Der Osten - Entdecke wo du lebst | 03.08.2021 | In der Mediathek ansehen Der geheime Flugplatz: Großenhain

Ein Film von Stephan Liskowsky und Dinah Münchow

Heute ist der Flugplatz Großenhain bei Dresden ein Eldorado für Segelflieger und Enthusiasten. So harmlos war seine Geschichte nicht und längst sind dort noch nicht alle Geheimnisse gelüftet. Fast 90 Jahre lang war das Areal mit scheinbar unendlichen Landebahnen, riesigen Hangars und Spezialbunkern militärisches Sperrgebiet. Auch die Zukunft wirft Fragen auf.

Jan Meißner und sein Leichtflugzeug Marke Eigenbau. Die offizielle Bezeichnung ist Kiebitz.
Jan Meißner und sein Leichtflugzeug Marke Eigenbau. Die offizielle Bezeichnung ist Kiebitz. Er betreibt eine Flugschule auf dem Areal. Bildrechte: MDR/Stephan Liskowsky

Es ist einer der mysteriösesten Flugplätze Deutschlands und zugleich einer der ältesten: Großenhain nördlich von Dresden gelegen.

Ein Flugzeug auf dem Flugplatz Großenhain. 45 min
Ein Flugzeug auf dem Flugplatz Großenhain. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wo der Rote Baron das Fliegen lernte

Die Bücker Jungmann war früher ein militärisches Schulungsflugzeug. Heute ist das Flugzeug ein Oldtimer, der in Großenhain abhebt.
Die Bücker Jungmann war in der NS-Zeit
Schulungsflugzeug, heute steht sie als Oldtimer im Hangar.
Bildrechte: MDR/Dinah Münchow

Ins Unendliche führende Landebahnen, riesige Hangars, verborgene Flugzeugbunker mit Panzertoren, sogenannte Shelter – deutsche Geschichte der vergangenen 100 Jahre konzentriert sich hier wie unter einem Brennglas:

In Großenhain lernt der "Rote Baron", Manfred von Richthofen, im Ersten Weltkrieg das Fliegen, hier baut die deutsche Wehrmacht in den 1930er-Jahren gigantische Flugzeughallen.

Die Spitze alter sowjetischer Düsenjäger ragen noch heute in den Himmel. Ein Anblick, der zu DDR-Zeiten absolut geheim war.

An der Nahtstelle zwischen Ost und West

Der Flugplatz ist auch nach 1945 eine streng bewachte sowjetische Sperrzone, aus der keine Information dringt. Selbst der Absturz eines voll bewaffneten Düsenjägers, der 1966 fast das nahegelegene Dorf Folbern ausgelöscht hätte, wird komplett von den Geheimdiensten vertuscht. Genauso versteckt waren die mit Gras überwucherten Anlagen, in denen Kernwaffen lagerten.

Flugplatz Großenhain - der älteste Militärflugplatz Sachsens. Bis 1993  war das Gebiet militärische Sperrzone.
Für die superschnellen sowjetischen Düsenjäger wurden zwei, drei Kilometer lange Landebahnen gebraucht. Bildrechte: MDR/Stephan Liskowsky

Als die sowjetischen Truppen abziehen, ist Marcel Reichel ein Teenager. Aufgewachsen ist er in Großenhain. Mit gerade mal 26 Jahren kauft er nach der Wende zwei alte Stahlbetonbunker. Fast jede freie Minute verbringt er seitdem hier. Marcel Reichel ist den Geheimnissen des Flugplatzes auf der Spur. Er hat in internationalen Archiven recherchiert, viele Unterlagen zusammengetragen, die ihm ehemalige Militärangehörige oder deren Kinder mitgebracht haben. Erst heute sprechen Zeitzeugen, die jahrzehntelang geschwiegen haben. Etwa der 85jährige Manfred Tenner, er erinnert sich gut daran, wie der Flugplatz ab den 1950er-Jahren immer mehr ausgebaut wird, sich die Landebahnen immer weiter in die Landschaft fressen – und sich das Areal doch komplett von der Außenwelt abschottet.

Heute Eldorado für Flug-Enthusiasten

Jan Meißner ist Fluglehrer, heute will er mitr seinem Sohn Tim abheben
Jan Meißner will mit seinem Sohn Tim abheben. Bildrechte: MDR/Stephan Liskowsky

Heute ist der Flugplatz zum Eldorado für Segelflieger, Flugschüler und Enthusiasten mit verrückten fliegenden historischen Kisten geworden. Jan Meißner hat seine Flugschule in einem gut getarnten Shelter untergebracht. Seit Kindesbeinen will er nur eines: Abheben:

"Ich habe Segelflieger als Kind gesehen und dachte, das willst du auch. Mein Vater wollte lieber, dass ich Klavier spiele. Das war die Bedingung. Und jetzt kann ich beides.  Sobald es ging, habe ich mich als Fluglehrer ausbilden lassen und eine Flugschule eröffnet."

Immer noch ein Ort zum Abheben: der Flugplatz Großenhain
OB Sven Mibach vor Ort (l.): Ein Gewerbegebiet soll entstehen, doch zunächst müssen Altlasten beseitigt werden. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Doch wie lange noch? Die Stadt Großenhain und Sachsen haben große Pläne mit dem Flugplatz, wollen aus dem gigantischen Areal das größte zusammenhängende Gewerbegebiet von ganz Ostdeutschland machen. Der Traum ist eine Großansiedlung à la Tesla, die die ganze Region abheben lassen würde. Bagger wühlen sich schon durch das Gelände, um sowjetische Altlasten für Millionen Euro zu sanieren. Doch immer wieder entdecken die Sanierer neue Gebiete, die mit Kerosin verseucht sind. Das schmutzige Erbe der sowjetischen Truppen verfolgt die Großenhainer Anwohner und ihre Aufstiegs-Träume zur Boom-Region bis heute. Immerhin: So lange saniert wird, können Flugschüler, fliegende Kisten und die Enthusiasten der Lüfte weiter abheben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 03. August 2021 | 21:00 Uhr