MDR-Reporterinnen Sabine Cygan und Jana Münkel
MDR-Reporterinnen Sabine Cygan und Jana Münkel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf Datensuche in der Welt der Datenhändler

Vier Journalistinnen, neun Wochen, ein Thema: Die abstrakte Welt der Datenhändler. Um zu verstehen, wie die Firmen arbeiten, die Daten sammeln und damit Geld verdienen, sind wir selbst ins Geschäft eingestiegen.

MDR-Reporterinnen Sabine Cygan und Jana Münkel
MDR-Reporterinnen Sabine Cygan und Jana Münkel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von Johanne Bischoff, Sabine Cygan, Jana Münkel, Wiebke Schindler

Eine Sonnenbrille liegt am Strand
Urlaubsfreunde24 – so nennen wir das Startup, über das wir das Gewinnspiel veranstalten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Daten – wir hinterlassen sie überall, oft ohne uns dessen bewusst zu sein. Ob beim Scannen der Kundenkarte im Supermarkt, beim Punktesammeln bei der Deutschen Bahn, beim Surfen im Netz. Jeder Like auf Facebook und jede besuchte Website verrät etwas über den, der da am Rechner sitzt. Datenbroker – so heißen die Unternehmen, die Daten sammeln und riesige Datenbanken erstellen. Und die analysieren aufs Genauste, wer wie tickt. Datenbroker verkaufen oder vermieten diese Daten an andere Unternehmen, die sie für ihr Marketing, also ihre Kundenansprache nutzen: Wer seine Kunden genau kennt, kann die Werbung präzise auf sie zuschneiden. „Der Boden in unserer heutigen vernetzten, digitalen Welt sind Daten. Sie bilden die Basis, auf der Unternehmen arbeiten. Kapital ist heute nicht mehr das, was unten rechts in der Bilanz steht, sondern die Anzahl und der Zugang zu Kunden", sagt Martin Nitsche, Präsident des Dialogmarketing-Verbandes in Deutschland.

Eine eigene kleine Datenbank

Internetseite mit einer Onlineumfrage
In unserem Fragebogen zum Gewinnspiel haben wir auch sensible Daten wie Parteinähe abgefragt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um von den Datenbrokern ernst genommen zu werden, brauchen wir also zuerst eines: Daten. Ein typischer Weg, um an Daten zu kommen, sind Gewinnspiele. Die Gewinnchance tauschen die Teilnehmer gegen ihre Daten ein. In der Datenbranche gibt es eine Wahrheit: „Wenn es nichts kostet, bist du das Produkt.“ Genau das machen wir uns zunutze. Wir erfinden ein hippes Reise-Startup: „Urlaubsfreunde24“. Wir erstellen ein Facebookprofil und einen Instagram-Account. Außerdem bauen wir unsere eine eigene Website mit einem integrierten Fragebogen. Wir fragen allerdings nicht nur Name und Adresse ab, sondern intimste Dinge wie chronische Krankheiten, Einkommen und Parteivorlieben. Unser Ziel: Daten sammeln und testen, ob die Gewinnspielteilnehmer wirklich bereit sind, so viele Dinge von sich preiszugeben. Wir bewerben das Gewinnspiel auf Facebook. Der  Fragebogen wird fleißig ausgefüllt, nur vier Menschen drücken ihre Skepsis in den Facebook-Kommentaren aus. „Was haben Allergien, chronische Krankheiten und Parteinähe mit meinem perfekten Urlaub zu tun?“, kommentiert eine Nutzerin. 10 Tage später: 153 Teilnehmer haben den kompletten Fragebogen ausgefüllt und uns persönlichste Dinge verraten. Wir haben nun eine eigene kleine Datenbank mit genauen Informationen zu den Teilnehmern. Wir wissen, wer gut und wer nicht so gut verdient. Wer chronisch krank ist, wer verheiratet ist, wer raucht und wer keinen Sport treibt.

Von unserem Experiment erzählen wir Gerd Billen, Staatssekretär im Justiz- und Verbraucherschutzministerium. Beim Thema Daten sieht er eine paradoxe Situation: „Wenn man die Verbraucher und Verbraucherinnen fragt: ‚Sind Sie für den Datenschutz?‘, dann sind immer alle dafür. Aber wenn dann eine konkrete Verlockung vorhanden ist sei es ein Reiseangebote oder etwas anderes. Dann siegt der innere Schweinehund über den Verstand. Und das ist eben ein Problem, weil natürlich auch viele unseriöse Datensammler unterwegs sind.“

Daten: Wenn, dann nur veredelt.

Zwei Frauen unterhalten sich am Arbeitsplatz.
MDR-Volontärinnen Johanne Bischoff und Wiebke Schindler bei der Recherche. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was können Datenbroker noch mit den Daten machen? Wir nehmen Kontakt zu mehreren großen Datenbrokern auf, aber nicht als Journalistinnen, sondern als Unternehmensberatung. Dafür gründen wir offiziell eine Briefkastenfirma in London mit zwei Euro Startkapital. Wir geben vor, für einen Großkunden im Tourismusbereich tätig zu sein, der seine Stammkunden besser kennenlernen möchte. Wir wollen unsere 153 Testdaten „veredeln“ lassen, also noch weitere Informationen zu unseren Gewinnspielteilnehmern dazu kaufen. „Anreichern“ nennt sich das im Datenbrokerjargon. Als Unternehmensberaterin telefonieren und mailen wir mit verschiedenen Datenbrokern. Drei Broker wollen Geschäfte mit uns machen. Das Überraschende: Keine der Firmen prüft, ob wir seriös sind. Unsere Website besteht nur aus Stockfotos, wir telefonieren nur mit einem deutschen Handy, obwohl wir offiziell in London sitzen. Im Handelsregister steht als Geschäftsführer ein anderer Name als auf unserer Website. Datenbroker hätten die Pflicht, zu prüfen, für wen er Daten anreichere, so der Staatssekretär Gerd Billen. „Es können auch kriminelle Zwecke dahinter stehen, es können politische Zwecke dahinterstehen. Also der Datenbroker kann sich nicht blauäugig hinstellen nach dem Motto ‚mit dem Teil des Geschäftes habe ich nichts zu tun‘.“

„Einmal Daten mit alles, bitte.“

„Daten? Kein Problem, ich glaube, wir hätten da ein paar…“, scherzt einer der Datenbroker, die wir kontaktiert haben, am Telefon. Wir entscheiden uns für einen Vertrag mit AZ Direct, einer Tochterfirma von arvato Bertelsmann. Für gut 1.000 Euro bekommen wir zu den Informationen, die wir über unsere Gewinnspielteilnehmer schon haben, noch 30 Persönlichkeitsmerkmale dazu. Doch  das ist nur ein Bruchteil von dem, was möglich wäre. Dass wirklich Informationen zu allen Gewinnspielteilnehmern in den Datenbanken der Datenbrokern vorhanden sind, klingt zunächst überraschend – doch die Datenbroker haben riesige Datenbanken, in denen nahezu alle Bürger in Deutschland analysiert und bewertet werden können. Zu jeder Person können die Datenbroker bis zu 300 Merkmale bereitstellen. Wir wissen jetzt zum Beispiel genau, wer von unseren Gewinnspielteilnehmern zur prekären Unterschicht gehört, wer als kämpferisch eingestuft wird, wer vor kurzem online eine Reise gebucht hat. Die Merkmale erzählen auch, wer als lustorientiert gilt, wer also per Definition ein „positives Verhältnis zum Körperlichen und zur Sexualität“ hat.

„Wahrscheinlich bin ich zu leichtsinnig“

Die Daten haben wir nicht gesammelt, um sie für uns zu behalten. Vier Teilnehmer besuchen wir zu Hause, um sie mit ihren detaillierten Persönlichkeitsprofilen zu konfrontieren. Einige wussten schon gar nicht mehr, um welches Gewinnspiel es geht, als wir uns ankündigen. Wir klingeln als Urlaubsfreunde24 – und decken dann auf, dass wir vom Mitteldeutschen Rundfunk kommen und ein Datenexperiment gestartet haben. Erschrockene, etwas ratlose Gesichter, als wir den Teilnehmern ihre Profile präsentieren. „Oh Gott, man sieht da ja jede Menge!“, sagt eine Teilnehmerin. „Ich bin wahrscheinlich zu leichtsinnig“, eine andere. Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen oder die Teilnahmebedingungen hat keiner der Menschen gelesen, die wir zu Hause besuchen. „Natürlich nicht!“, sagt ein Teilnehmer – und schaut schuldbewusst. Interessiert hören sich die Teilnehmer außerdem an, was uns der Datenbroker noch an Informationen über sie geliefert hat. Frederike Kaltheuner von der Organisation Privacy International befasst sich intensiv mit Datenbrokern. Sie sieht das sogenannte Profiling kritisch. „Wir haben die Kontrolle über unsere Daten verloren. Wir wissen gar nicht, was eigentlich anhand von scheinbar uninteressanten Datenspuren abgeleitet werden kann.“ Die Profile seien zum Teil unangenehm akkurat und gäben Dinge über die Menschen preis, die ihnen selbst gar nicht bewusst seien.

Zwei Frauen unterhalten sich auf einem Sofa sitzend.
Wir haben nicht nur die Daten aus dem Gewinnspiel – wir haben die Daten von Datenhändlern „veredeln“ lassen. Interessiert hören sich die Gewinnspielteilnehmer an, was wir über sie wissen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Falsche Daten, falsche Entscheidungen

Was aber auch klar wird, als wir mit den Menschen über ihre Persönlichkeitsprofile sprechen: Nicht alle Informationen, die uns der Broker geliefert hat, stimmen. Eine Teilnehmerin ist 34, wird aber in der Liste immer eine Generation zu alt eingestuft. Das kann passieren, da die Broker nicht alle Informationen auf direktem Wege abschöpfen, sondern vieles auf Berechnungen und Wahrscheinlichkeiten beruht oder von anderen Eigenschaften abgeleitet wird. Ein Risiko, so Frederike Kaltheuner von Privacy International: „Es gibt die Gefahr, dass ich falsch einklassifiziert werde oder eingestuft werde und deshalb Nachteile habe.“ Landet man nämlich mit fehlerhaften Informationen in einer Datenbank, kann das im echten Leben spürbar werden. Vermieter nutzen die Datenprofile, um zu entscheiden, ob jemand eine Wohnung mieten kann. Ob jemand einen Kredit kriegt oder beim Versandhändler per Vorkasse bezahlen muss. Auf Basis der Profile wird entschieden, in welcher Schublade jemand landet. Sind die Informationen falsch, kann es passieren, dass jemandem ein Kredit verweigert wird, obwohl er den eigentlich zurückzahlen könnte.

Für den Staatssekretär Gerd Billen ist das Thema Überwachung und Datenschutz eines, das die Bürger einer demokratischen Gesellschaft direkt betrifft: „Die größte Gefahr ist die für unsere Freiheit. Wenn man viel über unsere Schwächen und Reaktionsweisen weiß, wird unser Verhalten vorhersehbar.“ Und somit werden wir alle manipulierbarer –  ob für kommerzielle oder politische Botschaften.

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2018, 14:17 Uhr

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