Untergang in der Ostsee Drei Schiffe - ein Schicksal

Mit dem Start der Winteroffensive der Roten Armee am 12. Januar 1945 beginnt auch die große Flucht. Bereits zehn Tage später ist Ostpreußen eingekesselt und der Landweg in Richtung Westen abgeschnitten. So gibt es nur noch einen Ausweg: Über das Frische Haff in die Ostseehäfen Pillau, Danzig, Gotenhafen und Hela. Hunderttausende warten dort auf ein Schiff.

Gotenhafen, heute Gdynia, ist Anfang 1945 einer der wichtigsten Stützpunkte der deutschen Kriegsmarine. An den Piers machen nicht nur die großen Kriegsschiffe fest, sondern auch die einstigen Vorzeigeschiffe der Nazis, die "Wilhelm Gustloff", die "Steuben" oder der Frachter "Goya". Zunächst sollen sie vor allem die U-Boot-Kadetten und deren Kriegsmaterial in den Westen evakuieren helfen. Dazu startet Großadmiral Karl Dönitz am 21. Januar das "Unternehmen Hannibal". Doch auch die Flüchtlinge wollen an Bord.

Die verbotenen Wracks - Tauchexpedition in der Ostsee.
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Dass dann wirklich noch Zehntausende evakuiert werden, Hunderttausende, ist den Leuten vor Ort zu verdanken, also den Hafenkommandanten, den Schiffskommandanten, mittleren, unteren Dienststellen, die sagen: Wir können die Leute doch nicht hier zurücklassen.

Sönke Neitzel, Historiker

Flucht auf dem Seeweg

Die Flucht auf dem Seeweg ist Ende Januar angesichts der vorrückenden Roten Armee, die Ostpreußen eingeschlossen hat, die letzte Hoffnung für 2,5 Millionen Zivilisten, vor allem Frauen, Kinder und Alte. Denn die Männer zwischen 16 und 60 müssen bleiben und bis zur letzten Patrone kämpfen. Doch auch die Flucht über die Ostsee birgt unkalkulierbare Risiken. Sowjetische U-Boote patroullieren. Tatsächlich wird die "Wilhelm Gustloff" am Abend des 30. Januar 60 Kilometer vor der Pommerschen Küste vom Kommandanten des U-Boot S-13, Alexander Marinesko aufgebracht. Er hält die abgeblendet und in Begleitung des Torpedoboots T-36 fahrende "Gustloff" für ein Kriegsschiff, das eilig Soldaten aus Ostpreußen über die Ostsee retten will. Um 21:08 Uhr lässt er drei Torpedos auf die "Gustloff" abschießen. Für die etwa 10.000 Menschen an Bord gibt es kaum eine Überlebenschance. Das Lazarett- und Flüchtlingsschiff sinkt 60 Minuten, nachdem es getroffen worden ist.

Der jüngste Überlebende der "Gustloff"-Katastrophe ist Peter Weise. Sieben Stunden nach dem Untergang und bei eisigen Temperaturen wird er in einem Rettungsboot entdeckt. Der Obermaat Werner Fick, der den etwa einjährigen Jungen findet, beschließt, ihn zu "adoptieren", ohne sich um die Bürokratie zu kümmern: "in dem Moment, das Menschlichste, was man machen konnte", sagt der heute 74-Jährige, der lange nach dem Krieg selbst Seemann wird und jahrzehntelang als Kapitän zur See fährt. Günter Grass greift seine Geschichte in seiner Novelle "Im Krebsgang", die 2002 erscheint und viel Aufsehen sorgt, auf.

Binnen Wochen sinken "Gustloff", "Steuben" und "Goya"

Der Untergang der "Wilhelm Gustloff" ist die erste von drei großen Schiffstragödien, die sich bis April 1945 auf der Ostsee ereignen. Am 10. Februar wird die "Steuben", die eigentlich ein Verwundetentransporter ist und schätzungsweise 900 Flüchtlinge an Bord genommen hat, ebenfalls durch ein sowjetisches U-Boot versenkt. Den Befehl erteilt wieder Marinesko. Mehr als 4.000 Menschen reißt die Explosion mit in die Tiefe. Nur zwei Monate später, am 16. April 1945, treffen zwei sowjetische Torpedos die "Goya". Der ehemalige Frachter soll das letzte Schiff sein, das die Halbinsel verlässt. Am Nachmittag kurz vor dem Auslaufen versuchen immer mehr Flüchtlinge an Bord zu gelangen. Bei 6.000 hören die Offiziere mit dem Zählen auf, berichten Zeitzeugen. Die Menschen strömen unter Deck in die riesigen Frachträume und finden dort den Tod, als der Frachter nach den Torpedo-Treffern innerhalb von sieben Minuten sinkt.

20.000 Menschen sterben in der Ostsee

Die Wracks der "Wilhelm Gustloff", der "Steuben" und der "Goya", die Anfang 2000 von der polnischen Marine und Privatpersonen gefunden wurden, liegen bis heute auf dem Grund der Ostsee. Als Seekriegsgräber sind sie Zeugen für die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und die Einzelschicksale Tausender Flüchtlinge, die auf Rettung hofften und den Tod fanden. Etwa 20.000 Menschen sind nach heutigen Schätzungen bei diesen drei Schiffskatastrophen um ihr Leben gekommen.