Gesundheitsdaten - unser Feind und Helfer

Jeder dritte Deutsche nutzt inzwischen einen Fitness-Tracker entweder als App oder Armband. Krankenkassen haben längst den Trend erkannt und fördern die smarten Überwacher. Doch welche Daten werden dabei übermittelt? Und welche Konsequenzen drohen dem, der sich in Zukunft nicht überwachen lässt?

Smartphone-App 7 min
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Von Pauline Vestring, Romy Heinrich und Simon Köppl

Stellen Sie sich vor, Ihr Krankenhaus bestellt Sie ein, weil Sie in der nächsten Woche einen Schlaganfall bekommen werden. Sie selbst wissen nicht, warum Sie ins Krankenhaus müssen. Sie fühlen sich doch kerngesund.

Gesundheitsexperte Sebastian Schmidt-Kaehler
Als Gesundheitsexperte ist Sebastian Schmidt-Kaehler auch über die Digitalisierung von Gesundheitsdaten im Ausland informiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ihr Blutdruck verrät aber etwas anderes, das wissen Ihre Krankenkasse, Ihre Ärzte, die Forschung. Dieser Zustand ist in Israel normal. Dort werden die Gesundheitsdaten aller Patienten digital erfasst.

In Zukunft ist ein ähnliches Szenario auch in Deutschland denkbar, sagt Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler, der Krankenkassen bei Zukunftsprojekten zur Digitalisierung berät. Auch wenn er betont, dass in Deutschland strengere Datenschutzrichtlinien herrschen als in Israel. Was die Digitalisierung von Patientendaten generell angeht, stehe Deutschland noch am Anfang.

AOK belohnt hohen Puls

Die AOK belohnt das Sammeln von Daten bereits heute. Bis zu 180 Euro im Jahr kann erhalten, wer seinen Puls zum Beispiel mit einem Fitness-Armband regelmäßig für eine halbe Stunde auf mindestens 120 treibt oder 10.000 Schritte am Tag geht. Möglich ist dies allerdings nur, wenn sich Versicherte die AOK-App sowie eine Fitness-App auf ihr Smartphone laden und einwilligen, dass ihre Daten übertragen werden.

Wie werden Fitnessdaten übertragen? Die Übertragung der Fitnessdaten erfolgt bei der AOK so: Mit einem Fitnessarmband werden Daten, wie zum Beispiel Puls oder Schritte, aufgezeichnet. Damit die Daten auf das Smartphone übertragen werden, muss das Fitness-Armband mit einer Fitness-App gekoppelt werden. In dieser werden die Daten auch gespeichert. Auf die Fitness-App greift die Bonus-App zu. Dabei wird geprüft, ob eine Fitnessaktivität erfolgreich absolviert wurde.

Die AOK gibt an, dass sie nicht sehen kann, wie viele Schritte die Versicherten machen. Doch wie sicher sind die gesammelten Daten wirklich?

Passwort der AOK-App lässt sich knacken

Ein IT-Experte testet die Apps auf ihre Sicherheit. Er stellt fest, dass der Server der Fitness-App, die für die Datenübertragung benötigt wird, in den USA sitzt. Laut Datenschutz-Expertin Katharina Nocun könnten diese Daten zu Werbezwecken verwendet werden: ,,Personalisierte Werbung ist weltweit ein Milliardengeschäft.“  Die AOK bemerkt dazu, dass es leider keine deutschen Schrittzähler gebe, die an Google und Co vorbeiführen. Man nimmt die Datenübertragung ins Ausland dort also auf indirekte Weise in Kauf.

Ein Hacker und eine Reporterin des MDR sitzen vor einem Laptop und unterhalten sich.
Das AOK-Passwort konnte problemlos gehackt werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Noch bedenklicher ist: Ein IT-Experte, der für uns die Bonus-App analysiert, kann für uns das  Passwort, das zur Anmeldung in der AOK-Bonus-App benötigt wird, knacken. Mit diesem Passwort ist auch ein Zugriff auf die Online-Filiale der AOK möglich. Dort finden sich die Versicherungsnummer und die Bankverbindung. Wer dann noch die SMS abfangen kann, könnte auf Arztrechnungen zugreifen und sehen, wie viel Krankenversicherungsbeitrag man zahlt.  Eine riesige Sicherheitslücke. Unser IT-Experte arbeitet mit der AOK zusammen und schließt die Sicherheitslücke. Doch ob das System in Zukunft völlig sicher ist, scheint fraglich.

Ist es eine gute Idee, der Krankenkasse Zugriff auf die eigenen Gesundheitsdaten zu geben? Datenschützerin Katharina Nocun meint dazu: ,,Das Problem ist, dass wir gar nicht abschätzen können, was in Zukunft aus unseren Daten herauslesbar ist.“

Belohnung beim Gemüseeinkauf

Noch einen Schritt weiter als die AOK geht die Lebensversicherung Generali. Sie belohnt nicht nur Bewegung, sondern auch eine gesunde Lebensweise mir saftigen Rabatten. Wer seinen Einkauf tracken lässt und ausreichend Gemüse kauft, kann bis zu 15 Prozent der jährlichen Versicherungsprämie sparen. Im kommenden Jahr soll das Programm auf die Krankenversicherung ausgeweitet werden.

MDR-Reporterin Romy Heinrich beim Einkauf
Die Lebensversicherung Generali will ihr Bonusprogramm auf die Krankenversicherung ausweiten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diejenigen, die sich nicht an Bonussystemen beteiligen, werden mehr bezahlen müssen.

Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler Gesundheitsexperte

Werden in Zukunft diejenigen bestraft, die ihre Daten nicht preisgeben? Gesundheitsexperte Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler meint dazu: ,,Es wird keine Strafe geben in der gesetzlichen Krankenversicherung, aber eine Belohnung. Das heißt, dass die, die sich nicht an Bonussystemen beteiligen, auch mehr bezahlen müssen.“

Vielleicht wird die digitale Überwachung tatsächlich eines Tages auch in Deutschland einen Schlaganfall verhindern. Und am selben Tag geht dann ein Werbeprospekt mit blutdrucksenkenden Mitteln ein. 

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2018, 17:15 Uhr

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