Der Osten – Entdecke, wo du lebst | MDR-Fernsehen | 22.09.2020 "Aktion Ungeziefer" – Vertrieben in der DDR

Tausende Familien in der DDR wurden zwischen 1952 und 1961 ohne Vorwarnung aus ihren Heimatorten ausgesiedelt, darunter Anneliese Fleischer aus Cheine in der Altmark. Viele Betroffene erfuhren ihr Leben lang nicht, warum sie fortgebracht wurden. Bekannt wurde die "Aktion Ungeziefer" erst nach der Wende. Ein Film mit Zeitzeugen von Sven Stephan.

Die Männer mit dem LKW kommen aus heiterem Himmel. Eines Morgens stehen sie im Hof und verkünden, dass die Familie den Ort binnen weniger Stunden zu verlassen habe. Bewegliche Habe darf verladen werden. Haus, Hof, Landbesitz – all das ist mit einem Schlag verloren.

"Von der Aktion völlig überrumpelt"

Im Mai 1952 trifft es die Familie von Anneliese Fleischer aus Cheine in der Altmark. "Alles war streng geheim vorbereitet worden. Unsere Familie wurde von der Aktion völlig überrumpelt", erinnert sie sich.

Wohin sie gebracht werden, wissen die Betroffenen nicht. Viele fürchten gar, es gehe nach Sibirien. Erst auf dem Transport wird ihnen ein Ziel genannt: eine fremde Stadt irgendwo im "Binnengebiet" der DDR. Dort hat man die Nachbarn schon auf die Neuankömmlinge vorbereitet. "Schwerverbrecher von der Grenze" würden bald einziehen, wird ihnen eingetrichtert. Kontakt gelte es zu vermeiden.

Der Osten, entdecke, wo du lebst: "Aktion Ungeziefer" Das sind die Protagonisten

Tausende Familien in der DDR wurden zwischen 1952 und 1961 ohne Vorwarnung aus ihren Heimatorten ausgesiedelt. Einer von ihnen ist Hans-Siegfried Schulz.

Weißhaariger Mann hält ein Buch über Schmölau in die Kamera.
Hans-Siegfried Schulz musste am 29. Mai 1952 mit Eltern und Geschwistern sein Heimatdorf Schmölau in der Altmark verlassen. Seine Familie wurde nach Rackwitz bei Leipzig zwangsausgesiedelt. Er war damals 17 Jahre alt. Bildrechte: Sven Stephan
Weißhaariger Mann hält ein Buch über Schmölau in die Kamera.
Hans-Siegfried Schulz musste am 29. Mai 1952 mit Eltern und Geschwistern sein Heimatdorf Schmölau in der Altmark verlassen. Seine Familie wurde nach Rackwitz bei Leipzig zwangsausgesiedelt. Er war damals 17 Jahre alt. Bildrechte: Sven Stephan
Zwei ältere Frauen auf einer Bank in einem kleinen Ort.
Anneliese Fleischer (li.) und Marlies Wagenknecht in Cheine in der Altmark. Anneliese Fleischer war 14 Jahre alt, als ihre Familie am 28. Mai 1952 von hier vertrieben wurde. Auch die Eltern von Marlies Wagenknecht mussten das Dorf verlassen. Sie selbst wurde erst vier Jahre später im Kreis Delitzsch geboren. Beide sagen bis heute, dass Cheine ihre Heimat sei. Bildrechte: Christian Uhlisch
Drei Personen sitzen auf einer Terrasse an einem Holztisch.
Marlies Wagenknecht, Anneliese Fleischer und Hans-Siegfried Schulz in Krensitz bei Delitzsch. In diese Region wurden ihre Familien im Mai 1952 zwangsausgesiedelt. Sie als Nachkommen leben heute noch hier. Bildrechte: Sven Stephan
Weißhaariger Mann mit Brille auf einer Brücke im Grünen.
Hartmut Bock ist Heimatforscher. Er hat in seinem Heimatort Jübar jahrzehntelang als Geschichtslehrer gearbeitet. Gemeinsam mit Schülern hat er vor 18 Jahren Zeitzeugen zu den Zwangsaussiedlungen befragt. Er will, dass dieser Teil der Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Bildrechte: Sven Stephan
Vier erwachsene Männer sitzen mit einem Laptop in einem Schulraum.
Hartmut Bock (Mitte) mit seinen ehemaligen Schülern Manuel Härting (li.) und Michael Neumann (re.) in der Schule von Jübar. Sie alle haben vor 18 Jahren für ein Geschichtsprojekt Zeitzeugen zur "Aktion Ungeziefer" befragt. Bildrechte: Sven Stephan
Porträt eines weißhaarigen Mannes in grauem Oberteil
Lutz Winkelmanns Großeltern mussten 1952 ihren Hof in Barnebeck bei Salzwedel verlassen. Sie haben nie erfahren, warum ausgerechnet sie ausgesiedelt wurden. Ihr Enkel hat jahrelang darum gekämpft, den enteigneten Besitz wiederzubekommen. Er sagt heute: "Vertreibung ist das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Weißhaariger Mann vor einem Fachwerkhaus.
Helmuth Hörig auf seinem Grundstück in Bömenzien in der Altmark. Seine Familie wurde 1952 von hier ins heutige Thüringen ausgesiedelt. Inzwischen gehören Haus und Grund wieder ihm. Bildrechte: Christian Uhlisch
Schriftstück mit Ortsangaben und zugeordneten Zahlen sowie einer handschriftlichen Notiz.
"Otto, diese Zahlen hat mir eben Genosse König durchgegeben. Das wäre das Ergebnis der Kommissionsarbeit zur Beseitigung des Ungeziefers." Diese Aktennotiz des thüringischen Innenministers Willy Gebhardt aus dem Jahr 1952 gab der Zwangsaussiedlungsaktion später ihren unrühmlichen Namen. Aufgeführt sind die Zahlen der Menschen, die aus den Landkreisen im thüringischen Grenzgebiet ausgesiedelt werden sollten. Bildrechte: Privatarchiv Hartmut Bock
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Zwangsaussiedlung auch für mehr "Volkseigentum"

Tausenden Familien in der DDR ist das zwischen 1952 und 1961 so ergangen. Weil sie im ostdeutschen Grenzgebiet lebten, wurden sie ohne Vorwarnung aus ihren Heimatorten ausgesiedelt. Viele erfahren ihr Leben lang nicht, warum sie fortgebracht wurden. Wie die Großeltern von Lutz Winkelmann aus Barnebeck an der Grenze zu Niedersachsen. "Mit welchen Gedanken müssen diese Menschen ins Grab gegangen sein?", fragt er sich noch heute. "Vertreibung ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann."

Die DDR entledigte sich mit den Zwangsaussiedlungen "unbequemer" Menschen, die ihre Meinung zu Staat und System offen äußerten, aber auch Menschen mit Besitz – Land, Wald, einer Werkstatt, einem Gasthof etwa – und enteignete all diese Immobilien, um so rasch und ohne großen Aufwand das "Volkseigentum" zu vergrößern.

Bis heute keine Entschädigung

Vor allem aber handelte es sich um eine Disziplinierungsmaßnahme. Wer sich nicht "an die Regeln" hielt, den konnte es als nächsten treffen. Und zwar jederzeit. Bekannt wurden die Maßnahmen erst nach Ende der DDR – unter dem Namen "Aktion Ungeziefer". So hatte sie ein SED-Funktionär in einer Akte genannt. Eine Entschädigung für die Vertreibung gibt es für die Zwangsausgesiedelten bis heute nicht. "Das Wort Gerechtigkeit", sagt Anneliese Fleischer, "können sie für mich aus dem Duden streichen."

Die Reportage "Aktion Ungeziefer. Vertrieben in der DDR" lässt Zeitzeugen aus der Altmark zu Wort kommen. Ihre Geschichten stehen exemplarisch für mehr als 11.000 Betroffene und zeigen, dass die Zwangsaussiedlungen auch Jahrzehnte danach in den Familien nachwirken.

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: Der Osten – Entdecke, wo du lebst | 22. September 2020 | 21:00 Uhr

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