Der Osten - Entdecke wo du lebst | MDR-Fernsehen | 15.09.2020 | 21:00 Uhr Leipzigs Traum vom Meer – Der große Kanal

Erst große Vision, dann Schandfleck, heute die Lebensader einer prosperierenden Stadt: "Der Osten - Entdecke wo du lebst" taucht ein in die bewegte Geschichte des Karl-Heine-Kanals, der einst "Leipzigs Traum vom Meer" verkörperte. Bis heute trennen Leipzig nur sieben Kilometer von einer Anbindung an die Nordsee. Die Geschichte des Karl-Heine-Kanals erzählt von Visionen und vom Scheitern, vom Vergessen und von seiner Wiederbelebung.

Der Karl-Heine-Kanal 1 min
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Di 15.09.2020 19:50Uhr 01:17 min

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Er war vergiftet, vermüllt – vergessen. Er stank. An seinen Ufern ragten bröckelnde Industriehallen und zerfallene Gründerzeithäuser empor. Dabei war er einst der große Kanal, der Leipzig mit Hamburg, der Nordsee und dem boomenden Überseehandel verbinden sollte; eine mutige Vision des Leipzigers Rechtsanwalts Karl Heine. Im 19. Jahrhundert meinte der Industriepionier Heine, die wasserreiche Stadt an Elster, Pleiße und Parthe müsste zwingend einen Meereszugang haben. Das Unternehmen scheiterte. Der große Kanal blieb unvollendet, mehrmals sollte er zugeschüttet werden, Stadtplaner plädierten für eine Schnellstraße auf seinem Verlauf.

Geschichten und Impressionen Rund um den Karl-Heine-Kanal

Symbol für den gescheiterten Traum Leipzigs vom Meer: Verlassenes Speichergebäude am Lindenauer Hafen in Leipzig,
Symbol für den gescheiterten Traum Leipzigs vom Meer: Verlassenes Speichergebäude am Lindenauer Hafen in Leipzig, von dem einst Schiffe Richtung Nordsee auslaufen sollten. Bildrechte: MDR/Dirk Schneider
Symbol für den gescheiterten Traum Leipzigs vom Meer: Verlassenes Speichergebäude am Lindenauer Hafen in Leipzig,
Symbol für den gescheiterten Traum Leipzigs vom Meer: Verlassenes Speichergebäude am Lindenauer Hafen in Leipzig, von dem einst Schiffe Richtung Nordsee auslaufen sollten. Bildrechte: MDR/Dirk Schneider
Der Karl-Heine-Kanal
Der Karl-Heine-Kanal ist ein rund 3,3 km langer künstlicher Wasserlauf im Westen der Stadt Leipzig, der heute den Lindenauer Hafen mit der Weißen Elster verbindet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Spatenstich Lindenauer Hafen
2015 wurde begonnen, die 665 Meter lange Anbindung des Karl-Heine-Kanals an den Lindenauer Hafen zu fluten. Der Vorgang war drei Wochen später abgeschlossen.  Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
Der Karl-Heine-Kanal
Auf dem Weg durch Plagwitz: 15 Brücken überspannen das Leipziger Kulturdenkmal. Hier im Bild: die König-Albert-Brücke Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Der Karl-Heine-Kanal
Doch der "Osten - Entdecke wo du lebst" erzählt auch andere Geschichten, rund um den Kanal..... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Der Karl-Heine-Kanal
Wie die von Uwe Köhler, der in einem skurill anmutenden Bahnhof, kleine Loks auf schmalen Gleisen pflegt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
In der Werkstatt der Museumsfeldbahn am Lindenauer Hafen.
In seiner Werkstatt in der Nähe des Lindenauer Hafens befindet sich auch ein kleiner kippbarer Kleinwaggon -eine Sensation - der auf die Anfänge des Kanalbaus verweist. Bildrechte: MDR/Dirk Schneider
Der Karl-Heine-Kanal
Aber auch Erika Hoentsch verbindet eine spezielle Geschichte mit dem Karl-Heine-Kanal: Sie ist eigentlich promovierte Chemikerin, forscht in den 1980ern am Zentralinstitut für Isotopenforschung in Leipzig an Radioaktivität. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Der Karl-Heine-Kanal
Dort lernt sie eine Studentin kennen, die an ihrem Institut ihre Diplomarbeit schreibt. Ihr Name: Angela Merkel. Diese unterstützt sie später - schon von Bonn aus - bei der Realisierung der Kanal-Sanierung. Und kommt selbst 1996 als Bundesumweltministerin zur Eröffnung... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Der Karl-Heine-Kanal
Oder Angela Zabojnik. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Der Karl-Heine-Kanal
Sie arbeitet bei der Stadt Leipzig seit über 20 Jahren an einer Vision, die eigentlich unerhört klingt: Die Vollendung von Karl Heines Vision: der Anbindung ans Meer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Slackliner über dem Karl-Heine-Kanal.
Doch warum nicht: wer hätte wohl vor 30 Jahren gedacht, dass heute der Heine-Kanal das Herz der Naherholung in Leipzig-Plagwitz ist... Bildrechte: MDR/Dirk Schneider
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Doch auch diese Idee scheiterte lange an den Wasserrechten der maroden Industriebetriebe zu beiden Seiten des künstlichen Flusslaufs. Diese fürchteten, ihre giftigen Abwässer nicht mehr einleiten zu können. Und schließlich nahm der Kanal auch noch das Schmutzwasser des zweitgrößten Plattenbaugebietes der DDR, aus Leipzig-Grünau, auf. Und so gerieten alle Bauprojekte in Vergessenheit.

Von der stinkende Kloake....

Karl-Heine
Mit ihm fing alles an: Karl Heine hatte die Vision von einem verbindenen Kanal Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

1989 war der große Kanal – und damit die Vision der Industriepioniere um Karl Heine - quasi verschwunden. Was blieb, war eine düstere Kloake im noch düstereren Westen Leipzigs, das damals anmutete wie die Filmkulisse eines verregneten Edgar-Wallace-Krimis, Leipzig Kanal als Untoter, entstiegen einer längst vergessenen Zeit.

Der Kanal war auf weiten Strecken vermüllt. Die Anwohner - und das ist mir wirklich selbst passiert, mir ist fast mal so ein Kübel auf den Kopf gekippt worden - die kippten aus ihren Fenstern die Abfälle raus.

Erika Hoentsch


...zum Mittelpunkt eines prosperierenden Stadtteils

Doch dann kommen die Retter, die letzten Liebenden der verdreckten Leipziger Wasserwege. Wie Jörg Hannes, Umwelt-Stadtrat in Leipzig 1990, ehrenamtlicher Kanu-Slalomtrainer der BSG Empor Mitte und schon deshalb mit den Wasserläufen Leipzigs aufs Engste verbunden.

Wir haben Eisvögel gesehen, was heute als etwas besonders gilt. Diese herrlichen blauen Vögel, manchmal jeden Tag. Ich bin in der Zeit wirklich zum Naturschützer geworden.

Jörg Hannes
 Slackliner über dem Karl-Heine-Kanal.
Heute von den Leipzigern geliebt: der Karl-Heine-Kanal mit Slacklinern Bildrechte: MDR/Dirk Schneider

Hannes und seine Mitstreiter stoßen damals etwas an, was heute, 30 Jahre später, wie eine Revolution in der Revolution anmutet - die Wiederbelebung der Leipziger Wasserwege und vor allem – des großen Kanals, des Karl-Heine-Kanals. Ihnen spielt die Tragödie der alten Industrie im Leipziger Westen in die Hände, die binnen zweier Jahre einfach zusammenbrach. Dass der Karl-Heine-Kanal heute das Herz eines prosperierenden Stadtteils werden würde, ahnt damals jedoch niemand.

In "Der Osten - Entdecke wo Du lebst" erleben wir die Unter- und Überwasserwelt des großen Kanals mit Schiffsführern, Tauchern und Naturliebhabern und tauchen im wahrsten Sinne des Wortes ein, in seine Geschichte - ein Symbol für die beiden Geburten Leipzigs: als boomende Großstadt, im 19. Jahrhundert und dann wieder am Ende des 20. Jahrhunderts - 1990 - als mutige Visionäre den Grundstein für das legen, was Leipzig heute ist. 

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