Der Osten – Entdecke wo du lebst | MDR FERNSEHEN | 18.02.2020 | 21 Uhr Selbstgenäht und knitterfrei

Mode aus der Chemiefabrik

Wolpryla, Regan, Dederon und Grisuten: Das sind Namen von Stoffen aus längst vergangener Zeit. Wir besuchen Hobbynäherinnen und zeigen, in welchem Werk immer noch die Polyesterfaser hergestellt wird. Der Film begibt sich auf Entdeckungsreise, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und zeigt historische Aufnahmen.

Wolpryla, Regan, Dederon und Grisuten – letzteres ist bekannt als "Präsent 20" – sind Namen von Stoffen aus längst vergangener Zeit, die aktuell im Haus der Geschichte in Wittenberg ausgestellt sind. Dem Ruf der Ausstellungsmacher, Kleidungsstücke aus der DDR vorbei zu bringen, waren hunderte Wittenberger gefolgt, wie Marianne Sonntag. "Ich hätte glatt Lust, nochmal hineinzusteigen", sagt sie über ihr Kleid von 1973. Der Fundus des Museums platzt mittlerweile aus allen Nähten. 5.000 Kleidungsstücke umfasst er. Und damit auch 5.000 Geschichten.

Frauen treffen sich im Nähcafe in Magdeburg.
Im "Nähcafé" in Magdeburg treffen sich die Frauen wöchentlich. Bildrechte: MDR/Ines Klein

Allen Kleidern ist gemein, dass sie aus einer Polyesterfaser sind. Deren Produktion war ein Staatsauftrag, wenn man so will. Spätestens, seit 1958 auf der Zentralen Chemiekonferenz in Leuna die Losung ausgegeben wurde: "Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit". Die DDR investierte Millionen. In zahlreichen Textilbetrieben wurde der Wunderstoff aus der Chemiefabrik – gepriesen als "äußerst belastbar, reiß- und scheuerfest, elastisch, formbeständig, pflegeleicht" – vernäht.

Designerinnen aus Notwehr

Den DDR-Konsumenten erreichte er aber eher selten. Die DDR verkaufte Kleidung für Devisen. Allerdings mit anderem Namen – Trevira 40 hieß der Stoff im Westen.

Großer Andrang bei einer Messe im Rahmen der FashionWeek in Berlin.
Großer Andrang bei der NEONYT – eine Messe im Rahmen der FashionWeek in Berlin. Re- und Up-cycling sind die Schlagwörter. Naturfasern sind in, aber auch die Polyesterfaser spielt dabei eine wichtige Rolle bei der Nachhaltigkeit. Bildrechte: MDR/Ines Klein
Großer Andrang bei einer Messe im Rahmen der FashionWeek in Berlin.
Großer Andrang bei der NEONYT – eine Messe im Rahmen der FashionWeek in Berlin. Re- und Up-cycling sind die Schlagwörter. Naturfasern sind in, aber auch die Polyesterfaser spielt dabei eine wichtige Rolle bei der Nachhaltigkeit. Bildrechte: MDR/Ines Klein
Zwei Männer in einem Chemiefaserwerk in Premnitz.
In der Grisutenanlage der Märkischen Faser GmbH in Premnitz. Bildrechte: MDR/Ines Klein
Grisutenanlage in einem Chemiefaserwerk in Premnitz
Bei diesem Blick kann man verstehen, dass die Chemiearbeiter bei ihre Anlage auch gern von der Grisutenstraße sprechen. Bildrechte: MDR/Ines Klein
Das Haus der Geschichte in Wittenberg.
Im Haus der Geschichte in Wittenberg befinden sich die Dauerausstellung "Leben in der DDR"... Bildrechte: MDR/Ines Klein
Eine Frau sitzt vor einem großen Regal an einer Näahmaschine und wird gefilmt
... sowie die Ausstellung "'Präsent 20' und seine Geschwister". Museumschefin Christel Panzig hat eine alte Veritas-Nähmschine aufgebaut, die zum Fundus gehört. Sie habe früher viel selbst genäht – auch aus 'Präsent 20'. "Das waren endlich so herrliche Farben und pflegeleicht war's auch noch!", sagt sie. Bildrechte: MDR/Ines Klein
räsent 20, so heisst die Ausstellung in Wittenberg.
Diese Kleider hängen in der Ausstellung "Präsent 20 und seine Geschwister". Bildrechte: MDR/Ines Klein
Frauen treffen sich im Nähcafe in Magdeburg.
Im "Nähcafé" in Magdeburg treffen sich Frauen wöchentlich. "Selbst nähen und stricken ist wieder im Trend, was Eigenes schaffen ist wieder wichtig. Es bekommt eine Wertigkeit.", sagt Schneidermeisterin Cornelia Rüdiger. Bildrechte: MDR/Ines Klein
Anna Hopperdietz in ihrem Secondhandladen in Leipzig
Anna Hopperdietz in ihrem Secondhandladen in Leipzig: "Jedes Kleidungsstück hat eine Geschichte, war Arbeit und verdient unsere Wertschätzung." Bildrechte: MDR/Ines Klein
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Frauen treffen sich im Nähcafe in Magdeburg.
Bildrechte: MDR/Ines Klein

Man könnte es fast als Notwehr bezeichnen, dass Frauen im Osten selbst zu Designerinnen wurden. Sie begann zu nähen, zu stricken, zu häkeln. Modezeitschriften wie "Sybille" oder "Modische Maschen" halfen dabei mit ihren Schnittmusterbögen oder Strickanleitungen und setzten Trends. Die Wittenberger Museumschefin Christel Panzig hat sogar ihr Hochzeitskleid selbst geschneidert. Und sie nähte auch für Boutiquen. "145 Mark haben wir pro Kleid bekommen. Offiziell nannte sich das übrigens 'Künstlerisches Volksschaffen'".

Hobbynäherinnen von damals und heute

Was damals eine Tugend aus der Not war, ist heute wieder ein neuer Trend: Selbst nähen. In Magdeburg treffen sich immer wieder Hobbynäherinnen. Sie fachsimpeln über Mode, Schnittmuster und über Stoffe, die ganz anders sind als damals. Aber selbst heute steckt in mancher Bluse noch ein Hauch von Polyester.

Waren Wolpryla® und Co und die Mode daraus am Ende doch besser als ihr Ruf? Die Reportage "Der Osten – Entdecke wo Du lebst" trifft Hobbynäherinnen von damals und heute und schaut in dem Werk vorbei, wo immer noch die Polyesterfaser hergestellt wird, aus der einst Modeträume waren. Außerdem trifft das MDR-Team ein Model, das Ende der 1980er-Jahre auf den Titelseiten der "Modischen Maschen" zu sehen war und ein wenig aus dem Nähkästchen plaudert.

Ein Film von Ines Klein

Menschen sitzen bei der Preview eines MDR-Filmes in einem Saal.
Bildrechte: MDR/Ines Klein

Das war die Preview Die Reporterin Ines Klein hat ihren Film am 13. Februar 2020 in Wittenberg im Haus der Geschichte vorab präsentiert. Zahlreiche Gäste schauten mit ihr den Film aus der Reihe "Der Osten – Entdecke, wo du lebst".
Am 18. Februar 2020 um 21:00 Uhr läuft der Film zum ersten Mal im MDR Fernsehen.

Quelle: MDR/jr,jh

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - entdecke, wo Du lebst | 18. Februar 2020 | 21:00 Uhr

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