Echt | MDR FERNSEHEN | 22.05.2019 | 21:15 Uhr Mitteldeutschland extrem - Land ohne Frauen, Stadtabriss radikal

In Suhl wird ein ganzer Stadtteil abgerissen, um auf den massiven Rückgang der Einwohnerzahl zu reagieren. In Leipzig muss sich die Stadtverwaltung radikal umstellen: alle Prognosen sagten eine schrumpfende Stadt voraus, doch jetzt wächst die Bevölkerung. Im Altenburger Land dagegen, 50 Kilometer südlich von Leipzig, finden die Tannebergs niemanden, der ihren Gasthof übernehmen würde. Jede Statistik bestätigt: junge Leute fehlen.

Mitteldeutschland extrem - Land ohne Frauen 30 min
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Frank Brösicke ist Vorstandsvorsitzender der AWG Wohnungsbaugenossenschaft "Rennsteig" in Suhl. Er hat bereits tausende Wohnungen abreißen lassen, vor allem in Suhl Nord. Den einstmals größten Stadtteil von Suhl soll es in ein paar Jahren nicht mehr geben. Der Rückbau einzelner Wohnungen oder Häuser ist für die Wohnungsbaugenossenschaft keine Option: Die Stadt würde dadurch ausgedünnt, nur noch Inseln, ein löchriger Käse, wie es Frank Brösicke nennt. Die Infrastruktur für die Fläche müsste trotzdem bewirtschaftet werden, die Wege blieben lang, die Kosten hoch und die wenigen Menschen rückten auseinander. So ist der Ansatz, die Dimensionen zu verkleinern und die Stadt näher zusammen zu bringen. So kann die Genossenschaft wieder wirtschaften und auch die Kosten für die Stadt werden reduziert. Der "Tod" von Suhl-Nord macht Suhl lebenswerter und ist für die Wohnungsbaugenossenschaften nötig, um zu überleben.

Frank Brösicke im Echt Interview 8 min
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Früher sah das ganz anders aus: Die Menschen suchen verzweifelt Wohnraum. Es wird gebaut und Suhl wächst die Berge des Thüringer Waldes hoch. Jedes Jahr brauchen 3000 Familien eine neue Bleibe. Suhl-Nord entsteht, ein neuer Statdteil für 15.000 Menschen. Wer hier eine Wohnung haben will, braucht gute Beziehungen. Alles beginnt in den 1950er-Jahren, als die DDR-Regierung einen Verwaltungssitz für einen neuen Bezirk im Süden sucht. Suhl wir Bezirksstadt und ein sozialistisches Vorzeigeprojekt. Noch in den 1930ern hatte die Stadt nicht einmal 20.000 Einwohner. Das VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson-Suhl und das Kombinat VEB Elektrogerätewerk Suhl (EGS) boten tausende Arbeitsplätze. Die begehrten Mopeds Simson S50 und S51 kamen von hier und im EGS wurde das berühmte RG 28 hergestellt, ein Rührgerät, dass sogar in den Westen verkauft wurde. Die Stadt wuchs. In nur 30 Jahren - auf fast 60.000 Einwohner.  

Doch Anfang der 1990er verliert die sozialistische Vorzeigestadt ihren Status als Bezirksstadt, einfach weil es die Bezirke nicht mehr gibt. In den Moped- und Elektrogerätewerken gehen über 10.000 Jobs verloren. Die Menschen verlassen Suhl. Eine Entwicklung, die auch heute noch weitergeht. Die Prognosen sind ernüchternd: Die Stadt rechnet für 2020 noch mit 32.000 Einwohnern. Wenig mehr als die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung. Die Wohnungsgesellschaften und die Stadt fassen 2005 einen folgenschweren Beschluss: Suhl-Nord wird als Wohnviertel aufgegeben, um die Stadt als Ganzes zu retten.

Im Altenburger Land, 50 Kilometer südlich von Leipzig, haben sich die Tannebergs einen Traum erfüllt. Einen 200 Jahre alten Vierseitenhof bauten sie zu ihrem Gasthof aus. Lange Zeit waren sie glücklich hier, es lief gut. Jetzt aber sind die Tannebergs über siebzig und sie suchen dringend nach einem Nachfolger. Doch da beginnt das Problem: Sie finden weder junge Leute, die mithelfen, noch welche, die das Wirtshaus übernehmen würden.

Burkhard Jung im Echt Interview 6 min
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"Das wir mehr Neugeborene als Sterbende in dieser Stadt haben, das ist für mich die kleine Sensation."

Mi 22.05.2019 21:15Uhr 05:55 min

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Und doch wächst die Bevölkerung in Mitteldeutschland wieder – erstmals, seit Jahrzehnten. Ein Phänomen, das niemand erwartet hat. Doch gleich verteilt ist dieses Wachstum eben nicht. Es sind die großen Metropolen, allen voran Leipzig. In der Geburtsstation der Uniklinik zeigt sich zuerst, was für ganz Leipzig eine Herausforderung werden wird: Ein kaum zu fassender Babyboom. Am 25. August 2015 werden in der Uniklinik 17 Kinder geboren. So einen Rekordtag gab es lange nicht. Die Entwicklung der letzten drei Jahre ist fast schon historisch. Das erste Mal seit 1965 werden in Leipzig wieder mehr Menschen geboren als sterben. Die Stadt, die Jahre lang mit Schrumpfung rechnete, muss reagieren.

Zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2019, 11:39 Uhr