Altstadt Waldheim mit Gefängnis im Hintergrund
Altstadt Waldheim mit Gefängnis im Hintergrund Bildrechte: S/W-Film

Gefangen in Waldheim – eine Stadt und ihr Gefängnis

Waldheim: Eine sächsische Kleinstadt im Zschopautal, mit einem ungewöhnlichen Ortskern: der Justizvollzugsanstalt. Verbrecher und Mörder sitzen hier mitten in der Stadt praktisch Mauer an Mauer mit den Waldheimern. Über 300 Jahre ist das Gefängnis alt. Und ist damit das älteste Gefängnis in Deutschland an seinem Ursprungsort.

Altstadt Waldheim mit Gefängnis im Hintergrund
Altstadt Waldheim mit Gefängnis im Hintergrund Bildrechte: S/W-Film

"Bad Gittersee" ist nur einer der Spitznamen für Waldheim. Kindern wurde gedroht: "Wenn ihr nicht brav seid, kommt ihr nach Waldheim!" Einer der prominentesten Insassen war der spätere Autor Karl May, der wegen Diebstahl und Betruges von 1870 bis 1974 in Waldheim inhaftiert war.

JVA Waldheim – das älteste Gefängnis

"Zuchthaus-Linde", gepflanzt im Jahr der Gefängnisgründung 1716
"Zuchthaus-Linde", gepflanzt im Jahr der Gefängnisgründung 1716 Bildrechte: S/W-Film

Das Gefängnis wurde bereits 1716 von König August dem Starken als Zucht-, Armen- und Waisenhaus in einem alten Jagdschloss errichtet. Es war das größte Zuchthaus Sachsens. Die Anlage hatte von Anfang an Vorbildcharakter für spätere Gefängnisse. Der Theologe und Gefängnis-Prediger Heinrich Balthasar Wagnitz nannte es 1791 die "Mutteranstalt … das Modell, wonach die übrigen mehr oder weniger geformt sind". Wagnitz gilt als Reformator des Strafvollzugsrechts.

Das Gefängnis behält seinen unmenschlichen Ruf über die Jahrhunderte bei. "Die scheußlichste aller scheußlichen Folterkammern", nannte es etwa der Historiker Franz Mehring. Er bezog sich auf die Behandlung von politischen Gefangenen nach dem Maiaufstand 1849 gegen König Friedrich August II. von Sachsen. Der Versuch, eine sächsische Republik zu gründen, scheiterte. Viele Aufständische wurden teilweise für Jahre nach Waldheim geschickt, wo zu dieser Zeit besonders viel geprügelt wurde.

Das Gefängnis Waldheim

Axel Bulthaupt an der Personenschleuse
Zu Besuch in der JVA Waldheim: Moderator Axel Bulthaupt an der Personenschleuse Bildrechte: S/W-Film
Axel Bulthaupt an der Personenschleuse
Zu Besuch in der JVA Waldheim: Moderator Axel Bulthaupt an der Personenschleuse Bildrechte: S/W-Film
Die heutige JVA Waldheim, unweit vom Fluss Zschopau
Blick auf die heutige JVA Waldheim, unweit vom Fluss Zschopau Bildrechte: S/W-Film
Luftaufnahme der JVA Waldheim im Jahr 2015
Luftaufnahme der JVA Waldheim im Jahr 2015 Bildrechte: S/W-Film
Altstadt Waldheim mit Gefängnis im Hintergrund
Die Altstadt von Waldheim mit dem drei Jahrhunderte alten Gefängnis im Hintergrund Bildrechte: S/W-Film
Ehemaliger Häftling aus den 1960er-Jahren – Hartmut Brix
Ehemaliger Häftling aus den 1960er-Jahren – Hartmut Brix: Kurz nach dem Mauerbau wurde der Leipziger verhaftet. Der Grund: illegaler Besitz einer Pistole und das Hören von West-Radio. Bildrechte: S/W-Film
Ehemaliger Häftling aus den 1960er-Jahren – Jörg Bilke
Ehemaliger Häftling aus den 1960er-Jahren – Jörg Bilke: Die Stasi beobachtete den westdeutschen Germanistik-Studenten. Beim Besuch der Leipziger Buchmesse dann der Zugriff. Bilke hatte für eine Studentenzeitung im Westen mehrere DDR-kritische Artikel geschrieben. Bildrechte: S/W-Film
Ehrenamtliche Helferin Ingrid Rammelt
Ehrenamtliche Helferin Ingrid Rammelt: Einmal in der Woche besucht die ehemalige Altenpflegerin die Seniorenstation der JVA. Bildrechte: S/W-Film
Ingrid Rammelt im Gespräch mit Häftling in der Seniorenstation
Ingrid Rammelt im Gespräch mit Häftling in der Seniorenstation: "Nach allem, was sie (die Häftlinge – d. A.) getan haben, sind sie auch ein bisschen Mensch geblieben. Und dafür bin ich da." Bildrechte: S/W-Film
"Zuchthaus-Linde", gepflanzt im Jahr der Gefängnisgründung 1716
"Zuchthaus-Linde", gepflanzt im Jahr der Gefängnisgründung 1716: Das Gefängnis wurde bereits 1716 von König August dem Starken als Zucht-, Armen- und Waisenhaus in einem alten Jagdschloss errichtet. Es war das größte Zuchthaus Sachsens. Bildrechte: S/W-Film
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Psychiatrie in Waldheim – ein dunkles Kapitel

1876 wurde das Waldheimer Gefängnis um die erste deutsche "Irrenanstalt für geisteskranke Verbrecher" erweitert. Eine psychiatrische Anstalt gleich neben dem Zuchthaus. Auch auf dem Gebiet der forensischen Psychiatrie war Waldheim nun "Vorreiter" – und zur NS-Zeit Teil des grausamen Euthanasie-Programms. Unter dem beschönigenden Namen "Heil- und Pflegeanstalt" wurden psychisch Kranke und behinderte Menschen systematisch ermordet oder für die "Verlegung" in eine der geheimen Tötungsanlagen ausgewählt.

Federführend hierbei war der damalige Leiter der Anstalt, der Arzt Gerhard Wischer. Seine Gutachten entschieden über Leben oder Tod der "Patienten".  Etwa 1.500 Menschen schickte er 1940 und 1941 in die Gaskammern von Pirna-Sonnenstein. Waldheim war eine Art "Zulieferer" für die Tötungsanstalt. Danach ließ Wischer bis 1945 mehr als 800 Patienten sterben, an Hunger oder durch sogenannte "Dämmerschlafkuren", die durch Medikamente hervorgerufen wurden.

Die psychiatrische Heilanstalt wurde später aufgelöst. Nichts erinnert mehr an die NS-Morde. Weder auf der Gedenktafel, die an die unschuldigen Opfer der Waldheimer Prozesse erinnert, noch andernorts in Waldheim findet man Hinweise auf die Ermordung psychisch Kranker in der NS-Zeit. Der Arzt Siegfried Hillmann, der vor und nach der Wende im Haftkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie gearbeitet hat, vermutet Scham als Grund für die Nicht-Würdigung der Opfer.

Ab Anfang der 1960er-Jahre gab es eine psychiatrische Beobachtungsabteilung in Waldheim. Hier kam es ganz offiziell zu Einweisungen durch das MfS, das Gutachteraufträge an Ärzte vergab.

Es ist eine Schande für diese Stadt, dass an dieser Mauer noch nichts angebracht worden ist! Das ist für mich eigentlich unbegreiflich.

Siegfried Hillmann, ehemaliger Haftarzt

Die "Waldheimer Prozesse" – Scheinjustiz der DDR

Im Frühjahr 1950 fanden im Zuchthaus die berüchtigten "Waldheimer Prozesse" statt, in denen sogenannte Nazi-Verbrecher ohne ordentliches Verfahren, ohne Verteidigung und Zeugen, oft nicht einmal von ausgebildeten Richtern verurteilt wurden. In zehn Wochen gab es mehr als 3.000 Urteile über ehemalige Häftlinge aus sowjetischen Konzentrationslagern – darunter nicht ein einziger Freispruch. Über 30 Angeklagte wurden zum Tode verurteilt. Unter den 24 tatsächlich Hingerichteten war auch Gerhard Wischer, der zur NS-Zeit jahrelang selbst Richter über Leben und Tod gewesen war. Viele der zu Gefängnisstrafen Verurteilten überlebten die Haftzeit nicht, starben unter anderem an Tuberkulose. Nach heutiger Auffassung des Bundesgerichtshofs stellten die Waldheimer Prozesse einen "krassen Missbrauch der Justiz zur Durchsetzung machtpolitischer Ziele" dar.

Staatsfeinde der DDR

Ehemaliger Häftling aus den 1960er-Jahren – Hartmut Brix
Ehemaliger Häftling aus den 1960er-Jahren – Hartmut Brix Bildrechte: S/W-Film

'Wer nicht wagt, kommt nicht nach Waldheim', ist ein geflügeltes Wort aus DDR-Zeiten. Auch für Gefangene in der DDR war das Urteil "Waldheim" eines, das ihr Leben komplett änderte. Nur Bautzen galt als noch unmenschlicher. Nach Waldheim kamen etwa Zeugen Jehovas und homosexuelle Männer, später viele Republikflüchtlinge. Die Zellen ohne fließendes Wasser teilten sich mehrere Häftlinge, als Toilette diente ein Krug.

Hartmut Brix und Jörg Bilke kennen diese Umstände, die heute im Haftmuseum zu sehen sind, aus eigener Erfahrung. 1961 ist Hartmut Brix 20 Jahre alt. Er macht eine Lehre als Bauschlosser. Drei Wochen nach Mauerbau wird der Leipziger verhaftet. Der Grund: illegaler Besitz einer Pistole und das Hören von West-Radio. Er wird zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Ehemaliger Häftling aus den 1960er-Jahren – Jörg Bilke
Ehemaliger Häftling aus den 1960er-Jahren – Jörg Bilke Bildrechte: S/W-Film

Sein damaliger Mitinsasse Jörg Bilke aus Franken ist kurz nach dem Mauerbau anlässlich der Buchmesse in Leipzig zu Besuch. Die Stasi hat den westdeutschen Germanistik-Studenten dabei von Anfang an als potenziellen Gegner unter Beobachtung. Jörg Bilke hatte für eine Studentenzeitung im Westen mehrere DDR-kritische Artikel geschrieben. Dafür musste er dreieinhalb Jahre nach Waldheim. Mehr als die Hälfte der Insassen wurden in der DDR aus politischen Gründen verhaftet, auch wenn das offiziell bestritten wurde.

Mehr als 50 Jahre später besuchen Hartmut Brix und Jörg Bilke die JVA. Vieles hat sich verändert: die JVA wurde saniert und jeder der rund 400 Häftlinge hat nun eine Einzelzelle mit eigenem Bad. Das findet Jörg Bilke "erträglich" im Vergleich zu früher. Es sei "wie im Krankenhaus" meint Hartmut Brix. Mehr als 55 Millionen sind in den letzten 20 Jahren in das Waldheimer Gefängnis investiert worden.

Die Extreme deutscher Geschichte – damit muss Waldheim leben. Damit sie nicht vergessen werden, gibt es seit 1997 in der JVA ein außergewöhnliches Strafvollzugsmuseum. Zwar hinter Gittern, aber offen für Besuch.

Bis zum Ende dieses Staates waren wir Staatsfeinde. Und so hat man uns behandelt.

Hartmut Brix, ehemaliger DDR-Häftling

Gefängnis für Rentner

Der demografische Wandel macht auch vor den Gefängnissen nicht halt. Die Justizvollzugsanstalt Waldheim war 2005 die erste in den neuen Ländern, die eine Seniorenabteilung schuf. Als Vorbild diente das europaweit einzige Seniorengefängnis in Singen am Bodensee.

Ehrenamtliche Helferin Ingrid Rammelt
Bildrechte: S/W-Film

Wer bei den knapp 30 Senioren arbeitet, muss eine Ausbildung als Sanitäter oder Krankenpfleger absolviert haben. Die "Seniorenresidenz hinter Gittern" in Waldheim verfügt über größere Zellen, einen Fahrstuhl, Pflegebetten und Haltegriffe neben Toiletten und Waschbecken.

Heute sitzen hier Männer im Rentenalter ein, die körperlich und geistig im normalen Vollzugsalltag nicht mehr klarkommen. Im Knast zu sterben, ist ihre größte Sorge. Einmal in der Woche besucht Ingrid Rammelt als Ehrenamtliche die Seniorenstation der JVA. Früher war sie Altenpflegerin. Jetzt kümmert sie sich um die älteren Häftlinge, hört ihnen zu und vermittelt bei Problemen zwischen Gefangenen und Bewachern.

Nach allem, was sie (die Häftlinge – d. A.) getan haben, sind sie auch ein bisschen Mensch geblieben. Und dafür bin ich da.

Ingrid Rammelt, Ehrenamtliche in der JVA

Zuletzt aktualisiert: 05. März 2019, 11:20 Uhr