Der Osten - Entdecke wo du lebst | MDR-Fernsehen | 23.02.2021 | 21:00 Uhr + Online first Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark

Sie liegen über ganz Mitteldeutschland verteilt, mal versteckt unter der Erde, mal als hoch aufragende Betontürme: Bunker, die immer noch vom Bombenkrieg vor 75 Jahren zeugen – und von der Sonderstellung, die die Region für die Kriegswirtschaft spielte. Immer noch ein brisantes Erbe.

Sie liegen über ganz Mitteldeutschland verteilt, mal versteckt unter der Erde, mal als fensterlose Betontürme in der Landschaft: Bunker des Zweiten Weltkriegs. 44 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über Sieg oder Niederlage der Wehrmacht wurde rund um Leuna entschieden. Rüstungsminister Albert Speer erklärte während der Nürnberger Prozesse, dass mit den Bombardements der Chemiestandorte in Mitteldeutschland "der Krieg produktionstechnisch verloren" war. Die Alliierten wussten um die Bedeutung des Leuna-Benzins und des Kautschuks aus Buna, so setzten sie die Region südlich von Merseburg ganz oben auf ihre Angriffsliste. Dort fielen mehr Bomben als in mancher ostdeutschen Großstadt.

Benzin und Bomben

Fässer mit Kraftstoff der Wehrmacht
Treibstoff für den Krieg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese Bunker sollten ab 1940 die Arbeiter in den kriegswichtigen Industrien schützen, vor allem in der Treibstoffproduktion. Hitler wollte sich von Erdöl-Importen unabhängig machen, deswegen ließ er nahe der Braunkohle-Tagebaue Treibstoffwerke bauen, unter anderem in Böhlen, Zeitz oder Lützkendorf im Geiseltal. Das Vorbild war Leuna. Das sogenannte Leuna-Benzin, ein synthetischer Kraftstoff auf Basis der Kohle. Mit jedem einzelnen Luftangriff wurden die Bunkeranlagen weiter ausgebaut, vor allem von Zwangsarbeitern. Bei einem Angriff jedoch durften sie nicht in die Bunker und gehörten meist zu den ersten Todesopfern. Gleichzeitig wurde der sogenannte mitteldeutsche Flakgürtel ausgebaut, unter den Piloten der Alliierten berüchtigt als "Flakhölle von Leuna".

Zeitzeugen und Spurensucher

Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark
Matthias Kochs stammt aus dem Geiseltal, seine Familiengeschichte ist eng mit dem Krieg um den Sprit verbunden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Matthias Koch sucht seit Jahren im Geiseltal nach alten Relikten des Krieges, nach Flakbunkern oder nach Schutzstollen. Aus den Fundstücken hat er in einem Bunker in Krumpa eine kleine Ausstellung aufgebaut. Am Kraftwerk Böhlen-Lippendorf erkundet Andreas Bock einen verlassenen Nazibunker, mit einem geheimen Zugang versteckt hinter Büschen und Bäumen. Als langjähriger Mitarbeiter der Werkfeuerwehr am Kraftwerk kennt er das Gelände. Der Bunker mit seinen engen Gängen und kleinen Räumen war ausschließlich für das leitende Personal der damaligen Werksleitung gedacht, in der DDR wurde er sogar saniert und weitergenutzt.

Einer der letzten überlebenden Zeitzeugen des Luftkriegs ist Heinz Rehmann. Er erlebte als Kind den Bau des Buna-Werks in Schkopau und musste als 13-jähriger in Luftschutzbunkern ausharren. Nach dem Krieg begann er Ausbildung in den Buna-Werken, stieg bis zum leitenden Ingenieur auf. Er recherchierte wie die Bunker entstanden, nach dem Krieg, weiß er, war es zu kompliziert und vor allem zu teuer, sie abzutragen. Stattdessen hat man die meisten von ihnen in der DDR neu genutzt, zum Beispiel als Lager oder für die Betriebskampfgruppen.

Brisant bis heute

Bunkereingang
Auf dem Gelände von Lippendorf-Böhlen gibt es auch unterirdische Bunker wie diesen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Heute sind an den Standorten der früheren Hydrierwerke moderne Chemieparks entstanden. Die Geschichte der Vorläufer ist nicht erledigt.

Egal, welches Projekt dort in Angriff genommen wird, muss das Gelände immer noch auf Blindgänger und Altlasten geprüft werden. Denn der Krieg kehrte dorthin zurück, wo der Treibstoff herkam, der ihn am Laufen halten sollte.

Daten & Fakten zum Krieg um den Sprit

Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bunker und Bomben: Spurensuche

Kraftwerk Lippendorf, im Vordergrund altes Bunkergebäude.
Böhlen-Lippendorf bei Leipzig. Im größten Braunkohlekraftwerk der Region entsteht der Strom für die Chemieindustrie. Am Fuß der Kühltürme steht einer der überirdischen Bunker aus Kriegszeiten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Bunkereingang
Der Eingang zum unterirdischen Bunker, in dem die Werksführung Schutz finden sollte, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Fässer mit Kraftstoff der Wehrmacht
Im März 1935 war der Grundstein für das Treibstoffwerk in Böhlen-Lippendorf gelegt worden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark
Die Leuna-Werke waren der Ausgangspunkt für den Chemie-Boom in Mitteldeutschland. Die Region um Merseburg liegt zunächst außer Reichweite für feindliche Bomber. Außerdem gibt es große Braunkohlevorkommen; die Basis für den Treibstoff, der die Kriegsmaschinerie am Laufen halten sollte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark
Ein Drainage-Netz soll alles, was an Ölen und Benzinen im Boden ist, herausfiltern. Eine Aufgabe noch für die nächsten zwei, drei Generationen, schätzt Ingenieur Christian Schulz-Giesdorf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark
Teile einer abgeschossenen Lancaster, die Recherchen führten zu den Nachfahren des britischen Piloten: "Heute ist man freundschaftlich verbunden", erzählt Matthias Koch. Jedes Stück im Museum hat eine Geschichte wie diese. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Kraftwerk Lippendorf, im Vordergrund altes Bunkergebäude.
Böhlen-Lippendorf bei Leipzig. Im größten Braunkohlekraftwerk der Region entsteht der Strom für die Chemieindustrie. Am Fuß der Kühltürme steht einer der überirdischen Bunker aus Kriegszeiten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Bunkergewölbe mit verschiedenen Gerätschaften
Der Bunker vom Typ Salzgitter wurde erhalten und als Lagerraum genutzt. Versuche, die Anlagen aus Stahlbeton mit zwei Meter dicken Wänden abzutragen, scheiterten nicht nur in Böhlen-Lippendorf. Die neuen Werke wurden um die Kriegshinterlassenschaften herumgebaut. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann mit Lampe an der Schulter schaut zur Kamera.
Andreas Bock arbeitet seit mehr als 30 Jahren bei der Werksfeuerwehr und kennt das Gelände, auch den unterirdischen Bunker, der im Falle eines Angriffs Kommandozentrale mit Telefonleitstelle sein sollte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark
Direkt neben Leuna entstand die Gartenstadt mit attraktiven Unterkünften, um Fachkräfte zu gewinnen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark
Ab 1940 startete ein großes Bunker-Bauprogramm, um die Werke und deren Belegschaft zu schützen. Für Leuna sind sieben geplant, davon drei auf dem Betriebsgelände. Einer dieser Hochbunker steht noch heute mitten zwischen den Chemieanlagen und überragt Stadt und Werk. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark
Im April 1936 begann der Bau der Buna-Werke in Schkopau zur Produktion von Synthesekautschuk, auch heute ist das Gelände ein Chemie-Standort. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark
Heinz Rehmann arbeitete 46 Jahre lang in den Buna-Werken, zu DDR-Zeiten berühmt für Plaste und Elaste. Nach der Wende wurde der heute fast 90-Jährige zum ehrenamtlichen Archivar. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark
Heinz Rehmann sammelte Karten und Pläne, auch seine Erinnerungen hielt er fest in einem einzigartigen Buch über die Buna-Geschichte, deren Beginn er als kleiner Junge miterlebte. Später versetzten ihn die Angriffe der Bomber in Todesangst. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark
Aufgrund der kriegswichtigen Herstellung von Treibstoff und Kautschuk wurde die Chemieregion schließlich zum Angriffsziel für die allliierten Bomber. Am Ende konnte sie auch der mitteldeutsche Flak-Gürtel nicht aufhalten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark
Auf die Spätfolgen des Krieges stößt man bis heute in der Region. Auch in Zeitz, wo ein Hydrierwerk zur Treibstoff-Produktion errichtet worden war. Die Geschichte ist nicht erledigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark
Das Archiv im ehemaligen Luftschutzbunker des Hauptgebäudes: Nur noch in den alten Büchern und Plänen sind die zahlreichen Gebäude aus der Entstehungszeit der Werke in den 1930er-Jahren verzeichnet, auch die vielen Bunker. Monatelang haben Karl Mück (l.) und seine Kollegen zu DDR-Zeiten damit gekämpft, die massiven Bauten abzureißen. Vergeblich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Alle (23) Bilder anzeigen
Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark mit Video
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Di, 23.02.2021 21:00 21:45

Der Osten - Entdecke wo du lebst Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark

Die Bunker um Leuna - Von der Naziruine zum Chemiepark

Film von Michael Schönherr und Tom Fröhlich

  • Stereo
  • Audiodeskription
  • 16:9 Format
  • HD-Qualität
  • Untertitel
  • VideoOnDemand