Der Osten - Entdecke wo du lebst | MDR-Fernsehen | 20.10.2020 | 21:00 Uhr Medaillenschmiede des Ostens – Die DHfK in Leipzig

Das DDR-Sportwunder ist untrennbar verbunden mit der Leipziger Hochschule für Körperkultur, der DHfK. Hier wurden Trainer und Sportler ausgebildet, die dazu beitrugen, dass sich das 17-Millionen-Einwohner zählende Land zu einer der führenden Sportnationen der Welt entwickeln konnte. Doch das Wunder hatte auch eine Schattenseite: auf dem Campus der DHfK gab es ein Institut, das Zentrum des staatlich verordneten Dopings war.

Der Osten - Entdecke wo du lebst DHfK Leipzig
Der Eingangsbereich der ehemaligen DHfK in Leipzig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist DIE Medaillenschmiede im DDR-Leistungssport – die DHfK in Leipzig. 40 Jahre lang zählt die Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport zu den weltweit erfolgreichsten Sporthochschulen. Hier werden Spitzentrainer und Sportler ausgebildet, die dem kleinen Land im Wettkampfsport auf den dritten Platz hinter den Supermächten USA und UdSSR verhelfen.

Bildergalerie Berühmte Sportler und Trainer der DHfK Leipzig

Vor 1989 war die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig eine der weltweit erfolgreichsten Sporthochschulen. In unserer Bildergalerie finden Sie namhafte Sportler und Trainer der DHfK.

Olympia 1980: Finn Dinghi-Segler Jochen Schümann
Die Karriere des Jochen Schümann begann 1966 in einem selbstgebastelten Segelboot auf einem Gewässer, das nicht unbedingt als riskantes Segelrevier gilt – dem Berliner Müggelsee. "Es ist nicht entscheidend, wo man das Segeln lernt", sagte der 1954 geborene Schümann einmal, "sondern mit welcher Einstellung und mit welchem Ziel." Schümann jedenfalls wollte stets "der Beste" sein. 1976, 1988 und 1996 gewann er jeweils olympisches Gold, 2000 die Silbermedaille. Er war zwei Mal Welt- und neunmal Europameister und gewann 2003 und 2007 die älteste und renommierteste Segelregatta der Welt, den "Americas Cup". Jochen Schümann, der 1996 als erster Deutscher zum weltbesten Segler des Jahres gewählt wurde, absolvierte in den 1980er-Jahren ein Sportlehrerstudium an der DHfK. (Im Bild Jochen Schümann bei Olympia 1980.) Bildrechte: dpa
Olympia 1980: Finn Dinghi-Segler Jochen Schümann
Die Karriere des Jochen Schümann begann 1966 in einem selbstgebastelten Segelboot auf einem Gewässer, das nicht unbedingt als riskantes Segelrevier gilt – dem Berliner Müggelsee. "Es ist nicht entscheidend, wo man das Segeln lernt", sagte der 1954 geborene Schümann einmal, "sondern mit welcher Einstellung und mit welchem Ziel." Schümann jedenfalls wollte stets "der Beste" sein. 1976, 1988 und 1996 gewann er jeweils olympisches Gold, 2000 die Silbermedaille. Er war zwei Mal Welt- und neunmal Europameister und gewann 2003 und 2007 die älteste und renommierteste Segelregatta der Welt, den "Americas Cup". Jochen Schümann, der 1996 als erster Deutscher zum weltbesten Segler des Jahres gewählt wurde, absolvierte in den 1980er-Jahren ein Sportlehrerstudium an der DHfK. (Im Bild Jochen Schümann bei Olympia 1980.) Bildrechte: dpa
(l-r) Alejandro Casanas aus Kuba (Silber), Thomas Munkelt aus der DDR (Gold) und Alexander Putschkow aus der UdSSR (Bronze).
Thomas Munkelt galt in den 70er- und frühen 80er-Jahren als der dominierende europäische Hürdenläufer - er war mehrfach Europameister und errang 1980 mit dem Olympiasieg in Moskau seinen größten sportlichen Erfolg. 1984, nach dem Beschluss der DDR, die Olympischen Spiele in Los Angeles zu boykottieren, beendete Thomas Munkelt seine Karriere. (Im Bild (Mitte) Thomas Munkelt bekommt die Gold-Medaille für 110 Meter Hürden bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau.) Bildrechte: dpa
Leichtathletik: Margitta Gummel 1968
Die großen Erfolge der Kugelstoßerin Margitta Gummel vom SC DHfK sind durch Dopingvorwürfe in ein zweifelhaftes Licht gerückt. Die Olympiasiegerin von 1968 und mehrfache Weltrekordlerin, die die Kugel als erste Frau über 18 und schließlich auch über 19 Meter bugsiert hatte, soll seit 1967 systematisch gedopt haben. Ihre einstige Mannschaftskameradin Brigitte Berendonk bezeichnet Gummel gar als die "First Lady des DDR-Dopings". Margitta Gummel blieb nach dem Ende ihrer Karriere 1972 der DHfK treu: Sie studierte und promovierte an der Leipziger Sporthochschule und war später dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungszentrum tätig. (Im Bild Margitta Gummel bei den Olympischen Sommerspielen in Mexiko 1968.) Bildrechte: dpa
Kanu: Birgit Fischer
"Mein Ziel war immer Gold", sagte die 1962 in Brandenburg geborene Kanurennsportlerin Birgit Fischer einmal. "Ich wollte immer ganz oben stehen." Und das ist ihr auch durchaus eindrucksvoll gelungen. Mit acht Olympiasiegen ist Birgit Fischer die erfolgreichste deutsche Olympionikin aller Zeiten. Und weil sie in ihrer über 25-jährigen Laufbahn auch noch 27 Weltmeistertitel einfuhr, fand sie sogar Eingang ins "Guinessbuch der Rekorde". 1984, noch während ihrer Sportkarriere, hatte Birgit Fischer ein Studium an der DHfK begonnen, dass sie 1991 als Diplomsportlehrerin beendete. (Im Bild Birgit Fischer 1983 beim Training auf dem Beetzsee.) Bildrechte: dpa
Klaus Köste
Mit 34 DDR-Meistertiteln sowie elf internationalen Medaillen bei Olympischen Spielen (darunter der Olympiasieg 1972 in München), Welt- und Europameisterschaften gehört Klaus Köste zu den erfolgreichsten Sportlern der deutschen Turngeschichte. 1974 hatte der 1943 in Frankfurt/Oder geborene Köste, der bereits als Neunjähriger zum SC DHfK Leipzig kam, aufgrund einer Achillessehnenverletzung seine sportliche Laufbahn beenden müssen. Er absolvierte ein Trainerstudium an der DHfK und arbeitete dort anschließend zunächst als Turn-Trainer und später als Hochschullehrer. (Im Bild Klaus Köste bei der ersten Ost-West-Ausscheidung der Turner in Essen im Juli 1964.) Bildrechte: dpa
Bärbel Eckert
Die 1955 in Leipzig geborene 100- und 200-Meter-Sprinterin Bärbel Eckert gewann bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal und 1980 in Moskau insgesamt vier Goldmedaillen und ist damit die erfolgreichste deutsche Leichtathletin aller Zeiten. Heute leitet Bärbel Wöckel (geb. Eckert) das Referat Jugend im Deutschen Leichtathletik-Verband. (Im Bild Bärbel Eckert bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 1982 in Athen.) Bildrechte: dpa
Radsportlegende "Täve" Schur
Gustav-Adolf Schur, den alle nur "Täve" nannten, war der Prototyp des proletarischen Vorzeigesportlers – vom einfachen Arbeiterkind zum Weltmeister. Zweimal gewann der für den SC DHfK Leipzig radelnde Schur die "Friedenfahrt", zweimal war er Straßenweltmeister und bei den Olympischen Spielen von 1956 und 1960 fuhr er eine Bronze- und Silbermedaille ein. 1990 wurde "Täve" Schur mit der Hälfte der abgegebenen Stimmen zum "größten Sportler der DDR" gewählt. (Im Bild "Täve" bei einer Siegerehrung während der Friedensfahrt 1956.) Bildrechte: dpa
Hans-Jürgen Dörner 1984
"Beckenbauer des Ostens" wurde er genannt – der legendäre Libero von Dynamo Dresden und der DDR-Nationalmannschaft Hans-Jürgen Dörner. Fünfmal war er mit seinen "Schwarz-gelben" Meister, viermal FDGB-Pokalsieger und mit der Nationalelf, für die er 100 Spiele bestritt, 1976 in Montreal sensationell Olympiasieger. Dörner, den alle nur "Dixie" riefen, absolvierte noch während seiner aktiven Zeit als Fußballer ein Sportlehrerstudium an der DHfK, das er 1981 mit einem Diplom abschloss. (Im Bild Hans-Jürgen Dörner 1984 als Kapitän der DDR-Fußball-Nationalmannschaft.) Bildrechte: dpa
Ruth Fuchs
Die 1946 geborene Ruth Fuchs gewann bei den Olympischen Spielen 1972 in München und 1976 in Montreal jeweils die Goldmedaille im Speerwerfen. Nach dem Ende ihrer Karriere 1980 absolvierte sie ein Sportlehrerstudium an der DHfK und schrieb anschließend eine Dissertation über Sportpädagogik. 2006 wurde bekannt, dass Ruth Fuchs Anfang der 1970er-Jahre und vor allem während der Olympischen Spiele 1972 in München mit der Staatssicherheit kooperiert hatte. Sie räumte die Kontakte sofort ein und rechtfertigte sich mit dem Argument, als "Diplomat im Trainingsanzug" habe sie "westdeutsche Sportler" naturgemäß "als Hauptgegner" angesehen. (Im Bild Ruth Fuchs bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München.) Bildrechte: dpa
Radsport: Uwe Ampler wird DDR-Meister
Der 1964 in Zerbst geborene Uwe Ampler stammt aus einer Radsport-Familie - sein Vater Klaus war 1963 Sieger der "Friedensfahrt". Seit der 5. Klasse besuchte Uwe Ampler die Sportschule des SC DHfK Leipzig, zunächst als hoffnungsvolles Schwimmtalent. Mit 15 wechselte er dann aber zur Sektion Radsport. Ab Mitte der 80er-Jahre galt Ampler als einer der besten Radfahrer der Welt: 1986 war er Weltmeister, 1988 Olympiasieger und zwischen 1987 und 1989 gewann er dreimal in Folge die "Friedensfahrt". 1991 nahm ihn das "Team Telekom" unter Vertrag, doch Ampler konnte die in ihn gesetzten hohen Erwartungen nicht erfüllen und wurde 1993 entlassen. 1998 gewann Uwe Ampler überraschend im Dress des zweitklassigen polnischen Teams "Mroz" zum vierten Mal die "Friedensfahrt". (Im Bild Uwe Ampler wird 1984 DDR-Meister im Straßenradsport.) Bildrechte: dpa
Henry Maske und Manfred Wolke.
Der Boxer Manfred Wolke, 1968 in Tokio Olympiasieger, absolvierte nach dem Ende seiner Karriere ein Studium an der DHfK und arbeitete fortan als Trainer. Einer seiner Schützlinge war ab 1978 Henry Maske, 1988 Olympiasieger und ein Jahr später Amateur-Weltmeister. Auch Maske machte in diesen Jahren sein Trainerdiplom an der Leipziger Sporthochschule. Nach dem Ende der DDR wechselte Maske gemeinsam mit seinem Trainer ins Profilager. 1993 wurde er "IBF-Weltmeister" und verteidigte seinen Titel bis 1996 insgesamt zehnmal. (Im Bild Schützling und Trainer: Henry Maske und Manfred Wolke 1993 bei der Box-WM in Düsseldorf.) Bildrechte: dpa
Schwimmen: Kristin Otto holt fünfmal EM-Gold 1987
Die für den SC DHfK Leipzig startende Kristin Otto gilt als erfolgreichste deutsche Schwimmerin aller Zeiten: Insgesamt 22 Medaillen errang sie zwischen 1981 und 1989 bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften. Nach dem Ende ihrer Karriere absolvierte sie ein Journalistikstudium in Leipzig und ist seither Sportmoderatorin beim ZDF. Im Jahr 2000 wurden Dopingvorwürfe gegen Kristin Otto erhoben. Sie verwahrte sich jedoch gegen die Anschuldigungen und gab an, nie "wissentlich gedopt" gewesen zu sein. (Im Bild Kristin Otto mit ihren fünf Gold-Medaillen bei den Schwimm-Europameisterschaften 1987 in Straßburg.) Bildrechte: dpa
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Mit modernen Trainings-Wissenschaften zum Erfolg

Mit ihrer Gründung am 22.10.1950 wird ein bis dahin unbekanntes, nahezu perfektes System des Leistungssports aufgebaut und die DHfK zur Keimzelle des DDR-Sportwunders. Technik und Methodik stehen an erster Stelle: Biomechanik, Trainingslehre und medizinische Forschung. Vor allem medaillenträchtige olympische Sportarten werden gefördert: Turnen, Leichtathletik, Radfahren, Schwimmen und Kanurennsport.

Rosemarie und Siegwart Karbe, eheml. Studenten der DHfK
Rosemarie und Siegwart Karbe zählen als ehemalige Studenten auch zur Generation DHfK Bildrechte: MDR/Nadine Grothkopp

Wer die Aufnahmeprüfung schafft, bekommt eine erstklassige Elite-Ausbildung, so wie das Ehepaar Karbe. Die beginnen 1959 ihr Studium in Leipzig. Siegwart Karbe ist in den 1960er Jahren einer der besten Rennkanuten der DDR, wird 1965 Europameister. Rosemarie Karbe arbeitet später im Direktorat der DHfK und erinnert sich, wie hart die Auswahlverfahren waren. Natürlich werden auch politische Einstellung und die Westverwandtschaft der Bewerber unter die Lupe genommen.

In den 15-minütigen Aufnahmegesprächen kam immer die Frage nach Westverwandtschaft, die war nämlich unerwünscht. Wer keine hatte, wurde bevorzugt.

Rosemarie Karbe

Legendärer Fasching

Kennengelernt haben sich die Karbes beim DHfK-Fasching. Für zwei Tage im Jahr gleichen Hörsaal und Mensa einer Partymeile. Denn der Fasching ist berühmt, berüchtigt und begehrt. Nicht nur Studenten reißen sich um Eintrittskarten. Zu Viele wollen da mitfeiern.

Es gab Leute, die haben sogar in D-Mark bezahlt, nur um reinzukommen, also das war ein bisschen wie Goldstaub. Ähnlich wie heute. Heute ist es ja auch wieder so, wenn man schaut, wie schnell die Karten ausverkauft sind.

Michael Wawrocki, ehemaliger Sportstudent und Partymacher des DHfK-Faschings

Den Staffelstab weiterreichen

Nach Ende seiner Schwimmkarriere studiert Frank Embacher Sportwissenschaft an der DHfK. Zwei Drittel der ausgebildeten Sportlehrer arbeiten anschließend als Trainer im DDR-Leistungssport und werden so zu Medaillenmachern.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das will auch Frank Embacher – und schafft es. Mit mehr als 80 internationalen Medaillen zählt er heute zu den erfolgreichsten Schwimmtrainern Deutschlands. Paul Biedermann steigt mit Embacher in die Weltspitze auf, wird 2009 Weltmeister. Aktuell ist Frank Embacher Landestrainer des Sächsischen Schwimm-Verbandes und hat in kürzester Zeit Leipzig zu einem der stärksten Schwimmstandorte deutschlandweit geformt.

Ich bin hier angetreten vor drei Jahren, dass man hier wieder sagen kann, in Leipzig werden Medaillen gemacht, wir haben uns das vorgenommen, ich habe mir das vorgenommen.

Frank Embacher

Kehrseite der Medaille - Staatlich verordnetes Doping

Auf dem Gelände der DHfK wird 1969 das "Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport", kurz FKS gegründet – das strenger Geheimhaltung unterliegt. Über 500 Wissenschaftler versuchen im FKS neue Erfolgsstrategien zu entwickeln. Enorme Geldsummen fließen allein in die Entwicklung hochmoderner Sportgeräte. Nach seinem Studium an der DHfK kommt 1978 der ehemalige Ringer Winfried Nowack zum FKS. Dort betreut er die Nationalmannschaft.

Nur Insider wussten, dass das Forschungsinstitut in diesem Gebäude untergebracht war. Die meisten hielten den Bau für den Eingangsbereich der Deutschen Hochschule für Körperkultur. Es gab kein Klingelschild. Kein Fremder durfte einen Fuß ins FKS setzen!

Winfried Nowack

Der Schlüssel des Erfolgs liegt aber nicht nur in hartem Training. Eine wichtige Rolle beim Aufstieg der DDR zur Sportgroßmacht spielt auch die Medizin. Im FKS arbeiten Sportmediziner eng mit der pharmazeutischen Industrie zusammen. 1974, zwei Jahre vor Olympia, wird Doping zur Leistungssteigerung staatlich verordnet.

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Nach der Wende gerät die DHfK als Prestigeobjekt der DDR in die Kritik, wird wegen politischer Altlasten schließlich abgewickelt. Aus der Deutschen Hochschule für Körperkultur, wird die Sportwissenschaftliche Fakultät der Universität Leipzig. Seit 1993 geht damit die Tradition sportwissenschaftlicher Lehre und Forschung weiter.

Der Ex-Kanurennsportler und heutige Bundestrainer Kay Vesely ist sich sicher:

Auch heute profitiert der Spitzensport von den Grundlagen, die die DHfK vor fast 70 Jahren gelegt hat!

Kay Vesely

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