharbeitern oder Minijobbern. Natürlich schwächt das alles den Zusammenhalt der Beschäftigten. Man sieht es an den kontinuierlich zurückgehenden Mitgliederzahlen der Gewerkschaften, dem fehlenden Mut zu Streiks. Das heißt, da ist irgendwie ein Stachel hineingetrieben in den Körper der Arbeitenden. Der wirkt und sorgt auch für Aversionen, Misstrauen, Angst und für Vorbehalten der Leute untereinander. Ob das nun gewollt ist oder nicht. Daran hatten sich die Ostdeutschen jedenfalls auch noch zu gewöhnen.

... die zudem in der DDR kaum Unterschiede gewöhnt waren.

… und als Arbeitende eine ziemlich homogene Gesamtgruppe mit nur minimalen Differenzen bildeten. Die meisten hatten einen festen Job, waren fast gleich bezahlt und überwiegend Facharbeiter. Das differenzierte sich nach 1990 deutlich aus. Man gehörte nun ganz oder nur halb dazu oder war vielleicht sogar nur ausgeliehen. Das spielt in der Wahrnehmung der Umbrüche der Arbeitswelt eine große Rolle für die Ostdeutschen.

Die Arbeitswelt ist seit 1990 erheblichen Umbrüchen unterworfen. Was sind die wesentlichen Merkmale dieser Veränderungen?

Ich glaube, es gibt zwei gravierende Veränderungen. Zum einen die erhebliche Differenzierung der Arbeitnehmerlagen. Verschiedene Fraktionen der Arbeitenden bilden zum Teil sehr divergierende Teilinteressen, die gegebenenfalls auch gegeneinander in Stellung gebracht werden können. Das andere: Die Lage der Nichtarbeitenden, also der Arbeitslosen, ist einem erheblichen Druck unterlegt. Das heißt, dass die Möglichkeit, ein Leben ohne Lohnarbeit zu führen, immer schwieriger bis unmöglich wird. Der Druck nimmt zu. Man muss sich immer mehr in dieser Tretmühle herumwälzen …

Haben Sie ein markantes Beispiel dafür, wie sich die Beziehungen zwischen den Arbeitern verändert haben im Vergleich zur früheren Zeit?

Eine der auffälligsten Veränderungen ist eine ganz simple: Jeder, der in der DDR einer Arbeit nachging, kann sich erinnern, dass am Zahltag die Leute aus dem Lohnbüro daherkamen und alle ihre Lohnzettel auf den Tisch legten. Und dann kam der große Vergleich: Wer hat zu wenig bekommen, wer zu viel, wer schien sich Vorteile erschlichen zu haben, wer war eventuell benachteiligt worden? Diese Praxis ist leider völlig aus der Mode gekommen, in manchen Unternehmen ist es sogar verboten, über sein Gehalt zu sprechen. Früher war das transparent, ein Anlass für kritische Blicke, aber auch für Alltagssolidarität. Das Offenlegen der Einkommensverhältnisse und das wechselseitige Prüfen, was der oder jener geleistet hat, passt nicht zu einer Gesellschaft, die die Arbeit als Kampfschauplatz organisiert.

Marktfrauen in Leipzig in den 1980er-Jahren
Wolfgang Engler: "Das Offenlegen der Einkommensverhältnisse und das wechselseitige Prüfen, was der oder jener geleistet hat, passt nicht zu einer Gesellschaft, die die Arbeit als Kampfschauplatz organisiert." Bildrechte: MDR/Mahmoud Dabdoub

Der Soziologe Wolfgang Engler Der 1952 in Dresden geborene Wolfgang Engler gehört spätestens seit seinem großangelegten Essay "Die Ostdeutschen als Avantgarde"(2004) zu den bedeutendsten Soziologen Deutschlands. Er publizierte zahlreiche Studien über Lebensformen in Ost und West, den Wandel der Arbeitswelten und Umbrüche in den industriellen Massengesellschaften. Seit 2005 ist Professor Dr. Wolfgang Engler Rektor der "Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch" in Berlin.

(erste Veröffentlichung am 12. September 2013)

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2016, 21:39 Uhr