Echt | MDR FERNSEHEN | 29.07.2020 | 21:15 Uhr Verstrahlte Friedensfahrt - Die Schicksalsfahrt des Olaf Ludwig

Die Ehefrau von Rennprofi Olaf Ludwig ist strikt dagegen, als ihr Mann an der Internationalen Friedensfahrt 1986 teilnehmen will. Kurz nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl will die DDR ihre Radstars in das verstrahlte Kiew schicken. "Meine Frau hatte damals Riesenbedenken - aber für mich war klar, wenn ich mich verweigere, obwohl ich nominiert bin, dann wäre das das Ende meiner Karriere gewesen", so Olaf Ludwig im Interview mit "Echt".

Olaf Ludwig und Uwe Ampler in Kiew 1986.
Olaf Ludwig und Uwe Ampler in Kiew 1986 Bildrechte: IMAGO

"Echt" hat die Radsportlegende exklusiv bei sich zu Haus in Gera getroffen und erzählt die dramatische Geschichte dieses absoluten Ausnahmetalents des DDR-Sports. "Schon als kleiner Junge habe ich davon geträumt Friedensfahrer zu werden und es war ein unglaubliches Gefühl, als ich endlich dabei sein durfte."

"Egal, was ist ..."

Für den Sport ist Olaf Ludwig bereit, fast alles zu opfern, auch als ihn die Funktionäre in die Strahlenhölle nach Kiew schicken. "Für uns und die Russen war klar: Die Friedensfahrt ist der erste Saisonhöhepunkt: egal, was ist - da müssen wir uns beweisen."

Olaf Ludwig Friedensfahrt
Olaf Ludwig in Kiew Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Nur spärlich fließen im Osten Informationen über die Katastrophe in Tschernobyl. In der DDR soll alles weitergehen wie gewohnt - so auch das Training für die 39. Friedensfahrt. "Echt" trifft exklusiv die beiden DDR-Fahrer Olaf Ludwig und Mario Kummer und fragt nach, wie sie jene Tage erlebten. Sie erinnern sich an ein gespenstisches Kiew. Frauen mit Geigerzählern, Tankwagen, aus denen die Straßen regelmäßig mit Wasser abgespritzt werden und die Empfehlung, Kinder nicht draußen spielen zu lassen.

"Echt" trifft Ekkehard Welz, damals Vizekonsul in Kiew. Anfang Mai nimmt der promovierte Ingenieur auf eigen Faust Messungen an Autos, Straßen und Menschen vor und lässt an die Radmannschaft ausrichten: "Alles bestens, null gesundheitliche Gefährdung." Also Glück gehabt? Bleibt die entscheidende Frage: Wie gefährdet waren Olaf Ludwig und seine Teamkollegen wirklich? "Echt" fragt nach bei Leuten, die es wissen müssen: Beim Bundesamt für Strahlenschutz.

Die "Tour de France des Ostens"

Bis 1989 war es DAS Radsportereignis in der DDR und in Osteuropa: die „Internationale Friedensfahrt“, das bedeutendste  Amateurradrennen der Welt. Zum ersten Mal gab es die Friedensfahrt 1948. Damals waren es zwei Rennen, das eine führte von Warschau nach Prag, das andere auf einer anderen Strecke von Prag nach Warschau. Die beiden Rennen hatten separate Wertungen. Die „Course de la Paix“ verband jedes Jahr im Mai die Hauptstädte von Polen, der Tschechoslowakei und ab 1952 der DDR. 1985 kam dann auch Moskau dazu. 1986 startete sie zum ersten Mal in Kiew. 1988 führte die Friedensfahrt von Bratislava nach Katowice über Berlin nach Prag. Im Laufe der Zeit wurde die Fahrt immer populärer, so dass schon bald von der „Tour de France des Ostens“ gesprochen wurde.

Wertungen

Seit Beginn der Internationalen Friedensfahrt war es das Gelbe Trikot, das jeder Fahrer tragen wollte. Es war das Trikot, das den schnellsten Fahrer in der Gesamteinzelwertung auszeichnete, der Summe der Zeiten aus den einzelnen Etappen und dem Prolog. Bei der Berechnung der Gesamteinzelwertung konnten Gutschriftszeiten abgezogen werden, die ein Fahrer bekam, wenn er einen Podiumsplatz erreichte. Auch Strafzeiten konnten verhängt werden, die meist dann vergeben wurden, wenn andere Fahrer oder Zuschauer gefährdet wurden. Die beste Mannschaft durfte das Blaue Trikot tragen. Im Laufe der Zeit kamen weitere Wertungen hinzu, die ebenfalls mit Trikots in unterschiedlichen Farben ausgezeichnet wurden. Westeuropäische Nationalmannschaften waren viel weniger dominant, da sie meist mit Nachwuchsfahrern, die noch keinen Profistatus hatten, starteten. 1990 kam die Friedensfahrt in eine Krise: Die Veranstalter waren immer wieder auf der Suche nach Sponsoren, die teilweise während der Vorbereitung auch wieder ausstiegen.  Aus dem Amateurrennen wurde nach und nach eine Profiveranstaltung. Im Jahre 2006 lief das letzte Rennen der Internationalen Friedensfahrt.