Der Osten - Entdecke wo du lebst | 07.04.2020 Spurensuche in Gardelegen – Das Massaker in der Isenschnibber Feldscheune

Im Frühjahr 1945 steht Nazi-Deutschland vor dem Untergang. Es ergeht der Befehl, kein KZ-Häftling dürfe lebend in die Hände des Feindes fallen. In Gardelegen kommt es 24 Stunden vor der Kapitulation am 13. April 1945 zu einem Massaker. Bei lebendigem Leib verbrennen mehr als 1.000 Menschen, die zuvor auf Geheiß des NSDAP-Kreisleiters Gerhard Thiele in die Isenschnibber Feldscheune getrieben worden waren. Wie kam es dazu und warum musste sich Thiele nie dafür verantworten? Eine Spurensuche.

Jahrzehnte später wird sich Wolfgang Kauffmann an diesen seltsamen Besuch erinnern: Im August 1962 taucht überraschend seine Tante Rosemarie aus dem Harzer Städtchen Thale in Berlin-Buch auf. Sie kommt gemeinsam mit ihrem Mann, Gerhard Thiele.

"Das war ein Schock für mich"

Spurensuche in Gardelegen
Wolfgang Kauffmann (r.) trifft Torsten Haarseim, der seit Jahren zu dem Massaker in den Archiven recherchiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kauffmann, damals neun Jahre alt, entsinnt sich: "Mein Bruder und ich wurden recht schnell aus dem Zimmer geschickt. Warum, wussten wir nicht."

Erst nach der deutschen Wiedervereinigung erfuhr er: Sein Onkel war ein gesuchter Nazi-Verbrecher, verantwortlich für ein Massaker, begangen nur wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Gardelegen:

"Das war ein Schock für mich, als ich erfahren habe, was für einen Menschen wir in der Familie hatten." Seither quälten ihn viele Fragen ...

Kurz vor Kriegsende: Todesmärsche und Häftlings-Transporte

US Soldaten stehen am Wegesrand vor einer Leiche.
Auf dem Todesmarsch erschossen: US-Soldaten vor der Leiche eines KZ-Häftlings, fast 400 Opfer werden im Raum Gardelegen damals gefunden. Bildrechte: United States Holocaust Memorial Museum

Im Frühjahr 1945 steht Nazi-Deutschland vor dem Untergang. Die Alliierten rücken immer näher. Vom "Reichsführer SS" Heinrich Himmler ergeht der Befehl, kein KZ-Häftling dürfe lebend in die Hände des Feindes fallen. Panisch räumen die Nazis die Konzentrationslager. Zwischen 3.000 und 4.000 Häftlinge treffen bis zum 11. April 1945 auch im Raum Gardelegen ein, sie sollen weiter nach Bergen-Belsen. Doch die Züge aus den KZ Hannover-Stöcken, Mittelbau-Dora und Neuengamme enden hier. Die Gleise sind durch Bombenangriffe zerstört. Schwer bewacht von SS-Männern werden damals zudem einige Hunderttausend Menschen auf Todesmärschen quer durch Deutschland getrieben. Viele Häftlinge können während der Luftangriffe der Alliierten fliehen. Die SS jagt sie in den Wäldern, auch Einheimische und Hitlerjungen beteiligen sich daran.

Dokumente 75 Jahren nach dem Massaker: Spurensuche in Gardelegen

Regisseurin Jutta-Valeska Hinz und Kamerafrau Josie Biemelt filmen mit Gardelegenern, die sich bis heute um die Gräber kümmern.
Regisseurin Jutta-Valeska Hinz und Kamerafrau Josie Biemelt bei Dreharbeiten auf dem Ehrenfriedhof für die Opfer des Massakers von Gardelegen Bildrechte: Jutta-Valeska Hinz
Regisseurin Jutta-Valeska Hinz und Kamerafrau Josie Biemelt filmen mit Gardelegenern, die sich bis heute um die Gräber kümmern.
Regisseurin Jutta-Valeska Hinz und Kamerafrau Josie Biemelt bei Dreharbeiten auf dem Ehrenfriedhof für die Opfer des Massakers von Gardelegen Bildrechte: Jutta-Valeska Hinz
Umgekommen auf den Todesmärschen kurz vor Kriegsende
Umgekommen auf den Todesmärschen kurz vor Kriegsende: KZ-Häftlinge am Straßenrand. Bildrechte: United States Holocaust Memorial Museum
Mehrere Leichen liegen vor dem Eingang einer Scheune, ein US Soldat kniet am Eingang.
Am 13. April 1945 kommt es zu dem Massaker in der Isenschnibber Feldscheune, hunderte Menschen verbrennen bei lebendigem Leib oder werden beim Versuch zu entkommen erschossen. All das geschieht 24 Stunden vor der Kapitulation des Ortes. Am 15. April entdecken US-Soldaten den Ort des Grauens. Bildrechte: United States Holocaust Memorial Museum
Die jüngsten Opfer waren erst 16 Jahre alt.
Die jüngsten Opfer waren erst 16 Jahre alt. Bildrechte: United States Holocaust Memorial Museum
Drei Männer in einem Museum im Gespräch. Vor ihnen liegen alte Bilder von verschiedenen Personen.
Nach langem Ringen um die Finanzierung sollte am 6. April 2020, knapp 75 Jahre nach dem Massaker, in der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen endlich das neue Dokumentationszentrum eröffnet werden. Gekämpft hat darum auch Gedenkstättenleiter Andreas Froese (r.). Bildrechte: United States Holocaust Memorial Museum
Kreuze auf den Gräbern der Opfer des Massakers von Gardelegen
Auf Anweisung der Amerikaner wurden die Toten ehrenvoll bestattet und jedes der 1.016 Gräber mit einem weißen Holzkreuz versehen. Bildrechte: Jutta-Valeska Hinz
Verantwortlich für das Massaker: NSDAP-Kreisleiter Gerhard Thiele
Hauptverantwortlich für das Massaker: NSDAP-Kreisleiter Gerhard Thiele. Bildrechte: Archiv Helmut Friedrich, Gardelegen
Mehrere Personen knien vor einer Leiche in einer Scheune.
Einheimische, unter ihnen auch Bürgermeister, werden von den Amerikanern zum Ort des Massakers geführt. Bildrechte: United States Holocaust Memorial Museum
Die männlichen Einwohner Gardelegens über 16 sind aufgefordert, sich zu versammeln. Dann ziehen mit Kreuzen aus der Stadt, um Gräber für die Opfer des Massakers anzulegen.
Die männlichen Einwohner Gardelegens über 16 sind aufgefordert, sich zu versammeln. Dann ziehen mit Kreuzen aus der Stadt, um Gräber für die Opfer des Massakers anzulegen. Bildrechte: United States Holocaust Memorial Museum
Mit bloßen Händen werden die Toten geborgen.
Mit bloßen Händen werden die Toten geborgen. Bildrechte: Herbert Ehle / United States Holocaust Memorial Museum
Die Isenschnibber Feldscheune 1945
Die Isenschnibber Feldscheune, mehr als 1.000 Menschen fanden dort am 13. April 1945 einen grausamen Tod. Bildrechte: United States Holocaust Memorial Museum
Die Ruine der Isenschnibber Feldscheune heute
Die Ruine der Isenschnibber Feldscheune heute Bildrechte: Jutta-Valeska Hinz
Wolfgang Kauffmann und Torsten Haarseim setzen sich in Gardelegen für das Gedenken an die Opfer der Todesmärsche von 1945 ein.
Wolfgang Kauffmann und Torsten Haarseim setzen sich in Gardelegen für das Gedenken an die Opfer der Todesmärsche von 1945 ein. Bildrechte: Jutta-Valeska Hinz
Die Schüler des Sophie-Scholl-Gymnasiums Gardelegen haben eine AG Stolpersteine gegründet.
Die Schüler des Sophie-Scholl-Gymnasiums Gardelegen haben eine AG Stolpersteine gegründet. Bildrechte: MDR/Jutta-Valeska Hinz
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In Gardelegen werden KZ-Häftlinge erst in der Reithalle und den Ställen der Remonte-Kaserne interniert. Die dortigen Verantwortlichen sind überfordert und wenden sich an die NSDAP-Kreisleitung, damit übernimmt Gerhard Thiele das Kommando.

Gerhard Thiele übernimmt das Kommando

Verantwortlich für das Massaker: NSDAP-Kreisleiter Gerhard Thiele
NSDAP-Kreisleiter Gerhard Thiele Bildrechte: Archiv Helmut Friedrich, Gardelegen

Was dann passierte, hat Torsten Haarseim Jahre lang recherchiert. Der ehemalige Militärchemiker und NVA-Offizier, der 2005 von Stendal nach Gardelegen zog und heute als Umwelt- und Arbeitsschutzbeauftragter tätig ist, studierte in seiner Freizeit bergeweise Dokumente, befragte Zeitzeugen. So hat er rekonstruiert, wie es zu dem Massaker von Gardelegen kam und auch, dass der damals 35-jährige Thiele hauptverantwortlich dafür war.

Eigentlich Sportlehrer, gutaussehend, kultiviert, mit einem "Schlag" bei Frauen, arbeitete sich Thiele zum Funktionär der Hitler-Jugend empor. Mit großem Ehrgeiz bringt er es bei der SS zum Obersturmbannführer. 1944 wird er kommissarischer NSDAP-Kreisleiter in Gardelegen. Haarseims Recherchen legen nahe, dass Thiele im April 1945 keine Sekunde überlegt, was mit den KZ-Häftlingen passieren soll. Da sie nicht mitten in der Stadt auf dem Gelände der Kaserne exekutiert werden können, lässt er eine Scheune beim Gut Isenschnibbe erkunden.

Hunderte Menschen verbrennen bei lebendigem Leib

Am 15. April 1945 entdeckt eine Streife der 102. US-Infanterie die Isenschnibber Feldscheune – und schließlich 1.016 Tote – die Jüngsten unter ihnen erst 16 Jahre alt.
Am 15. April 1945 entdeckt eine Streife der 102. US-Infanterie die Isenschnibber Feldscheune – und schließlich 1.016 Tote – die Jüngsten unter ihnen erst 16 Jahre alt. Bildrechte: United States Holocaust Memorial Museum

Am 13. April 1945 gegen 16 Uhr setzt sich die erste Kolonne in Richtung Isenschnibber Scheune in Bewegung, Thiele hat bereits Fässer mit Benzin, Waffen und Munition dorthin bringen lassen. Den Zug der KZ-Häftlinge begleiten 30 SS-Männer, 50 Soldaten der Wehrmacht, sechs Angehörige des Reichsarbeitsdienstes, mehrere Volkssturmleute sowie 25 Kapos. Gegen 18 Uhr treffen die letzten Häftlinge in der Scheune ein. Man hat sie vorher verpflegt und ihnen gesagt, dass sie den Alliierten übergeben würden.

Doch als alle in der Scheune sind, verriegeln die Wachen die Tore. Dicht gedrängt stehen die Menschen auf einem hoch mit Stroh bedeckten Boden, den Thiele zuvor mit Benzin hat tränken lassen. Dann wird die Scheune angesteckt, wer es herausschafft, erschossen oder erschlagen.

Kurz nach Mitternacht lässt Thiele noch mehr Benzin und weitere Helfer holen. Sie heben einen 55 Meter langen Graben aus, um die Leichen zu verscharren.

24 Stunden nach Beginn des Massakers kapituliert Gardelegen kampflos. Am 15. April 1945 entdeckt eine Streife der 102. US-Infanterie die Isenschnibber Feldscheune – und schließlich 1.016 Tote – der Jüngste unter ihnen erst 16 Jahre alt.

Kriegsberichterstatter dokumentieren der Grauen. Am 7. Mai 1945 veröffentlicht das "Life"-Magazine einen Bericht und Fotos der Verbrannten, sie lösen weltweit Entsetzen aus.

Sie haben die Achtung der zivilisierten Welt verloren!

US-Oberst George Lynch 25. April 1945
Mit bloßen Händen werden die Toten geborgen.
Gardelegener bergen die Toten Bildrechte: Herbert Ehle / United States Holocaust Memorial Museum

In Gardelegen bekommt in diesen Tagen jeder Mann über 16 Jahre eine Postkarte mit der schriftlichen Anweisung, sich einzufinden, um die Opfer ehrenvoll zu bestatten. Mit bloßen Händen müssen die Leichen geborgen werden. Jedes Grab wird mit einem weißen Holzkreuz versehen.

Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibbe bei Gardelegen 61 min
Bildrechte: MDR/André Plaul
Die männlichen Einwohner Gardelegens über 16 sind aufgefordert, sich zu versammeln. Dann ziehen mit Kreuzen aus der Stadt, um Gräber für die Opfer des Massakers anzulegen.
Weiße Holzkreuze für die Gräber schultern diese Gardelegener auf Anweisung der Amerikaner Bildrechte: United States Holocaust Memorial Museum

Nach langem Ringen um die Finanzierung sollte am 6. April 2020, knapp 75 Jahre nach dem Massaker, in der Gedenkstätte endlich das neue Dokumentationszentrum eröffnet werden. Corona-bedingt musste der Termin abgesagt werden. Das Gedenken findet vorerst online statt: Unter dem Hashtag #Gardelegen45 gibt es bis zum 25. April 2020 auf Facebook, Twitter und Instagram tageshistorische Rückblicke. Dazu gehören Berichte zu den Räumungen der Konzentrationslager und den Todesmärschen nach Gardelegen. Thematisiert wird in der Ausstellung auch, dass sich Gerhard Thiele, der Hauptverantwortliche für dieses bestialische Verbrechen, nie vor einem Gericht verantworten musste.

Schuld ohne Sühne

Noch 1962, als Gerhard Thiele bei den Kauffmanns in Berlin-Buch zu Besuch ist, gilt sein Aufenthaltsort offiziell als unbekannt. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 ergeht ein Haftbefehl wegen Mordes. Das Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt führt die Ermittlungen. 1997 kann Gerhard Thiele endlich aufgespürt werden. Doch es ist zu spät: Thiele, der jahrzehntelang unter falschem Namen in Düsseldorf gelebt hat, ist dort bereits 1994 gestorben, als unbescholtener Bürger.

Wolfgang Kauffmann und Torsten Haarseim setzen sich in Gardelegen für das Gedenken an die Opfer der Todesmärsche von 1945 ein.
Wolfgang Kauffmann und Torsten Haarseim setzen sich in Gardelegen für das Gedenken an die Opfer der Todesmärsche von 1945 ein. Bildrechte: Jutta-Valeska Hinz

Noch einmal elf Jahre später beginnt Torsten Haarseim in Gardelegen mit seinen Nachforschungen. Vor seinem Haus steht ein Mahnmal aus DDR-Zeiten, das an die Todesmärsche der KZ-Häftlinge erinnert. Sein Blick aus dem Fenster fällt außerdem auf eine Brache, das Gelände der ehemaligen Remonte-Kaserne, wie er bald nach dem Einzug herausgefunden hat. Als ehemaligen Offizier, sagt er, habe ihn die Frage nicht losgelassen, wie es zu dem Massaker kam und welchen Entscheidungsspielraum die Beteiligten hatten; Befehle auszuführen oder zu verweigern. Warum der Hauptverantwortliche nie zur Rechenschaft gezogen wurde, auch dazu wird er weiter forschen. In Moskauer Archiven, die gerade erst geöffnet wurden.

Erst heute, nach seiner Pensionierung als Mediziner, findet Wolfgang Kauffmann Zeit und Kraft, sich mit diesem dunklen Kapitel seiner Familiengeschichte zu beschäftigen. Torsten Haarseim ist er inzwischen mehrfach begegnet in der kleinen Stadt in der Altmark, auf der das Massaker immer noch schwer lastet.