Der Osten - Entdecke wo du lebst | MDR FERNSEHEN | 13.11.2018 | 20:45 Uhr Schloss Reinhardsbrunn – Thüringens verlorenes Paradies

Ein Film von Dirk Schneider

Schloss Reinhardsbrunn sorgte in letzter Zeit vor allem durch die Enteignung durch das Land Thüringen für Schlagzeilen. Doch die Geschichte des Schlosses ist viel mannigfaltiger, stets aufs Engste mit der Historie Thüringens verbunden. Der Film: "Schloss Reinhardsbrunn – Thüringens verlorenes Paradies" erzählt ein spannendes Kapitel Thüringer und deutscher Geschichte.

Reinhardsbrunn – am Fuße des Thüringer Waldes, nicht weit von Gotha, ist nicht weniger, als der Geburtsort Thüringens. Das Jagdschloss des Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha – das so eng verflochten ist mit dem englischen Königshaus  – ist aber auch ein heiliger Ort des deutschen Mittelalters, ein legendenumwobener Fluchtort der Nazis, ein nobles Devisenhotel der DDR und ein trauriges Treuhandkapitel – kurzum: ein deutsches Lesebuch, ein Schloss voller Geister der Vergangenheit, leerstehend, verlassen und trotzdem wunderschön.

Enteignung durch das Land Thüringen

Ministerpräsident Bodo Ramelow im MDR THÜRINGEN-Sommerinterview
Ministerpräsident Bodo Ramelow forcierte die Enteignung von Schloss Reinhardsbrunn Bildrechte: MDR FERNSEHEN

2018 werden die Eigentümer dieses denkmalgeschützten Schlosses, eine Firma aus Russland, durch den Freistaat Thüringen enteignet – nach 20 Jahren des Verfalls. Es ist das erste Mal, dass eine solche – völlig legale und trotzdem umstrittene - Entscheidung in Deutschland tatsächlich durchgesetzt wird. Mit dem Willen von "ganz oben",  forciert von Ministerpräsident Bodo Ramelow und unterstützt durch die breite Bevölkerung.

Diese Enteignung war extrem wichtig. Und jetzt will ich, dass Prinz Charles sich das anguckt.

Bodo Ramelow

Doch schon seine Vorgängerin im Amt, Christine Lieberknecht macht sich für den Erhalt von Reinhardsbrunn stark. Sie gibt ein Rechtsgutachten in Auftrag, aus dem hervorgeht, dass enteignet werden könnte. Und so gibt sie sich damals kämpferisch:

Wir enteignen. Punkt. Aus!

Christine Lieberknecht

Warum sind die Thüringer Reinhardsbrunn so verfallen? Warum ist ihnen dieser Ort so wichtig, dass sie nichts unversucht lassen wollten, um ihn wieder für sich zu gewinnen? Und warum kann, wer einmal hier gelebt und gearbeitet hat, nicht wieder loslassen?

Spuren des Verfalls: So sieht es auf Schloss Reinhardsbrunn aus

Schloss Reinhardsbrunn verfällt, weil nur das Allernötigtste dafür getan wird.

Mit Brettern an Fenstern und Türen will man Schloss Reinhardsbrunn vor dem Verfall und Vandalismus schützen
Schloss Reinhardsbrunn im Landkreis Gotha. Bretter sollen Vandalen abhalten. Bildrechte: MDR/Björn Pollok
Mit Brettern an Fenstern und Türen will man Schloss Reinhardsbrunn vor dem Verfall und Vandalismus schützen
Schloss Reinhardsbrunn im Landkreis Gotha. Bretter sollen Vandalen abhalten. Bildrechte: MDR/Björn Pollok
Schloss Reinhardsbrunn
Ein guter Rapunzel-Turm. Doch hier lässt schon lange niemand sein Haar herunter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Korridor mit fehlenden Bodendielen
Denn im Inneren sieht es wüst aus. Im Gang im Haupthaus fehlen zum Beispiel die Dielen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Farbe blättert von einer Wand und einem Treppengeländer
Frischer Anstrich allein reicht hier nicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Farbe blättert von einer Wand
Im Haupthaus blättert Farbe überall von Geländern und Wänden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Raum mit fehlenden Bodendielen
Die Tapete schält sich von den Wänden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Raum mit fehlenden Bodendielen
Im Boden klaffen große Löcher. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Farbe blättert von der Decke eines unverputzten Raumes
Im Haupthaus war einst der Speisesaal eines Hotels untergebracht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein gelbes Schild mit der Aufschrift "Reisebüro DDR"
Von den Luxus-Bädern im gutgehenden Hotel ist nicht mehr viel übrig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Blick durch ein Fenster auf einen Flügel von Schloss Reinhardsbrunn
Die Aussichten aus und für Schloss Reinhardsbrunn sind trübe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein dunkler Korridor auf Schloss Reinhardsbrunn
Tapete ab, Türen beschädigt - aber der Kronleuchter zeigt, dass es mal bessere Zeiten gab. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Decke eines Saales auf Schloss Reinhardsbrunn
Letzter Glanz: Sieht schöner aus, als es in Wirklichkeit ist. Zeugnisse von einstigem Prunk. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Saal auf Schloss Reinhardsbrunn
Hier etwa muss es einmal unheimlich gemütlich gewesen sein, davon zeugt der Kamin im Haupthaus. Er war für die Vandalen wohl zu schwer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein maroder Saal
Die Reste der Wand- und Deckenmalerei zeugen von hoher Handwerkskunst. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Decke in der Ecke eines Zimmers zeigt Schäden
Doch die kunstvolle Decke droht einzubrechen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Schild mit der Aufschrift "Einsturzgefahr Betreten verboten" an einem Bauzaun
Auch deshalb gilt seit Herbst 2014: Abstand halten. Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling
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Wir begleiten Christoph von Berg durch das völlig verfallene Schloss, balancieren über fast 200 Jahre alte Balken. Wir tasten uns durch die verfallenen Räume im Herrenhaus, mit seinem wunderschönen Erker. Der heutige Fördervereinsvorsitzende war der letzte Bewohner von Reinhardsbrunn. 1990 kommt der westdeutsche Manager nach Thüringen, um von dort aus für den Tchibo-Konzern den Osten zu erobern.

Dann habe ich mir gedacht: Wenn schon Osten, dann will ich im Schloss wohnen. So bin ich nach Reinhardsbrunn gekommen.

Christoph von Berg

Märchenkulisse und Kleinod der Gartenkunst

Schloss Reinhardsbrunn
Verwunschene Märchenkulisse auf Schloss Reinhardsbrunn Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit Elisabeth Hügel stehen wir im Entree des Schlosses und reisen mit ihr zurück in die 1980er-Jahre, als sie hier am Empfang des Interhotels Reinhardsbrunn Gäste aus aller Welt begrüßte - Westkunden mit Westmark, Ostkunden mit Charme. 1993 schließt das Hotel, wegen geplanter Sanierungsarbeiten. Doch seither verfällt dieser einmalige neogotische Bau, umgeben von einer der immer noch schönsten Parkanlagen Ostdeutschlands – einem Kleinod der Gartenkunst. Filmteams wissen diesen verwunschenen Ort zu schätzen, als ideale Kulisse für Rapunzel und Luthers Ehefrau Katharina oder gar einen Film über das Bernsteinzimmer.

Wir treffen Prinz Andreas von Sachsen-Coburg und Gotha, dessen berühmter Großvater Carl Eduard, der noch in England geboren wurde – und später als strammer Nazi seinem Führer Adolf Hitler das Schloss Reinhardsbrunn als Fluchtort versprach.

"Schloss Reinhardsbrunn – Thüringens verlorenes Paradies" erzählt ein spannendes Kapitel Thüringer und deutscher Geschichte.

Stichwort: Schloss Reinhardsbrunn Das Schloss in seiner heutigen Gestalt wurde erst 1827 errichtet, allerdings an einem historisch bedeutsamen Ort. Bereits 1085 wurde in Reinhardsbrunn ein Kloster gegründet, das als Grablege der Landgrafen von Thüringen diente. In den Mauern wurde Ludwig IV., der Ehemann der Heiligen Elisabeth, bestattet. Außerdem traf sich dort der europäische Hochadel. Ab dem 13. Jahrhundert verlor das Kloster allmählich an Bedeutung. 1525 wurde es schließlich während des Bauernkrieges geplündert und zerstört. 1601 wurde auf den Ruinen ein herzogliches Amtshaus errichtet, das in den Folgejahren mehrfach erweitert wurde. 1827 entstand dann die heutige Schlossanlage - das Lustschloss Reinhardsbrunn. Unter anderem besuchte die britische Queen Victoria den Ort im Thüringer Wald. Zwischen 1961 und 1989 war Reinhardsbrunn ein bekanntes Hotel des staatlichen Reisebüros der DDR. Nach der Wende ging es in die Resort-Hotel GmbH über und wurde Ende 2005 an einen englischen Investor verkauft, bevor es 2006 in den Besitz der Weimarer Baufirma überging. Das Weimarer Unternehmen wurde dann knapp zwei Jahre später von einem russischen Investor aufgekauft.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - entdecke, wo Du lebst | 13. November 2018 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2018, 19:17 Uhr

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