DEFA-Studio für Trickfilme DEFA-Studio für Trickfilme: Kinderträume in der DDR

Sie ließen für Jahrzehnte die Herzen der Kinder in der DDR höher schlagen. Ihre liebevollen Figuren und deren Abenteuer sind bis heute Vielen im Gedächtnis geblieben und beeindruckten über Generationen hinweg: Die Trickfilme der DEFA-Studios.

Im Archiv des Deutsches Institut für Animationsfilm in Dresden (Sachsen) zeigt eine Mitarbeiterin den "Gestiefelten Kater" aus dem gleichnamigen Puppentrickfilm aus dem Jahr 1968.
Im Archiv des Deutsches Institut für Animationsfilm in Dresden zeigt eine Mitarbeiterin den "Gestiefelten Kater" aus dem gleichnamigen Puppentrickfilm aus dem Jahr 1968. Bildrechte: dpa

Das DEFA-Studio für Trickfilme wurde am 1. April 1955 in Dresden als das Staatliche Studio für Animationsfilme der DDR gegründet. Offiziell sollten "ideologisch wertvolle und moralisch einwandfreie Filme zur Erbauung der jungen Generation" gedreht werden. Dies entsprach dem Auftrag, die Zuschauer im Sinne der sozialistischen Ideologie zu erziehen. Schon vor der Gründung des neuen Betriebes hatte die DEFA Trickfilme produziert. Internationale Auszeichnungen festigten den Entschluss, ein eigenes Studio in Dresden zu etablieren.

In den folgenden 35 Jahren entstanden in dem volkseigenen Betrieb um die 2.000 Filme, davon allein 740 Animationsfilme für Kinder und Familien. "Alarm im Kasperletheater" (1960), "Der gestiefelte Kater" (1968) oder "Die Weihnachtsgans Auguste" (1984-1985) sind nur einige wenige Beispiele aus dem großen Fundus des Filmstudios. Für das Fernsehen fertigte die DEFA über 600 Produktionen an, es entstanden aber auch Satiren und künstlerische Filme für Erwachsene. Verschiedene Produktionen fanden auch international Beachtung und wurden erfolgreich exportiert. Nach einem kurzen Intermezzo als GmbH fand das Studio 1992 mit seiner Abwicklung ein jähes Ende.

Die Anfänge der DDR-Trickfilmkultur

Die Anfangszeit des Studios war vom Erproben verschiedener Animationstechniken geprägt. Diese wurden sowohl für den Puppen- und Zeichentrickfilm als auch für Silhouetten- und Handpuppentrickfilme eingeübt. Neue Künstlergemeinschaften mussten ausgebildet werden, um die Kinderfilmproduktion starten zu können. Die technische Ausstattung entsprach damals weder dem internationalen Standard noch der künstlerischen Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter. Im Staatsplan der DDR 1962 war ein Studioneubau mit moderner Technik vorgesehen, welche eine industrielle Herstellung von Trickfilmen ermöglicht hätte. Diese Erneuerung fiel jedoch dem Kalten Krieg zum Opfer: Erhöhte staatliche Ausgaben auf Grund der Kuba-Krise vernichteten die Pläne. 1969 wurden schließlich ein zweiter Kanal (DFF 2) gegründet und damit auch das Farbfernsehen eingeführt, der Unterhaltungsbedarf der Bevölkerung stieg.

Endlich: Eine bessere Ausstattung

Anfang der 1970er-Jahre wurde die lang ersehnte bauliche und technische Erneuerung des Studios vorgenommen. Damit avancierte der Betrieb kurzzeitig zum modernsten Studio für Trickfilme in ganz Europa. Während 1957 noch 156 Künstler für das Studio tätig waren, wuchs die Belegschaft bis 1989 auf 250 Mitarbeiter an. Realisiert wurden überwiegend staatliche Aufträge für das Fernsehen der DDR und das Kino. Figuren wie Jan und Tini in ihrer "Silberhummel", die Feuerwehr Felicitas, Teddy Brumm oder das lustige Quartett aus Kasper, Brummi, Püppchen Sylvia und Matrose Heiner waren die Stars der Produktionen.

Mit seinen Silhouetten-Filmen setzte das Dresdner Studio sogar international Maßstäbe. Ähnlich wie bei der Scherenschnitttechnik sind die Figuren hier nur im Profil zu sehen. Zahlreiche Filme des Studios wurden außerdem ausgezeichnet. Auf dem Internationalen Filmfestival Karlovy Vary (damals Tschechoslowakei) erhielt die Märchenverfilmung "Das kalte Herz" 1951 den Preis für den besten Farbfilm. Lothar Barke erhielt 1962 die Silberne Lotusblume des International Film Festival of India für "Alarm im Kasperletheater" sowie 1987 den Goldenen Spatz für "Das gestohlene Gesicht" in der Kategorie "Animation" sowie den Ehrenpreis der Kinderjury. "Zirri – Das Wolkenschaf" wurde 1993 auf dem Cairo International Film Festival for Children in Ägypten mit dem "Golden Prize" ausgezeichnet.

Lothar Barke "Alarm im Kasperletheater" (1960)
Lothar Barke "Alarm im Kasperletheater" (1960) Bildrechte: DIAF-Archiv

Das Ende der Fantasie?

Noch vor der Wiedervereinigung erfolgt ab 1. Juli 1990 die Umwandlung des Studios in eine Kapitalgesellschaft, die DEFA Dresden GmbH. Längere Verhandlungen, die Trickfilmproduktion in Dresden zu erhalten, scheiterten. "Zirri" sollte der letzte von der DEFA produzierte Kinderfilm werden, gedreht wurde bis Mai 1992. Im Dezember wurde das Studio per Treuhand an den Mitteldeutschen Rundfunk verkauft und in eine Tochtergesellschaft umgewandelt, die DREFA Filmatelier GmbH. Die künstlerisch-technischen Mitarbeiter wurden entlassen. Damit endete die Animationsfilmproduktion im ehemals größten Trickfilmstudio Deutschlands.  

Ein großes Erbe

Auch heute noch zeugen die Filme des ehemaligen DEFA-Studios von einem hohen künstlerischen, handwerklichen Anspruch und Können sowie von komplexen Tricktechniken und Animationen. Die künstlerischen Materialien wie Puppen, Requisiten und Zeichnungen sowie das audiovisuelle Material werden vom Deutschen Institut für Animationsfilm (DIAF) in Dresden sowie der DEFA-Stiftung in Berlin bewahrt und aufgearbeitet. Im Dresdner Archiv lagern heute etwa 1.500 Puppenfiguren und 3.000 Requisiten. Durch den Silhouettenfilm kommen noch einmal rund 3.300 Figuren hinzu. Die Hinterlassenschaften des DEFA-Studio für Trickfilme tragen neben ihrem künstlerischen Wert auch zu der politischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der DDR bei.

Der DEFA–Filmstock, der auch Dokumentarfilme, Trickfilme und Synchronisationen umfasst, ist also nicht nur Teil unserer Geschichte, sondern gehört zu unserer künstlerischen Gegenwart und unserer politischen Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Vergangenheit. In der Zukunft bildet er einen Teil unseres kulturellen Erbes. Er legt ein bedeutendes Zeitzeugnis über die Menschen, den Alltag und das politische System der DDR ab.

Bernd Neumann, Staatsminister bei der Bundeskanzlerin und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien Grußworte Bernd Neumanns anlässlich der Feierlichkeiten "60 Jahre DEFA" am 17. Mai 2006 in Potsdam-Babelsberg

Nach und nach soll das Erbe des Studios öffentlich zugängig gemacht werden. Erstmalig geschah dies auf der Berlinale 2015: Zur besonderen Würdigung der filmischen Leistungen des Studios wurde im Jubiläumsjahr ein umfangreiches Digitalisierungsprojekt von 60 herausragenden DEFA-Animationsfilmen ins Leben gerufen. Auch künftig sollen die Filme im Kino und Fernsehen gezeigt werden können und so neue Generationen zum Träumen bringen.

DEFA Die Deutsche Film AG (kurz DEFA) war ein volkseigenes Filmunternehmen der DDR mit Sitz in Potsdam-Babelsberg. Das Filmstudio produzierte etwa 700 Spielfilme, 750 Animationsfilme sowie 2250 Dokumentar- und Kurzfilme. Seit 1990 verwertet der Progress Film-Verleih als GmbH die DEFA-Produktionen. 1992 wurde die Deutsche Film AG von der Treuhandanstalt verkauft. Die Rechte am DEFA-Filmstock wurden 1998 schließlich der neu gegründeten, gemeinnützigen DEFA-Stiftung übertragen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 27. Oktober 2020 | 21:00 Uhr