Galerie Erste Liebe - spätes Glück

Elisabeth Erdmann und Wolfgang Nossen bei seinm 75. Geburtstag
Seit 23 Jahren sind Elisabeth Erdmann und Wolfgang Nossen verheiratet. Mit 15 verliebt sich der 1945 aus Breslau in Thüringen gestrandete Junge in die Erfurterin. Gute zwei Jahre sind sie ein Paar. 1948 verlässt der 17-jährige Nossen Deutschland – und damit auch Elisabeth. Sie verlieren sich aus den Augen - erst vier Jahrzehnte später sehen sie sich wieder. Foto: Elisabeth Erdmann und Wolfgang Nossen an Nossens 75. Geburtstag Bildrechte: Secilia Pappert
Elisabeth Erdmann und Wolfgang Nossen bei seinm 75. Geburtstag
Seit 23 Jahren sind Elisabeth Erdmann und Wolfgang Nossen verheiratet. Mit 15 verliebt sich der 1945 aus Breslau in Thüringen gestrandete Junge in die Erfurterin. Gute zwei Jahre sind sie ein Paar. 1948 verlässt der 17-jährige Nossen Deutschland – und damit auch Elisabeth. Sie verlieren sich aus den Augen - erst vier Jahrzehnte später sehen sie sich wieder. Foto: Elisabeth Erdmann und Wolfgang Nossen an Nossens 75. Geburtstag Bildrechte: Secilia Pappert
Wolfgang Nossen als junger Mann (links) im Kreise seiner Familie. Er ist der älteste Sohn des Ehepaares Nossen und hatte vier jüngere Geschwister
Die Familie Nossen stammt aus Breslau. Vater Max kommt während der Nazizeit immer wieder in verschiedene Konzentrationslager. Wolfgang (ganz links) ist das älteste von fünf Kindern. Mit seiner Mutter, seinem Bruder und den drei Schwestern überlebt er im Breslauer Ghetto. Die Nossens gehören zu den wenigen hundert Breslauer Juden, die die Nazizeit überleben - von ehemals rund 13.000 zu Anfang der 1930er-Jahre. Bildrechte: Wolfgang Nossen (privat)
Die Eltern von Wolfgang Nossen. Der Vater wurde zwei Mal in Konzentrationslager verschleppt. Mit gerade 13 Jahren musste er die Rolle des Vaters einnehmen und für die Mutter und die kleinen Schwestern in Breslau sorgen.
Nach dem Krieg wird Breslau polnisch. Für Deutsche – und dazu zählen auch deutsche Juden – ist kein Platz mehr. Der Großteil der überlebenden Breslauer Juden geht nach Thüringen. Auch Wolfgang Nossens Eltern ziehen mit ihren Kindern nach Erfurt. Sie eröffnen ein Geschäft, später ein Tanzlokal. Wolfgang, fast 15 Jahre alt, beginnt in Erfurt eine Lehre zum Automechaniker. Sein Vater besteht darauf, dass er seinen Schulabschluss nachholt. Foto: Wolfgang Nossens Eltern Bildrechte: Wolfgang Nossen (privat)
Elisabeth Erdmann als junges Mädchen
Jeden Abend geht Wolfgang in die Volksschule. Er ist nicht sonderlich begeistert, jahrelang hatte er während des Krieges keine Schule besucht. Das ändert sich, als im Englischunterricht ein junges Mädchen zaghaft die Tür öffnet. Elisabeth ist zu spät – die Aufmerksamkeit aller Jungs in der Klasse ist ihr sicher. Ausgerechnet ihn wählt die scheue Schönheit, um sie nach Hause zu bringen, erinnert sich der heute 82-jährige Nossen noch immer stolz. Foto: Elisabeth Erdmann zur Volksschulzeit Bildrechte: privat/ W. Nossen
Wolfgang Nossen und Elisabeth Erdmann in den 1950er-Jahren
Gute zwei Jahre lang sind Elisabeth und Wolfgang ein Paar – unschuldig und verliebt, wie Nossen verschmitzt erzählt. Doch neben der ersten großen Liebe gibt es bei Wolfgang Nossen eine noch größere, von der Elisabeth nichts ahnt. Im Mai 1948 wird der erste jüdische Staat der Welt gegründet. Der 17-jährige Wolfgang will unbedingt nach Israel – und weg aus Deutschland. Erst beim Abschied erfährt Elisabeth, dass ihr Wolfgang Jude ist. Sie habe sich darüber damals gar keine Gedanken gemacht, erzählt sie. Und es spiele für sie bis heute keine Rolle. Bei seiner Abreise verspricht er, sie nachzuholen. Fotos: Wolfgang Nossen, Elisabeth Erdmann in den 1950er-Jahren Bildrechte: privat/ W. Nossen
Wolfgang Nossen in israelischer Uniform. Er kämpfte seit der Staatsgründung Isreals bis in die 1970er Jahre in allen Kriegen.
Im Herbst 1948 landet Wolfgang Nossen in Haifa – und damit im ersten Unabhängigkeitskrieg Israels. Sofort greift der junge Mann zur Waffe – noch vier Mal wird er im Laufe seines Lebens sein Land verteidigen. Elisabeth nach Israel zu holen, daran ist 1948 nicht zu denken. Vergessen hat er seine Freundin aber nicht. Als deutsche Besucher kommen, gibt er ihnen einen Brief für sie mit - um das Porto zu sparen. Darin ein Foto und die genaue Anweisung, was sie zu tun hat, damit sie zu ihm kommen kann. Hätte er das Portogeld doch lieber ausgegeben - der Brief landet zwar tatsächlich bei seinen damals noch in Erfurt lebenden Eltern. Zu Elisabeth kommt er aber nie. Foto: Wolfgang Nossen war jahrelang Mitglied der israelischen Streitkräfte. Bildrechte: Wolfgang Nossen (privat)
Wolfgang Nossen war 18 Jahre lang der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Thüringens. Er hat von einem bewegten Leben zu berichten.
Knapp 30 Jahre später – Nossen lebt nach einer gescheiterten Ehe mittlerweile wieder in Deutschland – findet er den Brief in der Wohnung seiner Eltern. Eine seiner Schwestern hatte ihn offensichtlich versteckt. Nun wird ihm einiges klar. Wie enttäuscht war er damals gewesen, als er von einem Erfurter Freund erfuhr, dass Elisabeth einen neuen Freund hat. 1950 heiratet sie, bekommt eine Tochter. Doch für sie wiederum war klar, erinnert sich Elisabeth: Der hat mich vergessen. Als der Rest der Familie Nossen Mitte der 1950er-Jahre vor den stalinistischen Verfolgungen im Osten gen Westen flüchtet, ist für Wolfgang Nossen die letzte Verbindung nach Erfurt gekappt. Wenig später teilt eine Mauer Ost und West. Für den Israeli Nossen - ehemaliges Mitglied der israelischen Streitkräfte - ist eine Einreise in die DDR unmöglich. Foto: Wolfgang Nossen in der Neuen Synagoge Erfurt Bildrechte: Wolfgang Nossen (privat)
Elisabeth und Wolfgang Nossen. Verliebt haben sie sich im Erfurt der Nachkriegszeit. Es sollte über vierzig Jahre dauern, bis die beiden heirateten.
Ab 1977 lebt Wolfgang Nossen in Nürnberg, wohin es seine Familie bei der Flucht aus der DDR verschlagen hatte. Noch einmal versucht er eine Familie zu gründen – wieder scheitert die Liebe. Immer wieder stellt er Anträge zur Einreise in die DDR. Plötzlich, im Sommer 1989, erhält er eine Genehmigung. Die Mauer fällt – und Wolfgang Nossen ist in Erfurt. Im Telefonbuch sucht er nach Elisabeths Namen, er ruft an. Sie erkennt ihn sofort. Er solle zum Kaffee vorbei kommen, meint sie. Noch wohnt sie mit ihrem Ehemann zusammen – doch auch ihre Ehe ist gescheitert. Foto: Wolfgang Nossen und Elisabeth Erdmann Mitte der 1990er-Jahre Bildrechte: Wolfgang Nossen (privat)
Wolfgang Nossen am Tor der neuen Synagoge
1989: Elisabeth ist 60. Gerade ist die Lehrerin in Rente gegangen. Die Mauer ist gefallen und Wolfgang wieder aufgetaucht. Doch sie ist unsicher. Ihre Tochter sei es gewesen, die sie dazu gedrängt habe, Wolfgang eine neue Chance zu geben. Ihrem Kind hatte Elisabeth immer wieder von ihrer großen verschollenen Liebe erzählt. Wolfgang Nossen wiederum setzt alles auf eine Karte: auf Erfurt und damit auf Elisabeth. Er findet zunächst keine Wohnung und zieht in die Hausmeisterwohnung in der Neuen Synagoge. Foto: Wolfgang Nossen am Gartentor der Neuen Synagoge am Erfurter Juri-Gagarin-Ring Bildrechte: MDR/ Secilia Pappert
Wolfgang Nossen, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde
Wolfgang will Elisabeth nicht wieder verlieren. 1990 heiraten die beiden. Nossen arbeitet zunächst als Hausmeister für die Jüdische Gemeinde Erfurt, die Anfang der 1990er-Jahre nur noch aus ein zwei Dutzend Mitgliedern besteht. 1995 – er hat gerade das Rentenalter – erreicht, wird er zum Vorsitzenden der Thüringer Landesgemeinde gewählt. Unter Nossens Vorsitz wächst die Gemeinde. Mitte der 1990er-Jahre gibt es einen regelrechten Ansturm jüdischer Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Gemeinde wuchs auf über 800 Mitglieder. Foto: Wolfgang Nossen vor dem Toraschrank in der Neuen Synagoge Erfurt Bildrechte: MDR/Secilia Pappert
Wolfgang Nossen beim Festakt
Für den soeben in Rente gegangenen Nossen wird der Gemeindevorsitz zum Vollzeit-Job. Immer an seiner Seite: Ehefrau Elisabeth. Sie, die zurückhaltende, fast scheue, zarte Person scheint der ruhige Pol im Leben des wortgewaltigen kraftvollen Machers zu sein. Ihre Liebe kennt weder geografische, noch politische oder religiöse Grenzen. "Meine Frau hat ihren eigenen Kopf", sagt Nossen gern. Den Segen eines Rabbiners brauchen sie für ihren Bund nicht. Elisabeth ist nicht – wie bei jüdischen Ehen üblich – zum Judentum konvertiert. Foto: Wolfgang Nossen und Elisabeth im September 2012 beim Festakt zu "60 Jahre Neue Synagoge Erfurt" Bildrechte: MDR/Karsten Heuke
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