Der Osten – Entdecke wo du lebst | MDR FERNSEHEN | 26.02.2019 | 21:00 Uhr Kaderschmiede für den Osten – Die ABF in Halle

ABF-Studenten in Halle 45 min
Bildrechte: Martin-Luther-Universität Halle

Der Osten - Entdecke wo du lebst Di 26.02.2019 21:00Uhr 45:09 min

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Arbeiter und Bauern an die Macht! Das ist die Parole der 1949 gegründeten Deutschen Demokratischen Republik. Der junge sozialistische Staat braucht treue Führungskräfte. Die DDR-Führung setzt auf eine neue Elite, die bislang kaum eine Chance auf Bildung hatte: die Kinder von Arbeitern und Bauern. Dafür werden an den Universitäten des Landes extra Arbeiter- und Bauernfakultäten gegründet – kurz ABF genannt. Auch Schauspieler Peter Sodann – gelernter Werkzeugmacher – hat in den 1950er-Jahren an einer solchen Einrichtung in Dresden sein Abitur gemacht.

Schauspieler Peter Sodann, ehemaliger ABF-Student.
Schauspieler Peter Sodann, ehemaliger ABF-Student Bildrechte: MDR/Christian Uhlisch

Ich fand eine tiefe Gerechtigkeit in der ganzen Angelegenheit. Warum sollen die kleinen Leute nicht auch studieren? Das fand ich schon gerecht und das halte ich auch heute noch für gerecht.

Junge Werktätige für das Abitur und ein Studium an der ABF zu begeistern, ist nicht leicht damals. Parteigenossen ziehen übers Land, versuchen junge Arbeiter und Bauern in Betrieben und Bäuerinnen im Melkstall fürs Studium zu werben. Doch die Verantwortlichen hatten ein Ziel, berichtet Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Ingrid Miethe, die zum Thema ABF geforscht hat: "Der Anteil der Arbeiter- und Bauernkinder war über Jahrhunderte extrem niedrig, das waren fünf, sechs Prozent. Also ganz, ganz wenig. Und diesen Anteil wollte man erhöhen. Man wollte eine sozialistische Intelligenz heranbilden."

Gefragt sind treue Staatsdiener

Professorin Silke Satjukow
Historikerin Silke Satjukow Bildrechte: MDR/Christian Uhlisch

Mitte der 1950er-Jahre gibt es 15 Arbeiter- und Bauernfakultäten in der ganzen DDR – an allen Universitäten und einigen Hochschulen. Der Plan scheint aufzugehen. 1958 sind 53 Prozent aller Studenten an den Universitäten der DDR Arbeiter- und Bauernkinder. Allerdings, so stellt die Historikerin Silke Satjukow fest, bleiben andere junge Leute im Lauf der Bildungsrevolution auf der Strecke. "Wer nicht systemkonform ging, wer nicht gehorsam war ... vor allem ... Dissidenten und Dissidentengruppen, Christen zum Beispiel, der konnte nicht erwarten, gefördert zu werden von diesem Staat." Gefragt sind treue Staatsdiener, klug und kompetent genug, um den sozialistischen Staat, seine Gesellschaft zu tragen. Eine ergebene Elite, die den Sozialismus aufbauen, aber nicht hinterfragen soll.

Von der Stasi besonders überwacht

Walter Ulbricht bei der Namensgebung der ABF in Halle.
Walter Ulbricht bei der Namensgebung der ABF in Halle. Bildrechte: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Dauerhaft ist das Konzept nicht zu halten. Unter anderem sind die Fakultäten schlichtweg zu teuer und nicht alle Arbeiter- und Bauernkinder erfüllen zwangsläufig die Erwartungen der SED-Führung. Schon 1963 werden die meisten ABFs geschlossen. Nur Halle und Freiberg bleiben als Standorte bestehen, verlieren aber ihren eigentlichen Sinn. Halle wird zur Kaderschmiede für das Ausland. Wer ab Mitte der 1960er-Jahre die ABF in Halle besucht, tut dies mit dem Ziel, im Ausland zu studieren. Die DDR schickt junge Leute zum Studium in fast alle Länder Osteuropas. Sie studieren Zahnmedizin in Bratislava, Wirtschaftswissenschaften in Prag, Informatik in Budapest, Weinbau in Sofia. Viele Absolventen sind bis heute dankbar für diese Erfahrungen, auch wenn sie ganz besonders von der Stasi überwacht wurden.

Zeitzeugen und Historiker geben Antworten

Eroberten Arbeiter- und Bauernkinder wirklich die Schaltstellen der Macht? Wie hoch war der politische Preis für die Elite-Ausbildung? Wie erlebten die ABF-Studenten die politische Wendezeit 1989? Antworten geben Zeitzeugen und Historiker in der Reportage "Kaderschmiede für den Osten – Die ABF in Halle".

ABF-Gebäude in Halle 2
Im früheren Gymnasium in der Staudestraße in Halle wird 1954 ein zweiter Standort einer Arbeiter- und Bauernfakultät gegründet. Diese spezialisiert sich auf die Vorbereitung von Studenten für das Auslandsstudium. Heute ist es die Sekundarschule "Johann Christian Reil". Bildrechte: MDR/Michael Both

Preview Montag, 25.02.2019 um 17 Uhr
In der Aula der Sekundarschule "Johann Christian Reil"
Ernst-Schneller-Straße 1 in 06114 Halle

Ein Film von Sven Stephan und Anja Walczak.

Quelle: MDR/jr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - entdecke, wo Du lebst | 26. Februar 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2019, 13:24 Uhr

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