DER OSTEN - ENTDECKE WO DU LEBST | MDR-FERNSEHEN | 22.03.2022 | 21:00 UHR + MEDIATHEK Eine Stadt und ihr Gefängnis – Der Ruf aus Bautzen

Die Justizvollzugsanstalt Bautzen hat den Ruf der Stadt weit über deren Grenzen hinaus geprägt. Zunächst als modernes humanistisches Gefängnis erbaut, war es dann über viele Jahrzehnte eine gefürchtete Einrichtung - während der NS-Diktatur, unter den Sowjets und in der DDR als Gefängnis für den allgemeinen Vollzug und Stasi-Knast. Heute knüpft die JVA Bautzen an ihre Ursprünge an und steht für einen modernen und humanen Strafvollzug.

Blick auf ein großes, altes Gebäude. 45 min
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Die Strafvollzugsanstalt Bautzen wurde um 1900 als reformorientierte Strafanstalt für männliche Strafgefangene geplant und gebaut. Jahrzehnte später wird die Einrichtung zu einem Ort von Unterdrückung, Willkür und menschenunwürdigen Haftbedingungen. Von 1933 bis 1945 unter den Nazis, von 1945 bis 1950 als Speziallager für Kriegsverbrecher und politische Gegner unter den Sowjets und als Gefängnis für den allgemeinen Vollzug in der DDR. Der Spruch "Ab nach Bautzen" klang nicht verheißungsvoll. Das "Gelbe Elend" - wie der Knast im Volksmund genannt wurde - löste bei den Häftlingen Angst und Schrecken aus.

Bautzen II - Der Stasi-Knast

Gefängnis Bautzen - Eingangstor
Eingangstor zum "Stasi-Knast" Bautzen II Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Schatten der großen Haftanstalt steht das ehemalige Untersuchungsgefängnis Bautzen II. Nach dem Krieg wird es ebenfalls von den Sowjets übernommen, ab 1963 eigenständig von der Staatssicherheit der DDR geführt und verwaltet. Bis zur Wende sitzen mehr als 2.400 Gefangene ein. Spione, Doppelagenten, vor allem aber politische Gefangene der DDR, unter ihnen auch etliche Prominente. Weggesperrt auf fünf Etagen in Einzel-, Zweier- und in Isolationszellen. Diesem Gefängnis und den leidvollen Geschichten von Inhaftierten verdankt Bautzen bis heute seinen zweifelhaften Ruf.

Gedenkstätte erinnert an Häftlingsschicksale

Seit 1993 ist der ehemalige Stasiknast Gedenkstätte und erinnert mit vielen dokumentierten Einzelschicksalen an die Opfer in beiden Strafvollzugseinrichtungen. Auch die Schicksale von Jochen Stern und Alexander Latotzky sind hier dokumentiert. Der heute 91jährige Jochen Stern wird als 19jähriger 1948 verhaftet und von der sowjetischen Militäradministration wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren verurteilt. Insgesamt verbringt Jochen Stern über sechs Jahre im Speziallager Bautzen I und erlebt 1950 die Häftlingsunruhen mit, die vom Wachpersonal brutal niedergeknüppelt werden.  

Alexander Latotzky erblickt das Licht der Welt in einer Zelle von Bautzen I. Seine Mutter wagte es, die Vergewaltigung und Ermordung ihrer Mutter durch sowjetische Soldaten anzuzeigen. Drei Jahre verbringen Mutter und Sohn in verschiedenen Lagern, danach werden sie getrennt. Nach etlichen Heimaufenthalten wird Alexander Latotzky seine Mutter erst als bereits Neunjähriger in Westberlin wiedersehen.

Bis heute engagieren sich Jochen Stern und Alexander Latotzky gegen das Vergessen im Bautzen-Komitee und sind gefragte Zeitzeugen im jährlich stattfindenden Bautzen-Forum. 

Der Film erzählt von den Anfängen der JVA Bautzen als Reformbau, über die dunklen Kapitel seiner Geschichte bis zu der modernen humanen Strafvollzugseinrichtung von heute. Wir begegnen Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven die Strafanstalt erlebt haben und für die das "Gelbe Elend" ein Schicksalsort geworden ist. Historische Dokumente, Fotos und Archivaufnahmen belegen die bewegenden Geschichten im historischen Kontext.

Zugleich sind die Ereignisse im Wendejahr 1989/90 auch ein Beispiel dafür, dass Menschen  trotz unterschiedlicher Biografien und Sichtweisen immer die Chance haben, sich menschlich zu verhalten und somit Gewalt und Blutvergießen verhindern können.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke, wo du lebst | 22. März 2022 | 21:00 Uhr

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