Echt | MDR-Fernsehen | 08.07.2020 | 21:15 Uhr Feuerwehren in Not – Gefährliche Waldbrandbekämpfung

Erst Anfang Juni 2020 brennt es unterhalb der Roßtrappe im Harz. Ganze zwei Tage dauern die Löscharbeiten, die sich schwierig gestalten in dem steilen und unwegsamen Gelände. Doch solche Einsätze könnten sich häufen. Wie sind die Feuerwehren vor Ort gewappnet? Mit welchen Problemen kämpfen sie? Und wie reagiert die Forstwirtschaft auf die wachsende Waldbrandgefahr in Mitteldeutschland?

Feuerwehren in Not - Gefährliche Waldbrandbekämpfung /Grafik
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Erst Anfang Juni 2020 brennt es unterhalb der Roßtrappe. 7.000 Quadratmeter Wald stehen in Flammen. Ganze zwei Tage dauern die Löscharbeiten, die sich schwierig gestalten mit konventionellen Mitteln bei einer Hangneigung von 80 Grad.

"Der kleinste Funke reicht"

ECHT!: Feuerwehren in Not - Gefährliche Waldbrandbekämpfung /Protagonisten
Brand an der Roßtrappe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch derartige Einsätze könnten sich häufen. In einer Region, die regenverwöhnt war, gilt immer öfter die Waldbrandstufe 5. "Die Trockenheit hat Ausmaße angenommen, da reicht der kleinste Funke, um ein Feuer auszulösen", sagt Dirk Rieche, Stadtwehrleiter in Oberharz am Brocken.

Der Klimawandel schlägt im Harz voll durch. Die Durchschnittstemperatur auf dem Brocken liegt inzwischen zwei Grad höher als noch vor 100 Jahren. Hitze und Trockenheit sind Normalität: ideale Bedingungen für Schädlinge wie den Borkenkäfer und tödlich für durstende Fichten. Dazu kommen immer öfter Stürme. Die Folge sind riesige Mengen Totholz, die eine enorme Brandlast bedeuten, wie Rieche weiter erklärt.

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Überall Holz, doch der Preis ist im Keller. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Waldmanagement im Nationalpark Harz erhöht sie unter Umständen noch, sieht das Konzept doch vor, die Natur sich selbst zu überlassen. Die Parkverwaltung arbeitet zwar daran, Waldwege und Löschteiche für die Feuerwehren zu ertüchtigen, doch das braucht Zeit genauso wie die Neuaufforstung mit Laubbäumen, die nicht so leicht entflammbar sind wie Nadelhölzer. Allein im Landkreis Harz geht es um 20.000 Hektar Fläche. Das kostet Geld, der derzeitige Holzpreis ist im Keller und hilft nicht, es zu erwirtschaften.

Daten & Fakten Wie Waldbrände in Mitteldeutschland zunehmen

Von Januar bis Mai 2020 gab es enorm viele Waldbrände. Sogar mehr als im selben Zeitraum der zwei Dürrejahre 2018 und 2019. Nur 1992 war es schlimmer, als es im Wald bei Weißwasser brannte. 20 Tage lang!

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Auf Mitteldeutschland bezogen brennt es in Sachsen und Sachsen-Anhalt am häufigsten. Selbst im Winter oder Frühjahr. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Von Januar bis Mai 2020 gab es enorm viele Waldbrände. Sogar mehr als im selben Zeitraum der zwei Dürrejahre 2018 und 2019. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Seit 1977 wird die Waldbrandstatistik geführt. Noch mehr Wald ging seitdem nur 1992 in Flammen auf. Ein Katastrophenjahr für Sachsen: Tagelang brannte im Frühjahr südlich von Weißwasser der Wald. 20 Tage dauert es, bis der Brand gelöscht. 2.000 Menschen sind im Einsatz. Weißwasser bleibt verschont, aber 1.300 Hektr Wald und Wiesen werden vernichtet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Andreas Hanl hat die unheilvolle Kraft des Feuers in Weißwasser miterlebt. Damals war er sieben Jahre alt. Heute ist er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Weißwasser, Forstwirt und Waldbrandexperte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Feuerwehrleute spritzen Wasser
Andreas Hanl weiß, wie wichtig die Ausbildung ist: "Wenn wir einen Bodenbrand haben und verhindern wollen, dass der in diesen Kiefernjungbestand reingerät, schlagen wir mit dem ersten Fahrzeug, mit dem Wasserwerfer wegen der Wurfweite, die Flammen erstmal runter. In der Zeit konnten die Kameraden ihre Schläuche auslegen, um das Feuer direkt anzugreifen. Das können wir mit dem Wasserwerfer nicht. Da wäre nach einer Minute voller Leistung Schluss." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Gerät
Damals 1992 in Weißwasser schien der Brand schon gelöscht. Aufkommender starker Wind traf auf Glutnester, daraus wurde eine neue Feuerwalze, die auf die Stadt zuraste. Heute besitzt die Feuerwehr in Weißwasser Wärmebildkameras, leichte Schutzkleidung und Löschrucksäcke. Nicht ohne Grund. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Auf Mitteldeutschland bezogen brennt es in Sachsen und Sachsen-Anhalt am häufigsten. Selbst im Winter oder Frühjahr. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Die Sorge, dass 2020 die verbrannte Waldfläche wieder einen Negativrekord bedeutet, ist groß. Schon 2018 war der Verlust sechs Mal größer als im Vorjahr.
2019 belief er sich auf 2.700 Hektar  - knapp 3.800 Fußballfelder.
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Feuerwehrleute spritzen Wasser
Bis heute ist Waldbrandbekämpfung kein verpflichtender Teil der Feuerwehrausbildung. In Weißwasser aber wird jedes Jahr geübt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Feuerwehrleute spritzen Wasser
Nach dem Katastrophenbrand  hat Sachsen drei Löschzüge extra für Waldbrände eingerichtet. Eines der speziellen  Tanklöschfahrzeuge ist in Weißwasser stationiert. Es ist geländegängig, verfügt über Bodensprühdüsen und Handgeräte zum Löschen kleinerer Brände.
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Waldumbau dauert Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Carsten Brett vom Betreuungsforstamt Harz sieht dennoch keine andere Lösung als das Abholzen kranker Bäume, um den gesunden Wald zu retten und neu aufzuforsten zu können hin zu hitzeresistenteren Mischwäldern. Damit die wachsen, sei das Schlagreisig als Dünger allerdings wichtig, erklärt er aus der Sicht des Forstwirts. Die Feuerwehrleute fürchten es hingegen als Brandbeschleuniger. Genau wie das Gras, das nun vermehrt auf den kahlen Flächen wächst, weil keine Baumkronen sie mehr beschirmen. Die Sonne dringt bis auf den Boden durch. So gedeiht es besonders üppig, wenn es braun und trocken wird, wirkt es im Falle eines Feuers wie Zunder. Brett gibt sich dennoch optimistisch, dass sich die Lage auf neu bepflanzten Flächen in drei, vier Jahren bessern und in zehn Jahren Erholung eintreten werde. Mit der akuten Brandgefahr, mit der müsse man im Moment leben.

Rieche: "Nicht optimal aufgestellt"

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Dirk Rieche, Stadtwehrleiter im Oberharz, muss jetzt handeln. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Akut handeln müssen die Feuerwehrleute, die gerufen werden, wenn es dann tatsächlich brennt. Um den Brandschutz zu verstärken, hält das Betreuungsforstamt nun einen "Waldbrandbereitschaftsdienst" vor, der den Feuerwehren helfen soll, den Brandherd zu finden. Eine wichtige Unterstützung: Früher hatte der Landkreis Harz mit zwei, drei Waldbränden im Jahr zu kämpfen, seit 2018 sind es zehnmal soviel – etwa 20. Dafür, räumt Rieche ein, sind "die Feuerwehren nicht in allen Bereichen optimal aufgestellt". Rieche ist seit 2016 ehrenamtlicher Stadtwehrleiter in Oberharz am Brocken, ihm unterstehen zehn Ortswehren. Von den erfahrenen Kameraden ahnte wohl keiner, dass die Situation im Harz mal so brenzlig wird.

Lohse: "Wir reden und reden und reden"

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Kai-Uwe Lohse, Vorsitzender des Feuerwehrverbandes von Sachsen-Anhalt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kai-Uwe Lohse mahnt als Vorsitzender des Feuerwehrverbandes von Sachsen-Anhalt seit über zwei Jahren Verbesserungsbedarf an. Als es unlängst an der Roßtrappe brannte, standen er und seine Männer wie "auf verlorenem Posten", erzählt er: "Zum einen, weil uns das Löschwasser fehlte. Und zum anderen, weil wir echt nicht rankamen. Für eine Feuerwehr ein total blödes Gefühl." Mit Löschhubschraubern wurde das Feuer schließlich unter Kontrolle gebracht. 20.000 Euro kostet so ein Einsatz. Die Helis von der Landes- und Bundespolizei anzufordern, ist kompliziert, denn oft haben sie gerade andere Aufgaben. Lohse aber meint, angesichts der sich mehrenden Brände brauche es künftig Hubschrauber für Löscheinsätze, die in bestimmten saisonalen Zeiten an zentralen Punkten in Deutschland stationiert sein müssten, um schnell abrufbar zu sein. Und Rieche ergänzt, was außerdem notwendig wäre: Schutzkleidung, zum Teil neue Tanklöschfahrzeuge, spezielle Ausrüstung wie D-Schlauchmaterial, Waldbrandrucksäcke ...

Benneckenstein handelt: NVA-Tatra zum Löschfahrzeug umgebaut

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Frank Goldhammer startete das Tatra-Projekt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sachsen-Anhalts Regierung hat Unterstützung zugesagt, doch die Zeit läuft gegen die Feuerwehren. Es gibt kaum Wasservorräte im Wald. Teiche sind ausgetrocknet als Folge der Dürrejahre, aber auch weil sie vernachlässigt wurden. Bis 2018 hat man sie schließlich kaum gebraucht. Tatsächlich bietet die einzige offene Wasserentnahmestelle zwischen Ilsenburg und dem Brocken derzeit nur etwa 10.000 Liter. Die seien unter Umständen nach zwei, drei Stunden aufgebraucht, wie Kai-Uwe Lohse erklärt. Kai-Uwe Lohse ringt um Lösungen wie Löschmittelbehälter. Die Kameraden in Benneckenstein versuchen, sich selbst zu helfen. Stolze 140 Jahre gibt es die Freiwillige Feuerwehr im Ort, rund 65 Mal pro Jahr wird sie zum Einsatz gerufen. Inzwischen verfügen die Benneckensteiner über einen Löschzug mit 18.000-Liter-Tank! Umgebaut haben sie dafür in den vergangenen drei Jahren einen Tatra, der war einst Flughafentankwagen bei der NVA, später Gülletransporter in der Landwirtschaft. Ursprünglich kauften sie das 36 Jahre alte Gefährt für 700 Euro, um Ersatzteile daraus zu gewinnen.

"Fast schon jede Woche unterwegs"

Feuerwehrfahrzeug
Erst NVA-Tanklaster jetzt Löschfahrzeug mit 18.000 Litern Wasser an Bord und Bodenschutz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nun ist der Tatra als Feuerwehr-Fahrzeug zugelassen, wie der Initiator des Projekts, Frank Goldhammer, erklärt: "Wir brauchen extrem viel Löschmittel im trockenen Wald. Es gibt nur wenige Stellen, wo man Wasser saugen kann. Und der Tatra transportiert ein Vielfaches im Vergleich mit einem normalen Löschfahrzeug." Er und seine Kameraden konnten Waldbesitzer, das Forstamt und andere Sponsoren gewinnen, um das Unternehmen mit Spenden zu finanzieren. Mit Bodensprühdüsen wurde der Tatra versehen, mit Schlauchmaterial und Strahlrohren, ein Wasserwerfer ist in Planung. Schon letzten Sommer, so erzählt Frank Goldhammer, waren er und seine Kameraden "mit dem Ding fast schon jede Woche unterwegs".

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | ECHT | 08. Juli 2020 | 21:15 Uhr