Der Osten - Entdecke wo du lebst | MDR FERNSEHEN | 28.11.2017 | 20:45 Uhr Die verbotenen Wracks - Tauchexpedition in der Ostsee

Als stählerne Särge liegen die Wracks von "Wilhelm Gustloff", "Steuben" und "Goya" auf dem Grund der Ostsee. Voll besetzt mit Flüchtlingen aus Ostpreußen gingen sie Anfang 1945 nach Torpedotreffern unter. 20.000 Menschen kamen um, die größte Katastrophe der Seefahrtsgeschichte. Die Mission der "Zephyr" ist es, diese Seekriegsgräber dem Vergessen zu entreißen.

Die verbotenen Wracks - Tauchexpedition in der Ostsee
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zu einer außergewöhnlichen Mission bricht die Besatzung der "Zephyr" Anfang September 2017 auf. Das Segelschiff nimmt Kurs auf die Danziger Bucht in der Ostsee.

Die verbotenen Wracks - Tauchexpedition in der Ostsee
Das Team von Tauchern und Unterwasserarchäologen an Bord Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk / Der Osten - Entdecke wo du lebst

Ziel sind die Wracks der drei großen Passagierschiffe: "Wilhelm Gustloff", "Steuben" und "Goya". Mit diesen Namen verbindet sich die Erinnerung an die schlimmste Schiffskatastrophe des Zweiten Weltkrieges. Übervoll mit Flüchtlingen aus Ostpreußen und auch Verwundeten werden sie durch sowjetische U-Boote Anfang 1945 versenkt. Nach heutigen Schätzungen kommen dabei mehr als 20.000 Menschen um.

Stählerne Särge auf dem Grund der Danziger Bucht

Die verbotenen Wracks - Tauchexpedition in der Ostsee.
Peter Weise überlebte den Untergang der "Wilhelm Gustloff" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einer der wenigen, der den Untergang der "Wilhelm Gustloff" in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 überlebt, ist Peter Weise: Bei eisigen Temperaturen wird der damals etwa einjährige Junge am nächsten Morgen in einem Rettungsboot treibend entdeckt.

Der Mann, der ihn findet, adoptiert ihn und erspart ihm das Schicksal eines Findelkindes in den Wirren des Zweiten Weltkrieges. Der Tod seiner Mutter und das der anderen Menschen an Bord der "Wilhelm Gustloff", treibt Peter Weise bis heute um:

Es wäre gut, wenn mehr Menschen über das Schicksal dieser Schiffe Bescheid wüssten. Damit sich so etwas niemals wiederholen kann.

Peter Weise, Überlebender der "Gustloff"-Katastrophe

Die verbotenen Wracks und ein Zeitzeuge Der Überlebende der "Gustloff"

Wie tausende Flüchtlinge aus Ostpreußen keine Rettung, sondern nur den Tod in der Ostsee finden - und ein einjähriges Kind den Untergang der "Gustloff" überlebt - Peter Weise erinnert sich.

Die verbotenen Wracks - Tauchexpedition in der Ostsee.
Nur rund 1.200 Menschen überlebten den Untergang der "Wilhelm Gustloff", der jüngste war Peter Weise. Die Gedanken an das Ende seiner Mutter und der anderen Menschen an Bord treiben ihn bis heute um. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die verbotenen Wracks - Tauchexpedition in der Ostsee.
Nur rund 1.200 Menschen überlebten den Untergang der "Wilhelm Gustloff", der jüngste war Peter Weise. Die Gedanken an das Ende seiner Mutter und der anderen Menschen an Bord treiben ihn bis heute um. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die verbotenen Wracks - Tauchexpedition in der Ostsee
Die "Wilhelm Gustloff" sank 60 Minuten, nachdem sie getroffen wurde. Immer noch unfassbar für den heute 74-Jährigen. Bildrechte: Peter Weise
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Schon der erste Torpedo riss das Vorschiff backbord auf und ließ die "Wilhelm Gustloff" auf acht Grad Schlagseite gehen. Der zweite explodierte im Schwimmbad, der dritte schlug im Maschinenraum ein. Die Menschen auf den unteren Decks hatten keine Chance zu entkommen. Bildrechte: Ostsee-Archiv
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Sieben Stunden nach dem Untergang und bei eisigen Temperaturen wurde Peter Weise, damals etwa ein Jahr alt, von einer Suchmannschaft in einem Rettungsboot treibend entdeckt. Bildrechte: Peter Weise
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Der Obermaat Werner Fick, der das etwa einjährige Kind fand, beschloss, ihn einfach mitzunehmen, "in dem Moment, das Menschlichste, was man machen konnte", sagt der heute 74-Jährige Peter Weise. Er wuchs in der Familie behütet auf in Rostock, fing 1960 bei der Deutschen Seereederei als Lehrling an, später studierte er, 1974 wurde er Kapitän. Auf der "Zwickau" und der "Völkerfreundschaft" fuhr er um die ganze Welt. Seine Karriere endete 1982 - aus ideologischen Gründen. Er arbeitete weiter im Hafen. Nach der Wende war er im Vorstand der Seehafen AG. In seinem Buch "Hürdenlauf" berichtet Peter Weise über sein Leben. Er schickte Günter Grass das Buch zu und bekam es mit einer Widmung zurück, in der Novelle "Im Krebsgang" über den Untergang der "Wilhelm Gustloff" gibt es eine Rettungsgeschichte, die an Peter Weises Schicksal erinnert. Bildrechte: Peter Weise
Flüchtlingsschiff 'Steuben'
Die "Steuben" Die "Steuben" war eines der ältesten deutschen Handelsschiffe. 1923 gebaut, fuhr sie zunächst unter dem Namen "München" auf der Nordatlantikroute. Nach einem Brand renoviert, galt das Schiff, das nun unter dem Namen "Steuben" fuhr, lange als das Traumschiff der Deutschen - mit 170 Metern Länge, über 400 Kabinen, Restaurants, Aufenthaltsräumen für 1.000 Passagiere. Bildrechte: dpa
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Doch im Krieg wurde aus dem Traumschiff ein schwimmender Operationssaal, das am 9. Februar 1945 in Pillau tausende Schwerverwundete an Bord nahm. Am frühen Abend machte sich das Schiff mit mehr als 4.000 Menschen an Bord auf den Weg Richtung Swinemünde. Sechs Stunden lang verlief die Fahrt ohne Zwischenfälle. Gegen Mitternacht befand sich die "Steuben" westlich der Stolpe-Bank, einer Untiefe in der Ostsee. Wohl durch Lichtfunken eines begleitenden Torpedofangbootes wurde das sowjetische U-Boot S-13 unter Kommandant Marinesko auf den Geleitzug aufmerksam. Um 00.52 gab der Mann, der zehn Tage zuvor die "Gustloff" versenkt hatte, den Befehl, zwei Torpedos abzufeuern. Unter ohrenbetäuben Lärm - so Zeitzeugen - ging die "Steuben" um 1:26 Uhr unter. Nur 650 Menschen wurden gerettet, die meisten vom Torpedoboot "T196", das die "Steuben" begleitet hatte.

Das Wrack der "Steuben" liegt heute 72 Meter tief. Ein Schiff des Hydrographischen Büros der polnischen Kriegsmarine in Gdynia, die "Arctowski", entdeckte es im Mai 2004 bei Vermessungsarbeiten auf dem Meeresgrund.
Bildrechte: Ostsee-Archiv
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Die "Goya" Am 16. April 1945 sollte der ehemalige Frachter "Goya" das letzte Schiff sein, dass die Halbinsel Hela verlässt. Die letzte Bastion der Wehrmacht an der polnischen Ostseeküste lag bereits unter Dauerfeuer aus der Luft. Am Nachmittag kurz vor dem Auslaufen versuchten immer mehr Flüchtlinge an Bord der "Goya" zu gelangen. Bei 6.000 hörten die Offiziere mit dem Zählen auf, berichteten Zeitzeugen. Die Menschen strömten unter Deck in die riesigen Frachträume. Als das Schiff am Abend auslief, müssen bereits zwischen 6.000 und 8.000 Menschen an Bord gewesen sein. Kurz vor Mitternacht wurde es von dem sowjetischen U-Boot L3 aufgebracht und kurz vor Mitternacht mit vier Torpedos beschossen, zwei erreichten ihr Ziel. Nur 172 Menschen überlebten, als der Frachter innerhalb von sieben Minuten sank. Bildrechte: Ostsee-Archiv
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Die "Margarete Cords" Die "Margarete Cords" ist eines der vielen hundert, weniger bekannten Wracks, die auf dem Grund der Danziger Bucht liegen. Der Frachter aus Rostock wurde Anfang 1945 ebenfalls zum Kriegsschiff umfunktioniert, um Nachschub für die Wehrmacht zu transportieren. Am 17. März 1945 traf auch dieses Schiff ein Torpedo, abgefeuert von einem sowjetischen U-Boot. An dem Wrack ist das Tauchen erlaubt, es gilt nicht als Seegrab. Denn es waren - noch - keine Flüchtlinge an Bord. Der Frachter war noch auf dem Hinweg, um sie aufzunehmen.

Das Wrack liegt unweit der "Steuben" in etwa 52 Meter Tiefe.
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Wracks vor dem Vergessen und gegen Plünderer schützen

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Zwischen 50 und 100 Metern tief liegen die Wracks der drei Schiffe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Wracks der drei Schiffe, die um 2000 von der polnischen Marine und Privatpersonen entdeckt wurden, liegen bis heute als stählerne Särge auf dem Grund der Danziger Bucht.

Zu diesen Seekriegsgräbern hinab zu tauchen ist ohne Genehmigung verboten. Die Totenruhe darf nicht gestört werden. Das aber hält Grabräuber nicht ab, zumal die fortschreitende Technik das Tauchen in immer größere Tiefen erlaubt.

Da gehen jetzt Hobbytaucher auf 42 Meter, und achten dann nicht mehr die Totenruhe. Da kriegen wir auch emotional ein Problem. Weil, ich sag' mal: 'Meine Großmutter stand an der 'Gustloff', wollte da rauf - tja. Und jetzt werden diese Seekriegsgräber betaucht, und die holen sich da das Zahngold raus. Das geht nicht.

Thomas Schock, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
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Jahre lang hat Reinhard Öser die Expedition vorbereitet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gegen das Vergessen der Kriegsopfer auf dem Meeresgrund und gegen die Plünderungen der Seekriegsgräber engagieren sich die Taucher und Unterwasserarchäologen, die mit der "Zephyr" unterwegs sind. Sie sollen im Auftrag des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge den Zustand der Wracks erkunden, die zwischen 45 und 100 Meter tief liegen.

Expedition mit Risiken: Schiffe als Zeitkapseln

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Sabine Kerkau taucht seit mehr als 30 Jahren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine schwierige Expedition nicht nur wegen der Tiefe, sondern auch weil die Wracks nach all den Jahren von Schleppnetzen der Fischer überzogen sind, eine tückische Falle für Taucher. Deshalb geht keiner allein in die Tiefe.

Mit an Bord der "Zephyr" ist Oliver Perschke aus Zwickau, der spezialisiert aufs Wracktauchen ist. Seine Partnerin wird Sabine Kerkau sein, eine der ambitioniersten technischen Taucherinnen Europas. Die 55-Jährige hat, wie auch andere im Team, ganz persönliche Motive an der Expedition teilzunehmen:

Meine Familie kommt aus Ostpreußen.

Sabine Kerkau, Extremtaucherin

Für Sabine Kerkau sind die Schiffe wie riesige Zeitkapseln, die eine Geschichte zu erzählen haben. Erfahren wird sie nur, wer den Mut aufbringt, in die eiskalte, pechschwarze Tiefe vorzudringen. Das ist es, was das Wracktauchen so faszinierend macht.

Spezielles Equipment und viel Erfahrung gehören freilich dazu - und ein langer Atem, um etwa die Erlaubnis der polnischen Behörden zu bekommen, wie sich zeigen wird ...