Der Osten - Entdecke, wo du lebst | 06.03.2018 Pointen & die Mächtigen - Die Herkuleskeule in Dresden

Ein Film von Steffen Jindra

Seit fast 60 Jahren ist sie fester Bestandteil der Dresdner Kulturszene: Die Herkuleskeule. Das politische Kabarett teilt aus gegen alle, ob Generalsekretär oder Kanzlerin. Es strapaziert Lachmuskeln, aber machmal bleibt einem das Lachen auch im Halse stecken. "Der Osten - Entdecke, wo du lebst" schaut hinter die Kulissen des Kabaretts.

Die Keule teilt aus. Mit politischem Kabarett gegen die Mächtigen, die Kriegstreiber und Populisten. Immer aktuell, immer böse, immer pointiert. Kritik mit Witz seit 1961. Schaller, Stumph, Schubert. Glauche, Grube, Ensikat. Namhafte Wort- und Witzkünstler begeistern seit Jahrzehnten das Publikum.

29 Jahre lang wirkte die Keule unter den wachsamen Augen der SED und der Stasi. Die Programmschreiber und Kabarettisten waren geschult im Spiel zwischen den Zeilen: Kritik so zu üben, dass das Publikum sie verstand, Partei- und Staatsfunktionäre aber nicht aktiv wurden, das war das Markenzeichen - nicht nur der Keule, sondern auch aller anderen Kabaretts in der DDR. Seit nunmehr 28 Jahren beweisen sich die Kabarettisten der Keule am Freien Markt. Mit Biss und Witz üben sie Kritik an sächsischen, deutschen und internationalen Verhältnissen. Auch die besorgte Dresdner Bürgerschaft bekommt in der Keule ihr Fett weg.

Wir haben eigentlich immer versucht, ein bisschen wie ein Seismograph zu sein. Und das hat sich im Nachhinein eigentlich immer so bestätigt. Wir haben seismographisch die Dinge gespürt, die die Leute umtreiben.

Birgit Schaller, seit 1988 an der Keule

Galerie Die Herkuleskeule in Dresden

Fast sechs Jahrzehnte politisches Kabarett aus Dresden. Die Gesichter und Orte hinter Wortwitz und Pointe.

Blick auf die alte Spielstätte der Herkuleskeule
Schuld am Namen des Kabaretts sind die vier Herkulesstatuen in der Herkulesallee im Dresdner Großen Garten. Bildrechte: MDR/Max Heeke
Blick auf die alte Spielstätte der Herkuleskeule
Schuld am Namen des Kabaretts sind die vier Herkulesstatuen in der Herkulesallee im Dresdner Großen Garten. Bildrechte: MDR/Max Heeke
Schauspieler Wolfgang Stumph anläßlich der NDR - Talkshow am 17.11.2017 in Hamburg.
Wolfgang Stumph kommt 1980 vom Amateurkabarett "Die Lachkarte" an die Herkuleskeule und bleibt bis 1991 Teil des Ensembles. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA
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Ein Ventil für die Dresdner

1960 fordert die Bezirksleitung der SED ein eigenes Kabarett für die Stadt Dresden. Hier beginnt die Geschichte der Herkuleskeule. Bis kurz nach der Wende sind die Kabarettisten der Keule staatlich finanzierte Kritiker. 

Der junge Kabarettist Manfred Schubert gründet die Herkuleskeule, schreibt 1961 das erste Programm "Keine Witzbeschwerden". Und hat mit Startschwierigkeiten zu kämpfen: Wie kann er die Keule bekannter machen? 

Nach ein paar Vorstellungen wurde es doch ein bisschen dünn, da blieben die Zuschauer aus, und große Werbeaktionen konnten wir auch nicht leisten. Und da hat uns das Staatstheater geholfen.

Manfred Schubert, Gründer der Keule

Wer damals Karten für das Staatstheater haben wollte, der "musste" auch Karten für die Herkuleskeule nehmen. So etabliert sich das Kabarett. Die Keule ist unterhaltend und kritisch zugleich. Sie teilt bevorzugt gegen die Fehler des sozialistischen Systems, aber auch gegen den kapitalistischen Westen aus.

Das war alles im Bildhaften. Die direkte Ansprache des Problems gab es selten. Um das Problem wurde eine kleine Geschichte erzählt. Das war natürlich unser Geschick, wir hatten sehr begabte Leute auf der Bühne. Und da war die Fantasie gefragt, was unsere Zuschauer auch gelernt haben. Es war anspruchsvoll für den Kopf, für die Lachmuskeln aber auch.

Manfred Schubert

Bevor ein Programm das Publikum erreicht, muss es die Aufsichtsinstanzen der Stadt und des Bezirks durchlaufen. Das geht meistens gut aus für die Keulianer, aber nicht immer: Ende der 1960er-Jahre wird das Programm "Wo leben wir denn" verboten und muss ersetzt werden. Texter Manfred Schubert wird aus der Schusslinie genommen und für ein halbes Jahr auf die Parteischule geschickt.

Als Ersatz holt Schubert den Lehrer und Leiter eines Jugendkabaretts, Wolfgang Schaller, an die Herkuleskeule. Er wird für Jahrzehnte der prägende Kopf des Kabaretts. Zusammen mit dem Autor Peter Ensikat schreibt Schaller Programm um Programm. Ihre messerscharfen Analysen der real existierenden Realität des Sozialismus machen sie zum bekanntesten Kabarettduo der DDR. Jahrzehnte später erhalten sie einen Stern auf dem Walk of Fame des deutschen Kabaretts.

Den Textern hinter und den Schauspielern auf der Bühne gelingt es, eine Beziehung zum Publikum aufzubauen, die für viele Dresdner prägend wird: Michael Wippler, Bäckermeister aus Dresden und Freund der Schallers, wird in den 1980er-Jahren großer Fan der Keule:

Endlich sagte mal jemand die Wahrheit. Da war schon ein sehr inniges Verhältnis, eine innere Einheit zwischen Publikum und Darstellern auf der Bühne. Nach so einer Vorstellung hatte man das Gefühl, als wäre ein Eisbrecher durch einen zugefrorenen See gefahren. Man war freier... Es war wie ein Ventil, und es hat auch Mut gemacht.

Michael Wippler, Bäckermeister und Freund der Schallers

Kabarett ohne (W)Ende

Mit der Wende wendet sich auch das Blatt für die Herkuleskeule. Der "gemeinsame Feind" von Publikum und Kabarettisten ist fürs erste verschwunden. Und nach dem Ende der DDR verschwindet im Jahr 1993 auch die staatliche Finanzierung. Die Keule muss sich als Gesellschaft mit beschränkter Haftung am freien Unterhaltungsmarkt beweisen. Und sie behauptet sich.

Wir haben aber immer auch versucht, im Programm unterschiedliche künstlerische Formen zu finden. Mal war es ein stärker parodistisches Programm, dann war es ein Programm, wo wir ziemlich festgefügte Figuren gespielt haben. Wir haben immer versucht, unterschiedliche künstlerische Mittel zu benutzen.

Birgit Schaller

Alles bleibt anders, das gilt für das Programm, für das Ensemble und für die Spielstätte: Nach über fünfzig Jahren an einem einzigen Spielort ist die Herkuleskeule 2017 in den sanierten Kulturpalast mitten in die Altstadt Dresdens gezogen. Vom Palastkeller aus versucht sie eine pointierte Revolte gegen eingefahrene Denkmuster des Publikums zu starten.

Das ist eigentlich für mich der Grund, hier zu sein, weil ich das Gefühl habe, dass es nicht um Nudelsuppe geht. Wir befühlen die Probleme der Zeit und versuchen, darum unseren Humor zu bauen und das Publikum zum Nachdenken zu bewegen. Das kann Kabarett, und das kann vor allem die Herkuleskeule als das Dresdner Kabarett in einer interessanten und zerrissenen Stadt.

Hannes Sell - seit 2016 Kabarettist an der Keule

Der Film "Pointen & die Mächtigen - Die Herkuleskeule in Dresden" schaut hinter die Kulissen und erzählt vom Tresen aus Geschichte und Gegenwart der Keule.