Echt | MDR FERNSEHEN | 08.09.2015 | 21:15 Uhr Das Bornavirus

Ihr Hobby wurde ihnen zum Verhängnis: Zwischen 2011 und 2013 sind in Sachsen-Anhalt drei Züchter von ursprünglich aus Mittelamerika stammenden Bunthörnchen an Hirnhautentzündung gestorben. Zwischen zwei bis vier Monaten, nachdem sich die Männer infiziert hatten, erlagen sie den mit einer Enzephalitis einhergehenden Gehirnschwellungen. Sowohl in Gewebeproben der Verstorbenen als auch bei denen ihrer Bunthörnchen wiesen Wissenschaftler Erreger aus der Gruppe der Bornaviren nach. Bornaviren sind Forschern seit über 40 Jahren bekannt. Die nun in Sachsen-Anhalt gefundene Form des Erregers stellt die Experten allerdings vor einige Fragen.

Was Wissenschaftler über das Virus wissen

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts beobachteten Pferdehalter in der sächsischen Kleinstadt Borna an ihren Tieren Erschreckendes: Die Pferde entwickelten Verhaltensauffälligkeiten, motorische Störungen und starben später. Heute führen Wissenschaftler das Sterben der Tiere auf ein Virus zurück, dem die Stadt Borna seinen Namen gab. Diesen erhielt der Erreger allerdings erst 1970. Die Entschlüsselung der Genomstruktur des Virus gelang Wissenschaftlern sogar erst zu Beginn der 90er-Jahre.

Bornaviren befallen nicht nur Pferde. Auch Schafe, Rinder und andere Warmblüter können sich mit den Erregern infizieren. Neu ist die Übertragung vom Tier auf den Menschen, schrieben Forscher in der Fachzeitschrift "New England Journal of Medicine“. Sie gaben dem neuentdeckten Virus seinen vorläufigen Namen "Variegated Squirrel 1 Bornavirus (VSBV-1)".

Seit über 30 Jahren wurde unter Experten diskutiert, ob sich auch Menschen mit dem Bornavirus infizieren können und eine Ansteckung möglicherweise sogar mit psychischen Krankheiten wie Schizophrenie und Depressionen im Zusammenhang steht. Bei einigen Patienten wiesen Wissenschaftler sogar Antikörper gegen Bestandteile des Bornavirus nach – einen eindeutigen Beweis für eine Infektion lieferten die Befunde allerdings nicht. Keine der eingesetzten Methoden habe hinreichend zuverlässige Ergebnisse geliefert, um eine Bornavirus-Infektion beim lebenden Menschen nachzuweisen, schrieb das Robert-Koch-Institut (RKI) noch 2007 in einer Pressemitteilung: "Trotz aller intensiven und jahrelangen Bemühungen gibt es keine belastbaren Hinweise, dass das Borna-Virus überhaupt einen Krankheitserreger für den Menschen darstellt." Aufgrund mangelnder Hinweise auf Bornavirus-Infektionen beim Menschen stellte das RKI die Forschung zum Thema 2007 ein.

Die von den Bunthörnchen in Sachsen-Anhalt übertragenen Erreger könnten nun das Gegenteil bewiesen haben. In ihrem Fall wollen die Wissenschaftler außerdem herausfinden, ob die Tiere das Virus bereits in sich trugen oder sich bei anderen Tierarten ansteckten.  Ein Virenbefall ist bislang nur bei Tieren von Züchtern nachgewiesen worden, nicht aber bei Bunthörnchen, die in Zoos leben. Weiterhin ist unklar, ob sich die Züchter durch Kratzer, Bisse oder über andere Wege bei den Tieren ansteckten.

Zuletzt aktualisiert: 04. Juni 2019, 11:18 Uhr