ECHT | MDR-Fernsehen | 30.09.2020 | 21:15 Uhr + Online first Corona-Cockpit-Helden

Der 14. April 2020 wird in den Geschichtsbücher von Leipzig und Halle eingehen. An diesem Tag ist der Airport der verkehrsreichste Flughafen Europas – weit vor London, Paris oder Frankfurt/Main. Die Welt der Passagierflieger steht still. In Leipzig dagegen herrscht Hochbetrieb: Die gelb-roten Expressflieger von DHL schalten um auf Krisenmanagement, damit die Warenströme nicht zum Erliegen kommen. Für sie sind Piloten aus aller Welt im Einsatz. Verhindert werden muss, dass die Pandemie auch den Hub, den Netzknoten in Leipzig lahm legt.

ECHT-Moderator Sven Voss
ECHT-Moderator Sven Voss rekonstruiert die dramatischen Tage im Frühjahr 2020 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Welt steht still im Frühjahr 2020 – wegen eines Virus. Im März kommt es zu einem historischen Einbruch auch beim Flugverkehr; um sage und schreibe 88 Prozent. Airports verwaisen. Der Himmel scheint leer. Niemand wagt es mehr abzuheben. Bis auf die gelb-roten Expressflieger von DHL mit Basis auf dem Flughafen Leipzig-Halle. Dort herrscht Hochbetrieb.

"Geisterflug" nach Bergamo

Ein Mann in Uniform im Flugzeug-Cockpit
Jochen Timm, Chefausbilder und Pilot im operativen Dienst Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch die vom Robert-Koch-Institut (RKI) als Krisengebiet identifizierten Regionen steuert die Fluggesellschaft weiter an – selbst den Corona-Hotspot, das norditalienische Bergamo.

Jochen Timm, Chefausbilder für etwa 300 Piloten bei EAT, den Frachtfliegern der Post, ist im März 2020 im operativen Dienst dorthin unterwegs: "Ein Geisterflug", erinnert er sich, kaum Funkverkehr auf der Strecke und beim Anflug nicht der übliche Stau unten auf der Straße:

Das einzige, was man gesehen hat, das waren Blaulichter. Das war unheimlich, für mich sehr gewöhnungsbedürftig.

Jochen Timm, Pilot Über seinen Flug nach Bergamo im März 2020

Wie das Krisenmanagement startet

ECHT-Moderator Sven Voss unterwegs mit den Corona-Cockpit-Helden 29 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
ECHT-Moderator Sven Voss unterwegs mit den Corona-Cockpit-Helden 29 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Flugzeug der DHL in der Luft
150 An- und Abflüge pro Tag Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alarmiert ist der Chef der Post-Expressflieger in Leipzig bereits nach einer turnusmäßigen Telefonkonferenz mit den südeuropäischen DHL-Stationen im Februar.

Ein Kollege aus bergamo schildert die Lage in dramatischen Worten, wie sich Markus Otto erinnert: "Er sagte, unsere Eltern- und Großeltern-Generation ist in Gefahr. Es gibt keine Familie mehr, die nicht betroffen ist."

Ein Mann im Gespräch
Markus Otto, Chef der Post-Expressflieger in Leipzig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Otto trägt die Verantwortung für rund 1.000 DHL-Mitarbeiter – Piloten, Flugzeugmechaniker und Disponenten. Er fragt sich darüber hinaus, was wenn das Virus auch das weltweit operierende Unternehmen lahm legt – und startet von Leipzig aus das Krisenmanagement. Schließlich muss ein Frachtflug-Unternehmen wie DHL garantieren, dass jedes Teil, jedes Dokument binnen 24 Stunden von A nach B befördert wird. Weltweit. Firmen, die Waren verteilen, suchen ihre Nähe. An der Autobahn zwischen Leipzig und Halle reiht sich ein Logistiker an den anderen. 88 europäische Airports fliegt DHL an. Eine Handvoll Ziele auch in Übersee.


Doch jeder Kontakt in die Welt, kann nun dafür sorgen, dass auch das Zentrum des Netzknotens, der HUB auf dem Flughafen Leipzig-Halle ausgeschaltet und damit auch der Warenfluss zum Erliegen kommt. Otto will "vor der Welle" sein, und während die Politik Ende Februar noch von Pandemieplänen spricht und das RKI den Sinn von Masken noch in Frage stellt, entscheidet er mit seinen Leuten, umgehend klassifiziertes Schutzmaterial zu beschaffen. Damit beginnt für Katja Formanowski, Einkäuferin bei der Airline, quasi der Sondereinsatz.

Wir versuchen, eine Risikosituation zu erfassen. Wenn wir keine adäquate Lösung haben, stellen wir das Fliegen ein. D oberste Ziel ist, dass unsere Crews, Mechaniker, wir am Boden, keiner Gefahr ausgesetzt sind. Wir haben dann aber relativ schnell gesagt: 'Lasst uns Schutzmaterial besorgen, Schutzausrüstung finden, um dann zu versuchen, immer so leicht vor der Welle zu sein.

Markus Otto Chef der DHL-Expressflieger über das frühzeitige Corona-Krisenmanagement
Flugzeuge der DHL am Flughafen bei Nacht
Tag und Nacht Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ab Ende Februar füllt sich das Lager im Hangar. Anfang März sind die Frachtflieger ausgerüstet. Den Piloten wird der Kontakt zum Bodenpersonal untersagt. Angesichts der Umstände wird Otto zufolge mehr geflogen als zuvor.

Um die Bestimmungen vor Ort, beispielsweise in Norditalien, einzuhalten geht es ohne Zwischenstopp wieder zurück, als Leerflug. Das kostet Millionen.

"Ohne die Frachtflieger kein Geschäft"

Ein Mann in einem Lagerhaus
Paulo Florindo leitet die Logistikfirma Bobcat in Halle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Davon, dass die Frachtflieger den Warenstrom in Fluss halten, profitieren die Logistiker auch deshalb, sie informieren detailliert über ihre Flugpläne, sind im Bilde über die Situation am Zielort im Hinblick auf die Pandemie-Regelungen. Paulo Florindo leitet die Logistikfirma Bobcat in Halle, die von Halle aus Teile für Bagger und landwirtschaftliche Geärte in den Mittleren Osten, nach Afrika und Europa verteilt: "Ohne die Frachtflieger kein Geschäft", weiß er.

Im April 2020 wird das Krisenmanagement zur Routine. Man ist in Kontakt mit staatlichen Behörden, versucht die Suche nach Sicherheitsausrüstung für Krankenhäuser oder Pflegeheime zu unterstützen, die immer noch mangelhaft ist. Erst Ende April kann die Bundesverteidigungsministerin auf großer Bühne eine Lieferung von Masken aus China präsentieren, auf dem Leipziger Flughafen.

Sven Voss rekonstruiert das Geschehen im Frühjahr 2020

ECHT-Moderator Sven Voss unterwegs mit den Corona-Cockpit-Helden
ECHT-Moderator Sven Voss hebt ab, in einem der modernsten Flugsimulatoren weltweit und mit Jochen Timm an der Seite. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

ECHT-Moderator Sven Voss rekonstruiert die dramatischen Tage im Februar, März und April 2020 bei den sächsischen Fracht- und Expressfliegern. ECHT gibt einen exklusiven Einblick in die Arbeit der größten Frachtfluggesellschaft Europas, spricht mit Flugzeugführern und Lotsen, erzählt Schicksale.

Sven Voss trifft Airline-Chef Markus Otto, den Chefpiloten Christoph Hofmann, den Piloten und Ausbilder Jochen Timm sowie den Chef des sogenannten Ground Operations Support & Services, Nico Tenius. Es geht um Piloten in plötzlicher Quarantäne, um lebenswichtige Flüge, um Mut und Teamgeist. Die Expressflieger sorgen dafür, dass das Drehkreuz Leipzig-Halle mitten im Lockdown zeitweise der verkehrsreichste Flughafen Europas ist, noch vor Paris, London oder Frankfurt. Und: DHL gerät ins Zentrum von spektakulären Hilfsaktionen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Echt | 30. September 2020 | 21:15 Uhr