Der Osten – Entdecke wo du lebst | 04.02.2020 | Jetzt in der Mediathek Drama, Macht und Rausch – Die Semperoper

Schlagzeilen machte die Semperoper immer wieder: Nicht nur, als Wagner, Weber und Strauss hier Uraufführungen feierten oder der einst "schönste Opernbau in ganz Europa" 1869 komplett abbrannte und neu erstand. Immer auch war die prachtvolle Dresdner Bühne Schauplatz für Politik und Macht. Einige der spannendsten Geschichten spielen hinter den Kulissen, so wie die zur Einweihung der wiederaufgebauten Semperoper am 13. Februar 1985.

Semperoper, Schlüsselübergabe 1985
Am 13. Februar 1985 vor der Dresdner Semperoper Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: M. Rank

Am 13. Februar 1985 – und 40 Jahre nach der Zerstörung – ist es so weit: Bei eisiger Kälte, Minus 14 Grad, harren zehntausende Dresdner auf dem Theaterplatz aus, um die Einweihung der wiederaufgebauten Semperoper mitzuerleben. Die Partei- und Staatsführung inszeniert sie in Anwesenheit zahlreicher Gäste auch aus dem westlichen Ausland, ein symbolischer Akt soll es werden, der den Friedenswillen der DDR manifestiert. Zugleich hilft das Ereignis dem Land, das immer klamm ist an Devisen, hinter den Kulissen Fäden zu spinnen in Politik und Wirtschaft der BRD.

Auferstanden aus Ruinen

Ein Mann
"Operation Mütze" läuft. Bildrechte: BStU / MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über Monate wird alles vorbereitet für den Festakt. Es gilt die höchste Sicherheitsstufe. Helmut Schmidt wird in Dresden erwartet. Unter dem Codenamen "Operation Mütze" laufen die Maßnahmen rund um den Besuch der Delegation aus der Bundesrepublik mit dem Kanzler an der Spitze. Doch beinah kommt die ganze Haupt- und Staatsaktion noch ins Wanken. Am 11. Februar 1985 geht eine beunruhigendes Schreiben beim Volkspolizei-Kreisamt ein:

Eröffnung der Semperoper wird nicht stattfinden.
Zündung Mittwoch 18 Uhr.
Absender: Die gerechte Sache

Anonyme Bombendrohung
Blick in den zerstörten Zuschauerraum der Semperoper, Baustelle 1978
Blick in den Zuschauerraum auf der Semperopern-Baustelle, 1978 Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: E.Döring

Gunther Emmerlich, der 20 Jahre als Bass zum Ensemble der Semperoper gehörte, erinnert sich, dass sich die Nachricht von der Bombendrohung damals wie ein Lauffeuer im Haus verbreitet: "Aber unser Einfluss, unsere Informationen waren gleich Null." Offiziell läuft alles nach Protokoll, hinter den Kulissen wird fieberhaft ermittelt, ohne den Absender je dingfest zu machen. Erich Honecker nimmt dieses eine Mal in der Königsloge Platz. Eröffnet wird wie geplant mit Carl Maria von Webers "Freischütz", also jenem Werk, das vor der Zerstörung 1945 zuletzt in der Semperoper aufgeführt worden ist. Emmerlich steht mit auf der Bühne. Die Übertragung wird zum deutsch-deutschen TV-Event. Zwei weitere Premieren gehen binnen kürzester Zeit über die neue, technisch hervorragende Bühne: Siegfried Matthus' "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" und Harald Wandtkes Ballett "Brennender Friede" auf eine Musik von Udo Zimmermann ...

Ein Mann
Gunther Emmerlich, langjähriges Ensemble-Mitglied der Semperoper Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mir fallen nicht viele gescheite Sätze von Honecker ein, aber einen hat er wirklich gesagt. Bei der Kundgebung am 13. Februar 1985 vor der Oper formulierte er, dass die Fackel, die Nazi-Deutschland in die Welt geworfen hatte, auf Dresden zurückgefallen sei. Vorher klang die offizielle Lesart immer so, als hätten anglo-amerikanische Bomber eine friedfertige, schuldlose Stadt in Schutt und Asche gelegt. Das war ein neuer Ton.

Gunther Emmerlich, 20 Jahre Ensemble-Mitglied der Semperoper

Die Anfänge Wie Semper zwei Mal eine Oper für Dresden baute

Für das "Neue Königliche Hoftheater" macht Gottfried Semper den ersten Plan, errichtet wird es zwischen 1838-1841. Nach dem Brand 1869 wird er um einen zweiten Entwurf gebeten.

Kgl. Hoftheater Dresden, Außenansicht um 1860
Das erste Königliche Hoftheater, erbaut zwischen 1838-41, es hat eine andere Form und steht näher am Schloss. Richard Wagner bringt dort als Königlich Sächsischer Kapellmeister seine Opern "Rienzi", "Der fliegende Holländer" und "Tannhäuser" zur Uraufführung. Das Foto zeigt die Außenansicht um 1860. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Friedrich und Ottilie Brockmann
Kgl. Hoftheater Dresden, Außenansicht um 1860
Das erste Königliche Hoftheater, erbaut zwischen 1838-41, es hat eine andere Form und steht näher am Schloss. Richard Wagner bringt dort als Königlich Sächsischer Kapellmeister seine Opern "Rienzi", "Der fliegende Holländer" und "Tannhäuser" zur Uraufführung. Das Foto zeigt die Außenansicht um 1860. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Friedrich und Ottilie Brockmann
Semperoper, Brand 21.09.1869
Am 21. September 1869 verliert die Stadt ihr berühmtes Opernhaus, das damals weltweit als eines der schönsten gilt. Bei Routinearbeiten an der Gasleitung zum Kronleuchter bricht das Feuer aus, da das Innenleben des Prachtbaus weitgehend aus Holz besteht, gteift es schnell um sich. Das erste Königliche Hoftheater wird vollkommen zerstört. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: A. Hoffmann
Außenansicht, um 1885
Nach der Brand-Katastrophe macht sich die Ständeversammlung dafür stark, dass Gottfried Semper für den Neubau engagiert werden solle. Der einst steckbrieflich Gesuchte und beim König in Ungnade gefallene schickt lieber seinen ältesten Sohn nach Dresden. Manfred Semper realisiert den neuen Entwurf seines Vaters nach der Grundsteinlegung 1871, nicht weit entfernt von dem Platz, an dem zuvor das erste Königliche Hoftheater stand. Das Foto zeigt eine Außenansicht um 1885. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Fotograf unbekannt
Zuschauerraum der Semperoper
Blick in den Zuschauerraum der Semperoper, die seit 1895 nur für Oper, Ballett und Konzerte genutzt wird. Schauspielaufführungen finden seit dieser Zeit in anderen Häusern statt. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Dt. Fotothek
Semperoper um 1930
Die Semperoper um 1930 Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: Walter Möbius
Alle (5) Bilder anzeigen

Vor und hinter den Kulissen Semperoper: Jähes Ende für den Aufbruch in die Moderne

Wagner, Weber und Strauss werden in Dresden bejubelt. Generalmusikdirektor Fritz Busch sucht ab 1922 den Anschluss an die Moderne. 1933 wird er von der Bühne vertrieben. Eine NSDAP-Zelle am Theater leistet die Vorarbeit.

Richard Wagner, Porträt, Postkarte
1843 wird Richard Wagner als Hofkapellmeister verpflichtet. Sein "Rienzi", "Der fliegende Holländer" und "Tannhäuser" feiern in der Semperoper Uraufführung. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater
Richard Wagner, Porträt, Postkarte
1843 wird Richard Wagner als Hofkapellmeister verpflichtet. Sein "Rienzi", "Der fliegende Holländer" und "Tannhäuser" feiern in der Semperoper Uraufführung. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater
Theaterplakat "Rosenkavalier" an der Semperoper, 26.01.1911
Die Inszenierung von Richard Strauss' "Rosenkavalier" gilt als so spektakulär, dass Musikliebhaber mit Sonderzügen nach Dresden zu den Vorstellungen reisen. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater
Inszenierungsteam "Rosenkavalier" an der Semperoper, um 1910: Erste Reihe in der Mitte: Richard Strauss
Das Inszenierungsteam mit dem Komponisten Richard Strauss, (erste Reihe, M.) um 1910. Unter Ernst von Schuch, 1889 bis 1914 Generalmusikdirektor, gibt es über 40 Uraufführungen, darunter auch neun der 15 Opern von Richard Strauss, neben dem "Rosenkavalier" kommen u.a. "Salome" und "Elektra" auf die Bühne. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: M. Herzfeld
"Rosenkavalier", Szene mit Baron Ochs, UA an der Semperoper, 1911
"Rosenkavalier", Szene mit Baron Ochs, UA an der Semperoper, 1911 Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: M. Herzfeld
Fritz Busch, Generalmusikdirektor der Semperoper, 1922-1933
Unter Generalmusikdirektor Fritz Busch sucht das Haus ab 1922 den Anschluss an die Moderne, etwa mit Uraufführungen von Weill und Hindemith. Zugleich wird Verdi wiederentdeckt. Busch stößt auf Widerstand von rechts. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: Ursula Richter
Theaterzettel "Rigoletto" 7. März 1933 - Vertreibung GMD Fritz Busch
Theaterzettel "Rigoletto" 7. März 1933. Mitten in dieser Aufführung wird GMD Fritz Busch von der SA auf den Rängen der Semperoper ausgebuht. Das Orchester schweigt. Er legt den Taktstock nieder und verlässt die Bühne. Dahinter steht schon sein Nachfolger bereit und übernimmt. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater
Alexis Posse, Gründer der "Theaterfachgruppe der NSDAP" an der Semperoper, Abb. in einer Gedenkschrift 1934
Bereits 1930 gründet der Schauspieler Alexis Posse am Haus eine "Theaterfachgruppe der NSDAP", schon zuvor machen die "Deutsche Kunstgesellschaft" und der Bühnenvolksbund von außen Stimmung gegen den Spielplan. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater
Semperoper um 1930
"1934, als Hitler hier in die Semperoper kommt, kann schon vermeldet werden, dass die Semperoper 'deutsch' ist", sagt Jens Hommel, Mit-Kurator des Projektes "Verstummte Stimmen". Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: Walter Möbius
Alle (8) Bilder anzeigen

Wiederaufbau in der DDR, 1976-1986 Auferstanden aus Ruinen: Die Semperoper

Auch wenn es bald heißt: "Auferstanden aus Ruinen": 1976 erst gibt die SED die Direktive zum Wiederaufbau der Semperoper. 1985, 40 Jahre nach der Zerstörung, ist es so weit.

Semperoper, Schlüsselübergabe 1985
13. Februar 1985 – 40 Jahre nach der Zerstörung – ist es so weit: Bei eisiger Kälte, Minus 14 Grad, harren zehntausende Dresdner auf dem Theaterplatz aus, um die Einweihung der wiederaufgebauten Semperoper mitzuerleben. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: M. Rank
Architekt Wolfgang Hänsch im Gespräch mit  Dirigent Karl Böhm und Horst Seeger, Intendant der Semperoper 1979-1983
1976 erst gibt die SED die Direktive zum Wiederaufbau. Erste Pläne zielen auf einen modernen Zuschauersaal mit besseren Sichtverhältnissen. Schließlich soll doch der Semper-Prachtbau unter Leitung des Architekten Wolfgang Hänsch (l.) rekonstruiert werden. Hier im Gespräch mit Dirigent Karl Böhm und Horst Seeger, Intendant der Semperoper 1979-1983. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: M. Rank
Die zerstörte Semperoper, 1945, Blick auf die Bühne
Das Bild, das sich 1945 von der Bühne bietet. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: Werner Frost / HA
Ausmalung der Decke im Vestibül der Semperoper, 1980
Ausmalung der Decke im Vestibül der Semperoper, 1980 Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: E.Döring
Richtfest für die Semperoper, 25.09.1981
Richtfest für die Semperoper, 25.09.1981 Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater
Semperoper, Schlüsselübergabe 1985
13. Februar 1985 – 40 Jahre nach der Zerstörung – ist es so weit: Bei eisiger Kälte, Minus 14 Grad, harren zehntausende Dresdner auf dem Theaterplatz aus, um die Einweihung der wiederaufgebauten Semperoper mitzuerleben. Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: M. Rank
Hans Modrow (rechts) zeigt westdeutschen Politikern, u.a. Gerhard Schröder - zu diesem Zeitpunkt SPD-Bezirkschef von Hannover - die rennovierte Semperoper. In der Mitte Peter Struck - zu diesem Zeitpunkt SPD-Bundestagsabgeordneter
Hans Modrow (rechts) zeigt westdeutschen Politikern, u.a. Gerhard Schröder - zu diesem Zeitpunkt SPD-Bezirkschef von Hannover - die rennovierte Semperoper. In der Mitte Peter Struck - zu diesem Zeitpunkt SPD-Bundestagsabgeordneter. Bildrechte: IMAGO
Die zerstörte Semperoper im August 1954, Rundgang
Die zerstörte Semperoper im August 1954, Rundgang Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: Werner Frost / HA
Blick auf das Bühnenportal der Semperoper, 29.06.1977
Blick auf das Bühnenportal der Semperoper, 29.06.1977 Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: E.Döring
Grundsteinlegung zum Wiederaufbau der Semperoper, 24.06.1977
Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater
Blick in den zerstörten Zuschauerraum der Semperoper, Baustelle 1978
Blick in den zerstörten Zuschauerraum der Semperoper, Baustelle 1978 Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: E.Döring
Akustikprobe in der Semperoper, 26./28. März 1985
Akustikprobe in der Semperoper, 26./28. März 1985 Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / Foto: E.Döring
Künstlerdemonstration Dresden 19.11.1989
Wendezeiten: Künstlerdemonstration in Dresden 19.11.1989 Bildrechte: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater / HL Böhme
Alle (12) Bilder anzeigen

In der Kritik

Auch interessant