ECHT! | MDR-Fernsehen | 10.06.2020 | IN der Mediathek Salz, Jobs und Reichtum – Thüringens Traum vom Weißen Gold

Vor 30 Jahren endete im Südharzer Revier im Norden Thüringens die Ära des Kali-Bergbaus. Was blieb, waren die Lagerstätten – und das Know How der Kumpel und Experten. Jetzt, 30 Jahre nach der Einheit, könnte sie wieder losgehen, die Jagd nach dem Weißen Gold: Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich ein australisches Konsortium die Kali-Vorkommen im Südharz mit ca. fünf Milliarden Tonnen Rohsalz auf einer Fläche von über 500 Quadratkilometern gesichert. Was macht es so besonders?

Szenen aus - Salz, Jobs und Reichtum - Thüringens Traum vom Weißen Gold 30 min
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Echt Mi 10.06.2020 21:15Uhr 29:44 min

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Vor 30 Jahren endete im Südharzer Revier im Norden Thüringens eine Ära. Die Bilder des 81 Tage währenden Hungerstreiks der Kumpel von Bischofferode gingen um die Welt. Insgesamt 20.000 Bergleute verloren damals ihren Job. Niemand rechnete mit einer Renaissance des Kali-Bergbaus in der Region. Doch Ende Dezember 2019 tauchten erste Meldungen im Internet auf: Ein australisches Konsortium sichere sich Thüringer Lagerstätten mit geschätzten fünf Milliarden Tonnen Rohsalz verteilt über eine Fläche von mehr als 500 Quadratkilometern. Ein gigantischer Schatz, wenn man das wertvolle Rohsalz aus bis zu 1.400 Metern Tiefe zu fördern weiß ...

Ungehobene Schätze, brachliegendes Know How

Salz, Jobs und Reichtum - Thüringens Traum vom Weißen Gold
Geologe Gerhard Nachsel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass das nicht so leicht ist, betont Dr. Gerhard Nachsel, gerade 80 geworden. Der Geologe war Jahrzehnte im Kali-Geschäft, auch für den Außenhandel der DDR. Schließlich war das Land drittgrößter Kaliproduzent der Welt. Der Rohstoff war einer der wichtigsten Devisenbringer. Die Exporte gingen bis nach China und Indien. Dort gibt es keine Kali-Lagerstätten, wie Nachsel erklärt. Zugleich brauche man den Rohstoff, neben Stickstoff und Phosphor, dringend; für Düngemittel zur Intensivierung der Landwirtschaft, um die große Bevölkerung zu ernähren. In der DDR liefen Nachsel zufolge bereits ab den 1950er-Jahren zahlreiche Bohrprogramme. Nachsel leitete ein Team von 20 Leuten, das Abbaumöglichkeiten für fünf Jahre im Voraus erkunden sollte: "Bis zu 1.500 Meter tief wurde im Feld vorgebohrt, um Lagerung und Qualität festzustellen." Die Erfolgsquote? "50:50", sagt er. Damals entwickelte sich die Region um Sondershausen, das Südharz-Revier, zum Kern der Kali-Industrie der DDR.

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UnterTage in Sondershausen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit fast 30 Jahren liegen die Schächte im Südharz-Revier nun brach. Auch im Kali-Bergwerk Sondershausen wurde der Abbau längst aufgegeben. Thomas Kießling studierte an der berühmten Bergakademie in Freiberg und erfüllte er sich seinen Lebenstraum: Der 40-Jährige ist Chef eines Bergwerks in seiner Heimat. Besucherinnen und Besucher führt er 700 Meter unter Tage, dorthin, wo man mit bloßem Auge sehen kann, was die Region einst reich gemacht hat. Über fünf Mal zwölf Kilometer dehnt sich das unterirdische Labyrinth aus, mit 80 Kilometern noch offenen befahrbaren Strecken. 500 Kilometer waren es zu DDR-Zeiten, weiß Nachsel und zeigt bei einer Tour durch das älteste noch befahrbare Kaliwerk der Welt auf das schimmernde, von weißen Adern durchzogene Gestein: "Das Rindfleischrote, das ist die Nutzkomponente: Kaliumchlorid, die liegt hier bei 20 bis 25 Prozent. Das ist sehr viel." Kießling zufolge geht man bei den geologisch erkundeten Gebieten von 400 Millionen Tonnen Kali-Salz aus, bei den möglichen Ressourcen seien es allein für das Gebiet Sondershausen bis zu eine Milliarde Tonnen.

Bilder Auf den Spuren der Rohstoffjäger: Das Weiße Gold im Südharz-Revier

Was interessiert die Rohstoffjäger am "Südharz Basin"? Woran tüfteln die Experten im ehemaligen Kali-Forschungsinstitut der DDR? Sven Voss geht auf Spurensuche in dem nordthüringischen Revier.

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Das Südharz-Revier im Norden Thüringens Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Geologe Gerhard Nachsel war Jahrzehnte im Kali-Geschäft, auch für den Außenhandel der DDR. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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ECHT!-Moderator Sven Voss unter Tage mit Gerhard Nachsel und Thomas Kießling. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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"Das Rindfleischrote, das ist die Nutzkomponente: Kaliumchlorid, die liegt hier bei 20 bis 25 Prozent. Das ist sehr viel", erklärt Nachsel. Der 80-Jährige arbeitet immer noch als Geologe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Die Lagerstätte unter Roßleben ist nach Ansicht vieler Experten bis heute eine Perle des Reviers, weil das Rohsalz dort eine große Vielfalt an Mineralien aufweist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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An eine neue Vision für den Kali-Bergbau im Südharz glaubt Dr. Heiner Marx. Der Saarländer Dr. Heiner Marx tat sich in den Wirren der Wende mit den Kali-Forschern der DDR zusammen. Gemeinsam führten sie den Nachfolger, die K-UTEC, zum Erfolg. Derzeit bauen sie eine große Kaliumsulfat-Anlage für Australien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Das Südharz-Revier im Norden Thüringens Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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In Sondershausen rettete man sich nach der Wende mit einem Erlebnisbergwerk und einer Untertage-Deponie vor der kompletten Schließung. Seit 2004 wird wieder Steinsalz abgebaut. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Zu DDR-Zeiten war das Kali-Salz ein wichtiger Devisenbringer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Helmut Pröseler, heute 87, war schon in den 1960er-Jahren für die Grube verantwortlich. Rainer Müller, inzwischen 80, managte die Kali-Fabrik über Tage. Der Geologe Hans Burrhee, 81, kennt die Lagerstätte aus dem Effeff und stellt fest, das Roßlebener Rohsalz genüge höchsten Ansprüchen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Die Kali-Veteranen Pröseler, Müller und Burrhee bedauern, dass mit der Wende auch das Aus für Roßleben kam. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Auch aus Sondershausen sei mehr herauszuholen als Steinsalz, glauben die Experten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Was interessiert die Australier am "Südharz Basin"?

Immer wieder gerät die Gegend in den Fokus von Rohstoffjägern, die Australier nennen die Salzsenke bereits "Südharz Basin". Das schöne Land über den reichen Kali-Vorkommen rund um den Kyffhäuser ist heute arm. Auch eine Kommune wie Roßleben am östlichen Rand: Die Einwohnerzahl von einst rund 7.500 hat sich halbiert, die Jungen ziehen weg. Das alte Kali-Werk, der VEB "Heinrich Rau", steht verfallen da, dabei ist die Lagerstätte unter Roßleben nach Ansicht vieler Experten bis heute eine Perle des Reviers, weil das Rohsalz dort eine große Vielfalt an Mineralien aufweist, die sich allerdings auch schwer separieren lassen.

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Kollegen von einst: Helmut Pröseler, Rainer Müller, Hans Burrhee Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Helmut Pröseler, heute 87, war schon in den 1960er-Jahren für die Grube verantwortlich. Rainer Müller, inzwischen 80, managte die Kali-Fabrik über Tage. Der Geologe Hans Burrhee, 81, kennt die Lagerstätte aus dem Effeff und stellt fest, das Roßlebener Rohsalz genüge höchsten Ansprüchen. Leider sei die Förderpolitik zu DDR-Zeiten nicht auf Qualität, sondern auf Quantität ausgerichtet gewesen, räumen die drei Experten ein. Die Steiger seien nach Effektivtonnen, also der Fördermenge bezahlt worden, erklärt Pröseler. Technologisch sei da heute vielmehr möglich, wissen alle drei und hadern deswegen immer noch mit dem Aus nach der Wende. In den 1980er-Jahren hatten die DDR-Geologen immer weitere Felder erkundet, im Nordosten Richtung Querfurt, im Süden gen Bad Bibra. Millionen wurden in Probebohrungen investiert. Doch als sie gerade dabei waren, in die Querfurter Mulde vorzudringen, fiel die Mauer. Das Kaliwerk Roßleben verlor über Nacht all seine Kunden im Ostblock. Der VEB "Heinrich Rau" wurde wie alle Kali-Werke im Revier Südharz dichtgemacht.

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Hinterlassenschaften des Kali-Bergbaus Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dort eine Untertage-Deponie einzurichten, damit das Bergwerk nicht verschlossen und die Lagerstätte zugänglich bleibt, kam für die Kommune nicht in Frage. "Und dann hat man die Schächte eben zugemacht und zwar so, dass sie als Konkurrenz ausschieden", sagt Pröseler und meint K+S im Westen. Mit massiven Betonpfropfen, Kies und Füllstoffen ließ die Treuhand Roßleben verschließen. Nun scheint gerade diese Lagerstätte wegen der besonderen Rohstoff-Qualität aber interessant. Mit Blick auf die so genannten polymineralischen Salze von Roßleben sagt Nachsel: "Daraus würde man heute Spezialdünger machen, den man reißend loswerden würde auf dem Weltmarkt." Große Halden und Salzlachen als Altlasten ließen sich heute vermeiden, erklärt Kießling.

K-UTEC – Sondershausener Forscher wollen Salzbergbau revolutionieren

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Heiner Marx sieht neue Perspektiven. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass aus dieser neuen Vision für den Kali-Bergbau im Südharz etwas wird, daran forscht seit Jahrzehnten ein Institut, das einst zum DDR-Kombinat gehörte und auch auf der Streichliste der Treuhand stand. Der Saarländer Dr. Heiner Marx tat sich in den Wirren der Wende mit den Kali-Forschern der DDR zusammen. Gemeinsam führten sie den Nachfolger, die K-UTEC, zum Erfolg. 100 Experten arbeiten heute in dem Unternehmen. Gerade baue man eine große Kaliumsulfat-Anlage für Australien, erzählt Marx: "Warum nicht auch auch hier, und: Wer wenn nicht wir", fragt er angesichts der Rohstoffe und des Know-How vor Ort. Die Kali-Fabrik, die das Rohsalz einst verarbeitete, gibt es nicht mehr, die alten Schächte sind verfüllt. Aber das alte Bergwerk sei noch im Zustand von 1991 konserviert, sagt Marx, der dort nun gerne etwas Neues wagen würde: Die Lagerstätte von Roßleben so nutzen, dass möglichst jedes der Minerale im Salz verwertet wird. Anders als vor 40 Jahren sei die Technologie nun ausgereift, um vermarktbare Produkte daraus zu gewinnen: nicht nur Kali, sondern auch hochwertiges Kochsalz, teuren Kaliumsulfatdünger oder sogar Gips. Die riesigen Halden aus Restsalz, aus denen bei Regen Unmengen von Lauge in die Böden gespült wurden, gehörten damit der Vergangenheit an.

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Blick auf den Petersen-Schacht im Kali-Werk Sondershausen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Sondershausen rettete man sich nach der Wende mit einem Erlebnisbergwerk und einer Untertage-Deponie vor der kompletten Schließung. Seit 2004 wird wieder Steinsalz abgebaut, das im Winter zum Streuen auf Europas Straßen Verwendung findet. 170 Menschen arbeiten dafür unter Tage. Doch die Vision, das viel wertvollere Kali-Salz abzubauen, die gibt es auch in Sondershausen, bestätigt Kießling, der findet: Die Politik muss es wollen – und Rahmenbedingungen schaffen, dass die Ressourcen diesmal genutzt werden zum Wohl des ganzen Südharz-Reviers.

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Seit 1976 wurden hier 200 Millionen Tonnen Salz abgeladen. Weil die Thüringer Kali-Werke zu DDR-Zeiten ihre Rückstände in die Werra leiteten, gibt es hier keine weißen Berge. 29 min
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | ECHT! | 10. Juni 2020 | 21:15 Uhr