Szene aus: Der Osten - Entdecke wo du lebst: Faltbootkult aus Pouch
Unterwegs auf der Goitzsche, dort wo früher Tagebau-Löcher gähnten Bildrechte: Der Osten / MDR FERNSEHEN

Der Osten - Entdecke wo du lebst | MDR FERNSEHEN | 07.07.2017 | 11:45 Uhr Faltbootkult aus Pouch

Knapp 2.000 Einwohner zählt die Gemeinde Pouch heute - ein kleiner Ort auf einer schmalen Landzunge zwischen Muldestausee und Goitzsche. An maritimes Flair war hier früher nicht zu denken, zu DDR-Zeiten war dort ein Tagebauloch. Über die unglaubliche Veränderung einer Landschaft - und ein Faltboot, das bis heute Kult ist ...

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Unterwegs auf der Goitzsche, dort wo früher Tagebau-Löcher gähnten Bildrechte: Der Osten / MDR FERNSEHEN

"Pouch" - dieser Name weckt immer noch ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer auf dem Wasser. Ob Spreewald, Masuren oder Schwarzes Meer - für viele im Osten sind die Ferien mit dem blauen Faltboot "RZ 85" unvergessen. Heute befindet sich die Bootswerft direkt am Wasser, das war nicht immer so.

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Pouch heute Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als die Produktion des Faltbootes ab 1953 anlief, lag Pouch "auf dem Trockenen" und in einer der dreckigsten Regionen Europas. Aus den Chemiebetrieben in Bitterfeld und Wolfen kamen giftige Wolken gezogen. Dann rückten die Braunkohlebagger an, Wälder und ganze Siedlungen verschwanden. Bald war die Gemeinde von einer Mondlandschaft umgeben. Die wurde inzwischen renaturiert und geflutet. So liegt der kleine Ort mit knapp 2.000 Einwohnern nun idyllisch auf einer Landzunge zwischen Muldestausee und Goitzsche - und Faltboot-Enthusiasten kommen heute auch mal als Touristen, um von Pouch aus in See zu stechen.

Klaus Billmann - Passionierter Faltbootfahrer

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Mit im Boot ist immer Hund Fire. Bildrechte: Der Osten / MDR FERNSEHEN

So wie Klaus Billmann. Sein erstes Faltboot kaufte er gleich 1955. Mittlerweile steht es als Exponat im Museum, Billmann wechselte auf ein neueres Modell. Inzwischen hat der 82-Jährige fast ganz Osteuropa vom Wasser aus gesehen. Mit diesen Expeditionen verbindet er Unabhängigkeit und Erholung in der Natur. Heute reist er mit seiner Tochter Ute Lorey. Zu zweit sind die beiden Thüringer ein routiniertes Team. Doch manchmal reicht den beiden auch ein kleiner Ausflug nach Sachsen-Anhalt, um die neue Seenlandschaft zu erkunden. Das hat den Vorteil, dass sie ihr Faltboot nicht komplett abbauen müssen, es passt gleich so aufs Autodach. Quartier beziehen sie im Heidecamp Schlaitz im selbst aufgebauten Zelt natürlich.

Dass sie eines Tages zur Erholung nach Pouch fahren würde, hätte Ute Lorey nie gedacht. Die Veränderung der Landschaft findet sie "kaum zu begreifen", wo einst wüstenähnliche Zustände herrschten, liege nun eine Erholungsoase.

Frank Kleeblatt - Vom Bergbauvermesser zum Tauchlehrer

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Frank Kleeblatt sticht in See Bildrechte: Der Osten / MDR FERNSEHEN

Mit dem Faltboot lässt sich nun auch der Bernsteinsee erkunden. Früher als Bergbauvermesser hat Frank Kleeblatt diesen Teil der Goitzsche noch als "trockenes Loch" erlebt. Das Geheimnis, dass in der Gegend zu DDR-Zeiten nicht nur Braunkohle, sondern auch Bernstein gefördert wurde, kannte er. Damals wurden rund 400 Tonen aus dem Tagebau geholt und zur Bearbeitung an den VEB Ostseeschmuck in Ribnitz-Damgarten geliefert.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dort wo vor 25 Jahren noch das Tagebauloch-Restloch gähnte, lädt Frank Kleeblatt jetzt mit seiner Tauchschule zu Unterwasser-Entdeckungstouren. Das Wasser der Goitzsche gilt als sehr klar und sauber. Kleeblatt hat schon allerhand Fische darin beobachtet, darunter einen über zwei Meter großen Wels, Bernstein noch nicht. Auch wenn in der Goitzsche immer noch große Vorkommen vermutet werden.

Ingolf Nietzschke - Vom Faltboot-Fan zum Vize-Werkschef

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Ingolf Nietzschke im Werk Bildrechte: Der Osten / MDR FERNSEHEN

Dass Pouch heute immer noch eine der ersten Adressen für Faltboot-Enthusiasten ist, ist Ingolf Nietzschke zu verdanken. In die Position des Inhabers kam er fast zufällig, aber auch aus Passion. Als sein RZ 85 repariert werden musste, reiste er in das Altwerk des VEB Kunststoff- und Textilverarbeitungswerk Pouch. Bei dem Besuch erfuhr er, dass die Stelle des technischen Leiters frei sei. Er bewarb sich mit Erfolg und brachte es im Laufe der Zeit bis zum Vize-Werkschef. Dann übernahm er.

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Heute sind im Altwerk schicke Wohnungen, die Bootswerft liegt am Wasser. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach der Wende hatte es die Bootswerft schwer, am Markt zu bestehen. Nietzschke kam auf die Idee, eine betriebseigene Tischlerei einzurichten. So werden heute nicht nur Faltboote im Werk gefertigt, sondern auch Sonnensegel und Regenbekleidung. Diese Nebenstrecke subventionierte lange Zeit die Faltbootproduktion quer. In Pouch werden heute längst nicht mehr so viele Faltboote wie zu DDR-Zeiten hergestellt. In Spitzenzeiten waren es damals 7.000, heute sind es rund 300 Boote im Jahr. Von den einst 68 Mitarbeitern im Bootsbau sind nur noch ein Dutzend übrig. Doch die Tradition lebt.

Zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2018, 12:59 Uhr