Der Osten – Entdecke, wo du lebst | MDR-Fernsehen | 04.08.2020 | 21:00 Uhr Lämmer für die Reeperbahn – Wettin und seine Schäferschule

Zu DDR-Zeiten musste jedes Dorf eine Herde Schafe haben – Schäferinnen und Schäfer wurden in Wettin ausgebildet. Bei der Schafzucht ging es damals vor allem um die Wolle, weniger um das Fleisch. Mit der Wende wurden die Produkte so gut wie wertlos.

Schwarz-weiß Foto von vier Menschen auf zwei Mopeds inmitten einer Schafherde
Die Jugendbrigade -Schafzucht- im VEG Tierzucht Barby Bildrechte: A. Hager

"Jedes Dorf musste eine Herde Schafe haben. Ob es dahin gepasst hat oder nicht, hatte keine Rolle gespielt", erinnert sich Schäfermeister Lutz Hager aus Barby. Das war ein Parteiauftrag und für den wurden dringend Schäfer benötigt. Diese wurden in Wettin an einer der wenigen Schäferschulen auf der ganzen Welt ausgebildet.

Die Geschichte dieser besonderen Schule in dem Ort bei Halle ist jedoch bis heute nahezu unbekannt. Tausende Lehrlinge wurden hier zu DDR-Zeiten ausgebildet und als Schäfer in alle Ecken der Republik geschickt. Anfang der 1970er-Jahre starteten die Agrarplaner der DDR ein einzigartiges Programm. "Die Parteiführung wollte das so und da musste das gemacht werden", erzählt Lutz Hager.

Wirtschaftliches Vieh: die "Pfennigsucher"

2,65 Millionen Schafe grasten damals auf den Wiesen der DDR. Wegen ihrer Genügsamkeit wurden sie auch "Pfennigsucher" genannt. Und genau deshalb wurden sie zu einem beträchtlichen Wirtschaftsfaktor. Denn über 50 Prozent ihres Futters stand auf Wegerändern, Unland oder abgeernteten Feldern kostenlos zur Verfügung. Gleichzeitig wurden sie zu wertvollen Devisenbeschaffern. 90 Prozent des Lammfleisches wurde exportiert – vor allem nach Westdeutschland und in die arabischen Staaten.

Nur die Altschafe blieben in der DDR zurück – mit bis heute spürbaren Folgen: "In den DDR-Küchen hat man dadurch die Bevölkerung mit Hammelfleisch vergrämt. Alte Böcke schmecken einfach nicht. Und es ist heute noch so, dass der Konsum von Schaffleisch in den neuen Bundesländern geringer ist als in Westdeutschland", weiß Dr. Knut Strittmatter, Leiter für Tierzucht an der Universität Leipzig.

Bilder aus der Schäferschule Ausbildungsalltag, Staatsbesuch und die Burg Wettin heute

Schwarz-weiß Foto einer Schafshow mit Schriftzug 30 Jahre DDR
30 Jahre DDR: Zu dieser Zeit leben 2,2 Millionen Schafe in Ostdeutschland Bildrechte: A. Hager
Schwarz-weiß Foto einer Schafshow mit Schriftzug 30 Jahre DDR
30 Jahre DDR: Zu dieser Zeit leben 2,2 Millionen Schafe in Ostdeutschland Bildrechte: A. Hager
Burggelände mit rotem Dach von oben fotografiert
In der Oberburg Wettin befand sich die Schäferschule der DDR. Bildrechte: Simank-Film
Schwarz-weiß Foto von vier Menschen auf zwei Mopeds inmitten einer Schafherde
Jugendbrigade -Schafzucht- im VEG Tierzucht Barby Bildrechte: A. Hager
Schwarzweiß-Foto von sieben Menschen und einem Schaf
Lehrlinge der Schäferschule Wettin Mitter der 70er Jahre. Bildrechte: A. Hager
Eine Frau mit einem Lamm auf dem Arm in einem Stall in schwarz-weiß
Auch viele Frauen und Mädchen werden an der Schäferschule Wettin ausgebildet Bildrechte: A. Hager
Eine alte Urkunde mit Titel Sozialistisch arbeiten lernen leben
Auszeichnung für Schäfermeister Bildrechte: A. Hager
Dreizehn Menschen und zwölf Schafe je in einer Reihe nebeneinander in schwarz-weiß
Jährlich erlernten 250 Jungen und Mädchen zu DDR-Zeiten in Wettin den Schäferberuf. Bildrechte: A. Hager
Je eine Mensch und ein Schaf stehen aufgereiht in einer Arena in schwarz-weiß
Leistungs- und Zuchtausstellungen waren ein wichtiger Eckpfeiler im Schafprogramm der DDR. Bildrechte: A. Hager
Ausfahrt eines Landwirtschaftsgebäudes, aus dem ein kleines Transportfahrzeug kommt in schwarz-weiß
Eine Schafstall-Anlage in Barby in den 1970er Jahren. Bildrechte: A. Hager
Gruppenfoto in schwarz-weiß
Eine Schäferbrigade in Barby. Bildrechte: A. Hager
Erich Honecker wird ein Blumenstrauß überreicht und ein Mikrofon vorgehalten in schwarz-weiß
Auszeichnung zum Besten Schäfer-Lehrling der DDR durch Erich Honecker. Bildrechte: A. Hager
Vier Menschen sitzen um einen Tisch mit Papieren und einer Blumenvase in schwarz-weiß
Planerfüllung und Produktionssteigerung – auch Alltag bei den Schäfern in der DDR. Bildrechte: A. Hager
Historisches Foto einer blonden Frau in weißem Kittel, die ein braunes Schaf besamt
Ein Erfolgsgeheimnis der Schafzucht in der DDR – Die künstliche Besamung. Bildrechte: U.Petsch
eine blonde Frau besamt ein braunes Schaf und ein junger Mann guckt zu
Ausbildung von Schäfer-Lehrlingen in der DDR. Bildrechte: U.Petsch
Fluss mit Natur und Ortschaft von oben
Wettin heute. Bildrechte: Simank-Film
Ortschaft mit Burg von oben fotografiert
Wettin mit seiner Burg. Bildrechte: Simank-Film
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Schlachter: "Die Wolle war damals wertvoller als das Fleisch"

Doch hauptsächlich ging es damals weniger um das Fleisch, sondern vor allem um die Wolle. Jedes Kilo, das auf dem Rücken eines DDR-Schafes wuchs, musste nicht aus Neuseeland oder Australien gegen harte Devisen importiert werden.

Historisches Foto einer blonden Frau in weißem Kittel, die ein braunes Schaf besamt
Ein Erfolgsgeheimnis der Schafzucht in der DDR – die künstliche Besamung. Bildrechte: U.Petsch

Mit der Einführung der künstlichen Besamung 1971 erreichten die Wollerträge bald Rekordzahlen.

Im Mittelpunkt stand das Merinolangwollschaf – bis zu sechs Kilogramm Wolle geben gute Tiere pro Jahr ab. "Die Wolle war damals wertvoller als das Fleisch. Jetzt muss ich dafür sogar draufzahlen, für die Entsorgungskosten. Wer trägt heute noch echte Wolle? Das ist fast alles aus Polyester, also Öl", sagt Muhammed Özcan, türkischer Großhändler und Schlachter bei Hamburg. Er holt noch heute Lammfleisch aus Sachsen-Anhalt nach Hamburg, wo es großen Absatz unter anderem in Imbissen auf der Reeperbahn findet.

Ganze Schafherden gekeult oder verschenkt

Bis zu 120 Mark pro Kilo gab es damals, heute sind es wenige Cent und die Kosten für das Scheren der Schafe oftmals höher als die Wolle selbst. Denn als jedes DDR-Schaf sein Plansoll mit 3,11 Kilogramm Reinwolle im Jahr sogar übertraf, öffneten sich die Grenzen. Und auf der anderen Seite standen die, die fortan als Norm gelten sollten: die West-Schafe mit den schwarzen Köpfen und der einzigen Funktion, möglichst schnell möglichst viel Lammbraten zu produzieren.

Den DDR-Schafen wurde heiß unter ihrem subventionierten Fell, das nun fast wertlos geworden war. Fast über Nacht begann 1990 das große Schafeschlachten. "Die Wende tat weh. Das, was wir in jahrelanger Arbeit zur Perfektion gebracht haben, wurde 1990 zerstört. Ganze Herden wurde gekeult oder an Westhändler verschenkt", berichtet Andrea Hager, ehemalige Lehrausbilderin für Schafzucht in Barby.

Nur noch rund 1.000 Schäfer

Die einzige Schäferschule Mitteleuropas in Wettin wurde 1991 abgewickelt und 6.000 Schäfer bangten um ihre Zukunft. Heute gibt es nur noch rund 1.000 in ganz Deutschland und auch die Schafbestände nehmen jährlich und rapide ab.

Der Film von Peter Simank geht auf Spurensuche nach einem nahezu unbekannten Kapitel in der Geschichte Ostdeutschlands, begleitet einen Schäfermeister ein Jahr lang bei seiner Arbeit und hinterfragt dabei auch, wie es um die Zukunft der Berufsschäferei bestellt ist.

Ortschaft mit Burg von oben fotografiert
Die alte Schäferschule befand sich in der Oberburg von Wettin. Heute befindet sich darin das Wohnheim des Burg-Gymnasiums. Bildrechte: Simank-Film

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: Der Osten – Entdecke, wo du lebst | 04. August 2020 | 21:00 Uhr