Der Osten - Entdecke wo du lebst | MDR-Fernsehen | 14.04.2020 | 21:00 Uhr Die Baumwollspinnerei in Leipzig

Die Kunst dort erleben, wo Künstler arbeiten – dafür steht das Motto "from cotton to culture". Inzwischen ist die Leipziger Baumwollspinnerei eine prominente Adresse für zeitgenössische Kunst, Maler wie Neo Rauch arbeiten dort, elf Galerien eröffneten. Gegen Widerstände wurde aus dem einstigen Industrie-Areal im Leipziger Westen in den letzten beiden Jahrzehnten ein Ort für Visionen. Und mit einem Visionär, dem Industrie-Pionier Carl Heine beginnt auch die Geschichte ...

Das Gelände der Baumwollspinnerei von oben 44 min
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Der Osten - Entdecke wo du lebst Di 14.04.2020 21:00Uhr 44:12 min

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Es ist ein einzigartiges Gelände, nicht nur in Deutschland, sondern europaweit. Das Areal im Westen der Stadt war zuletzt eine der wichtigsten Produktionsstätten für Baumwollgarne in der DDR. Nach der Wende verwandelte es sich in einen umtriebigen Kulturort. Mit dem bahnbrechenden Erfolg des Malers Neo Rauch, der dort sein Atelier bezog, und der Neuen Leipziger Schule wurde "die Spinnerei" zur prominenten Adresse.

Kunst erleben, wo Künstler arbeiten

Die Baumwollspinnerei Leipzig
Im Salon 21 wird geschneidert und designt. Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN / Lonamedia

Die Kunst dort erleben, wo Künstler arbeiten – dafür steht das Motto "from cotton to culture". Inzwischen gibt es auf dem Gelände elf Galerien, die vor der Corona-Krise immer zu den Rundgängen im Frühjahr und Herbst öffneten. Die vielen Besucherinnen und Besucher lieben das spezielle Flair des Geländes mit einer Industriearchitektur, wie man sie in der Größenordnung und in diesem restaurierten Zustand kaum mehr zu sehen bekommt. Auch Modedesignerinnen wie Angela Wandelt und Heike Mueller, die Steindrucker Tobias Reinicke und Stephan Rosentreter oder Tänzerin Montserrat Léon mit ihrer Balletschule siedelten sich an.

Spinnerinnen und Spinner der ersten Stunde

Die Baumwollspinnerei Leipzig
Ingrid Rieger arbeitete zu DDR-Zeiten in der "der Spinne". Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN / Lonamedia

Ingrid Grieger war eine der ersten Frauen, die in den 1950er-Jahren ihre Lehre in der Leipziger Baumwollspinnerei absolvierte. Sie erinnert sich noch gut daran, wie anstrengend die Arbeit war, die Maschinen laut, die Luft staubig und heiß, aber auch daran, "dass es einen tollen Zusammenhalt gab". In einer vornehmlich weiblichen Belegschaft, die schätzte, dass für Arbeiterwohnungen, Kinderbetreuung und medizinische Versorgung gesorgt wurde. Einer der wenigen Männer damals war Wolfgang Knospe, der immer noch die geheimen Verstecke in den Katakomben unter den Gebäuden kennt, wo "man" das eine oder andere Liebeständel hatte, wie er heute verrät. Mit dem Mauerfall endete die Garnproduktion in der Spinnerei nach fast 200 Jahren.

Die Geschichte der Spinnerei begann Ende des 19. Jahrhunderts mit einer Vision von Dr. Carl Heine, wohlhabender Advokat und Industrie-Pionier. Er sah das Potenzial des Sumpflandes im Westen Leipzigs, wollte es urbar machen, auch gegen Widerstand. Er baute Brücken, trocknete die Böden, plante Häuser und Industrie-Gebiete. 1884 stieg die Aktiengesellschaft Baumwollspinnerei in das Projekt ein, noch im selben Jahr wurde die erste Spinnerei errichtet, mit fünf Spinnstühlen ging es los. Bereits ein Jahr später lief die Produktion mit 30.000 Spindeln auf vollen Touren. Baumwolle setzte sich gegen Leinen und tierische Wolle auf dem internationalen Bekleidungsmarkt durch. In den Jahren bis 1907 entstanden weitere Spinnereien, Kämmereien, Produktionshallen und Verwaltungsgebäude. Um unabhängig von Importen zu sein, wurden eigene Baumwoll-Pflanzungen in Deutsch-Ostafrika erworben. 1908 trafen die ersten Ballen in Leipzig ein. Eine Fabrikstadt auch mit Schrebergärten für verdiente Mitarbeiter war entstanden, eine der größten Spinnereien Europas.

Bildergalerie Baumwollspinnerei Leipzig

Das Gelände der Baumwollspinnerei von oben
Die Leipziger Baumwollspinnerei im Westen der Stadt ist europaweit einzigartig. Das Areal war eine der erfolgreichsten Produktionsstätten für Baumwollgarne in der DDR und schreibt seine Geschichte bis in die Gegenwart fort. Das Gelände wandelte sich zu einem der umtriebigsten Kulturorte unserer Zeit.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Gelände der Baumwollspinnerei von oben
Die Leipziger Baumwollspinnerei im Westen der Stadt ist europaweit einzigartig. Das Areal war eine der erfolgreichsten Produktionsstätten für Baumwollgarne in der DDR und schreibt seine Geschichte bis in die Gegenwart fort. Das Gelände wandelte sich zu einem der umtriebigsten Kulturorte unserer Zeit.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Leipziger Baumwollspinnerei
Die Geschichte der Spinnerei beginnt Ende des 19. Jahrhunderts. Der Industrielle Dr. Carl Heine sah das Potential des Sumpflandes im Westen Leipzigs, wollte es urbar machen. Er baut Brücken, trocknet die Böden, plant Häuser und Gebiete für Industrie. 1884 wird die erste Spinnerei errichtet und die Arbeit mit fünf Spinnstühlen beginnt.  Bildrechte: Baumwollspinnerei Leipzig, Archiv
Die Front des VEB Leipziger Baumwollspinnerei - in Leipzig-Plagwitz mit einer großen Losung zur Planerfüllung.
In den folgenden Jahrzehnten wächst die Leipziger Baumwollspinnerei zur größten Spinnerei Europas. Es entsteht eine regelrechte Fabrikstadt mit über 20 Produktionsgebäuden, Arbeiterwohnungen, Kindergärten. 1946 wird sie zum Volkseigenen Betrieb. Bildrechte: dpa
Maler Neo Rauch im Museum der bildenden Künste Leipzig anlässlich seiner Ausstellung Neo Rauch Begleiter .
Auch einer der erfolgreichsten deutschen Maler hat auf dem Baumwollspinnerei-Areal sein Zuhause gefunden: der Künstler Neo Rauch. Bildrechte: imago stock&people
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Krieg, Inflation und soziale Unruhen gingen nicht spurlos an dem Unternehmen vorbei. Als die Nationalsozialisten übernahmen, wurden in der Spinnerei Garne für Militäruniformen hergestellt. 500 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene wurden eingesetzt.

Die Baumwollspinnerei Leipzig
Maler Hans Aichinger war einer der ersten Künstler, der sein Atelier dort bezog. Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN / Lonamedia

Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1946, wurde die Leipziger Baumwollspinnerei zum Volkseigenen Betrieb.

Nach der Wende kam das Aus. 1993 wurde der Betrieb von der Treuhand abgewickelt.

Künstlerinnen und Künstler zogen in die günstig zu mietenden Räume ein.

Ich hätte nie gedacht, dass ich bleiben würde. Am Anfang hörte man noch die letzten Maschinen und dann waren wir alleine mit den Ratten.

Hans Aichinger, Maler

Gegen Widerstände und Unkenrufe

Die Baumwollspinnerei Leipzig
Bertram Schulze hatte eine Vision. Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN / Lonamedia

Bis im Jahr 2000 schließlich das ganze Gelände zum Verkauf stand. Bertram Schultze, eigentlich Möbeldesigner, sah dessen Potential und entwickelte die Idee, daraus einen Kulturort zu machen. Gegen viele Widerstände und allen Unkenrufen zum Trotz setzte er seinen Plan um. Weitere Künstlerinnen und Künstler, Werkstätten und Galerien wie die von Judy Lybke, der auch Neo Rauch vertritt, zogen ein.

Nur wenige Jahre später wurde die Spinnerei zum neuen Hotspot der internationalen Kunstszene. Plötzlich kamen Sammler aus der ganzen Welt und horteten Bilder. Auch nach dem Hype blieb der Galerierundgang, zu dem alle Ateliers und Werkstätten öffnen. Bis zuletzt – vor der Corona-Krise – strömten dann bis zu 25.000 Menschen übers Gelände.

Atelierbesuche

Tilo Baumgärtel 6 min
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"Atelierbesuch bei ..." Tilo Baumgärtel

Tilo Baumgärtel

Das Atelier ist der intimste Ort eines Künstlers, ein heiliger Kunstraum. Was sagt dieser Ort über ihn aus? Ein Blick ins Atelier von Tilo Baumgärtel, Maler der Neuen Leipziger Schule, in der Baumwollspinnerei Leipzig.

MDR+ Mi 15.04.2020 08:00Uhr 05:56 min

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Michael Triegel 8 min
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"Atelierbesuch bei ..." Michael Triegel

Michael Triegel

Das Atelier ist der intimste Ort eines Künstlers, ein heiliger Kunstraum. Was sagt dieser Ort über ihn aus? Ein Blick ins Atelier von Michael Triegel, Maler der Neuen Leipziger Schule, in der Baumwollspinnerei Leipzig.

MDR+ Mi 15.04.2020 08:00Uhr 07:41 min

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Hans Aichinger 8 min
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"Atelierbesuch bei ..." Hans Aichinger

Hans Aichinger

Das Atelier ist der intimste Ort eines Künstlers, ein heiliger Kunstraum. Was sagt dieser Ort über den Künstler aus? Ein Blick ins Atelier von Maler Hans Aichinger in der Leipziger Baumwollspinnerei.

MDR+ Mi 15.04.2020 08:00Uhr 08:22 min

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Baumwollspinnerei 2 min
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Programmtipp

In langen Gesprächen öffnet sich der Künstler erstmals seit vielen Jahren der Kamera und gibt Auskunft über seinen Zugang zur Kunst, seine Welt und seine vom frühen Verlust der Eltern geprägte Vergangenheit.
In langen Gesprächen öffnet sich der Künstler erstmals seit vielen Jahren der Kamera und gibt Auskunft über seinen Zugang zur Kunst, seine Welt und seine vom frühen Verlust der Eltern geprägte Vergangenheit. Bildrechte: MDR/Alexander Rott
MDR FERNSEHEN So, 19.04.2020 23:55 01:35
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Judy Lybke
Judy Lybke Bildrechte: MDR/Lona.media/Nicola Graef
MDR FERNSEHEN So, 19.04.2020 22:30 23:55

MDR DOK Die Neue Leipziger Schule

Die Neue Leipziger Schule

Fluch und Segen eines malerischen Phänomens

Film von Nicola Graef

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