Der Osten - Entdecke wo du lebst | 03.03.2020 | 21:00 Uhr Wildes Erbe des Kalten Krieges – Die Königsbrücker Heide

Wo noch 1985 Atomraketen stationiert waren, brüten heute Wiedehopfe und leben Seeadler. Und aus mit Kampfmitteln verseuchten Wasseradern sind wieder klare Gewässer entstanden, in denen eine der größten Biberpopulationen Deutschlands lebt. Versteckt und abgeschirmt läuft in der Königsbrücker Heide unweit von Dresden seit 25 Jahren eines der größten Freiland-Experimente Mitteleuropas: Die Natur sich selbst überlassen, ganz ohne menschlichen Einfluss. Bald soll das Areal zum ersten international anerkannten Wildnisgebiet Deutschlands werden.

Ein älterer Mann mit kurzem grauem Haar schaut in die Kamera
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich kann mich noch an meinen ersten Besuch 1994 erinnern. Wir wurden vom Kampfmittel-
beseitigungsdienst eingewiesen und sollten es mit den Granaten auf den Wegen etwas locker sehen. Ich war emotional ziemlich angespannt. Ich hatte dann den Eindruck, als würde man in eine riesige, unendliche Sandgrube schauen. Und man war voller Optimismus. Was kannste jetzt damit machen? Der Naturschutz war einfach die tollste Lösung und die Situation ein historisches Geschenk

Dirk Synatzschke | Mitarbeiter des Naturschutzgebietes Königsbrücker Heide

Zwangsumsiedlung für einen Truppenübungsplatz

Über 100 Jahre ist das 70 Quadratkilometer große Areal in der westlichen Lausitz hermetisch abgeriegelt. 1907 wird es zum Truppenübungsplatz ausgebaut. Mehrere Dörfer werden zwangsumgesiedelt. 1935 übernimmt die Wehrmacht das Gelände. Die letzte und dritte Ausbaustufe leitet 1945 die Sowjetarmee ein. Panzerverbände, Raketentruppen und Luftlandekommandos sind hier stationiert. Durch einen ständigen Ausbildungsbetrieb und riesige Manöver mit bis zu 30.000 Mann wird der letzte Rest Natur nahezu komplett zerstört. Es entstehen steppenähnliche Zustände.

Ein Mann mit dunklem kurzem Haar in rotem Oberteil schaut in die Kamera
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Königsbrück waren die Bedingungen für uns ausgezeichnet, es gab ein höheres Gehalt als in der Sowjetunion und in den Geschäften gab es Dinge, die wir gar nicht kannten. Deshalb wollten eigentlich alle Soldaten und Offiziere hierher und hier dienen.

Igor Komilzev | ehemaliger Sowjetoffizier in Königsbrück

Wilde Wandlung

Mit dem Abzug der Sowjetarmee gleicht die Königsbrücker Heide einer Wüste aus Sand und Schrott. Schätzungsweise 20 Millionen Tonnen Kampfmittel - Granaten, Minen und Panzerteile - wurden bis heute hier entsorgt. Doch es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die ungeheure Menge macht eine vollständige Beräumung unmöglich. Auch deshalb wird die Not zur Tugend gemacht und 1996 das Naturschutzgebiet Königsbrücker Heide gegründet. Mit über 1.600 Tier- und Pflanzenarten, darunter 300, die in Roten Listen geführt werden, gehört es zu den Spitzengebieten der Artenvielfalt in Sachsen.

Bilder zum Film "Wildes Erbe des Kalten Krieges - Die Königsbrücker Heide" Von der Steppe zum Naturschutzgebiet

Königsbrücker Heide 1991, orange-braune Heidelandschaft
Über 100 Jahre ist das 70 Quadratkilometer große Areal in der westlichen Lausitz hermetisch abgeriegelt. Schätzungsweise 20 Millionen Tonnen Kampfmittel - Granaten, Minen und Panzerteile - wurden bis heute hier entsorgt. 1907 wird es zum Truppenübungsplatz ausgebaut. Bildrechte: MDR/Simank-Film
Königsbrücker Heide 1991, orange-braune Heidelandschaft
Über 100 Jahre ist das 70 Quadratkilometer große Areal in der westlichen Lausitz hermetisch abgeriegelt. Schätzungsweise 20 Millionen Tonnen Kampfmittel - Granaten, Minen und Panzerteile - wurden bis heute hier entsorgt. 1907 wird es zum Truppenübungsplatz ausgebaut. Bildrechte: MDR/Simank-Film
Königsbrücker Heide 1991
Die letzte und dritte Ausbaustufe leitet 1945 die Sowjetarmee ein. Panzerverbände, Raketentruppen und Luftlandekommandos sind hier stationiert. Diese Bild von 1991 zeigt die Überbleibsel. Bildrechte: MDR/Simank-Film
Schrottberge auf einer Wiese - nach dem Abzug der Sowjetarmee, 1992.
Durch einen ständigen Ausbildungsbetrieb und riesige Manöver mit bis zu 30.000 Mann wird der letzte Rest Natur nahezu komplett zerstört. Es entstehen steppenähnliche Zustände. Mit dem Abzug der Sowjetarmee gleicht die Königsbrücker Heide einer Wüste aus Sand und Schrott. Bildrechte: MDR/Simank-Film
Ein Rothirsch auf einer Heidewiese, im Hintergrund ein Birkenwäldchen.
1996 wird das Naturschutzgebiet Königsbrücker Heide gegründet. Mit über 1.600 Tier- und Pflanzenarten - darunter 300, die in Roten Listen geführt werden - gehört es zu den Spitzengebieten der Artenvielfalt in Sachsen. Bildrechte: MDR/Simank-Film
Kleiner Fuchs im Dickicht des Waldes.
So scheint sich der kleine Fuchs hier ausgesprochen wohl zu fühlen ... Bildrechte: MDR/Simank-Film
Feldhase auf einer Wiese
... ebenso wie Meister Lampe. Bildrechte: MDR/Simank-Film
Ein Allradbus fährt über eine schmale Teerstraße durch die sporadisch bewaldete Königsbrücker Heide.
Versteckt und abgeschirmt läuft in der Königsbrücker Heide unweit von Dresden seit 25 Jahren eines der größten Freiland-Experimente Mitteleuropas: Die Natur sich selbst überlassen, ganz ohne menschlichen Einfluss ... Bildrechte: MDR/Simank-Film
Eine Baumgruppe in nebligem Morgengrauen.
... denn bald soll das Areal zum ersten international anerkannten Wildnisgebiet Deutschlands werden. Bildrechte: MDR/Simank-Film
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Luftaufnahme Wald
1996 wurde das Naturschutzgebiet Königsbrücker Heide gegründet.  Bildrechte: MDR/Simank-Film

Bilder zum Film "Wildes Erbe des Kalten Krieges - Die Königsbrücker Heide" Von der Steppe zum Naturschutzgebiet

Von der Steppe zum Naturschutzgebiet

Bildergalerie

Neu ab 3. März: "Der Osten – Entdecke wo du lebst" wird mit Audiodeskription gesendet Viele Millionen Menschen in Deutschland sind entweder blind oder sehbehindert. Mit dem neuen Service können auch Menschen mit Sehbehinderung den interessanten Reportagen aus den drei Bundesländern folgen. In der Audiodeskription werden in den Dialogpausen alle wichtigen Bildinformationen - inklusive der Handlung - für diese Zuschauer beschrieben. Das MDR FERNSEHEN sendet bereits durchschnittlich jeden Tag etwa vier Stunden mit Audiodeskription und liegt damit auf einem Spitzenplatz unter den Landesrundfunkanstalten.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke wo du lebst | 03. März 2020 | 21:00 Uhr