Der Osten - Entdecke wo du lebst Peenemünde – Vom geheimen Militärkomplex zum Naturparadies

Ein Film von Martina Treuch und Nicolas Hecker

Am äußersten Rand Deutschlands, umgeben von der Ostsee, liegt Peenemünde – die nördliche Spitze der Insel Usedom. Der Aufstieg und Untergang eines geheimen Militärkomplexes im Zweiten Weltkrieg hat sich hier tief in die Landschaft eingeschrieben und prägt diese bis heute. Eine Landschaft übersäht von Relikten der NS-Rüstungsindustrie, die nur langsam von der Natur zurück erobert wird.

Peenemünde – Vom geheimen Militärkomplex zum Naturparadies
Die Schönheit im Verfall: kein römisches Aquädukt sondern die Reste der NS-Rüstungsindustrie bei Peenemünde. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wo einst ein verschlafenes Fischerdorf liegt, bauen die Nationalsozialisten innerhalb weniger Jahre einen riesigen Militärkomplex. Mehr als 12.000 Menschen - darunter auch etwa 1.500 Zwangsarbeiter - leben zeitweise in der 25 km² großen "Heeresversuchsanstalt", um im geheimen Raketen, sogenannte "Vergeltungswaffen" zu entwickeln und zu testen.

Die Alliierten enttarnen dieses Raketenforschungsgelände. Mehrere Luftangriffe folgen, bei denen 11.000 Sprengbomben sowie rund 93.000 Brandbomben über dem Landstrich niedergehen. Beim Folgenschwersten - der "Operation Hydra" - verlieren über 700 Menschen ihr Leben, die meisten von ihnen sind Zwangsarbeiter aus den Häftlingslagern Trassenheide I und Trassenheide II. Bis heute sind die Narben der Angriffe tief in die Landschaft eingeschrieben.

In der Landschaft Peenemünde sind Natur und Geschichte nicht voneinander zu trennen. Ohne Aufrüstung und ohne den Krieg wäre die Landschaft nicht das, was sie jetzt ist. Die Spuren des Krieges haben die Landschaft stark geprägt.

Kurator Philipp Aumann
Peenemünde – Vom geheimen Militärkomplex zum Naturparadies 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Kraftwerk hielt die "Heeresversuchsanstalt Peenemünde" am Laufen. Das Werk ist heute es ein Museum.

So 10.01.2021 13:55Uhr 00:58 min

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Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dr. Philipp Aumann ist Kurator im Historisch-Technischen Museum Peenemünde. Das ehemalige Kraftwerk der "Heeresversuchsanstalt" ist heute das Herz einer weitläufigen Denkmal-Landschaft, die sich von hier aus über weite Teile der Insel spannt. Das einzige, vollständig erhaltene Gebäude aus dieser Zeit ist heute ein Museum. Für Philipp Aumann ist es ein Ort des Erinnerns.

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Dr. Philipp Aumann Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir sehen zu, dass diese baulichen Strukturen noch erkennbar bleiben. Dass, das, was da ist, auch noch da bleibt. Aber alles nur in seinem verfallenen Zustand. Denn wir sind davon überzeugt, dass das Wiederaufbauen nicht nur nicht authentisch wäre, sondern der Verfall selbst ist für uns Geschichte.

Dr. Philipp Aumann, Kurator

Peenemünde: Denkmal und Naturschutzgebiet

Für Revier-Förster Uwe Wobser ist der Peenemünder Forst ein besonderer Arbeitsplatz, denn "sein" Wald ist zugleich Denkmal und Naturschutzgebiet. Der Waldboden, ein meterhohes Trümmerfeld, ist übersäht mit Ruinen und Relikten einer gigantischen NS-Rüstungsindustrie. Noch heute ist das ganze Peenemünder Revier so munitionsbelastet, das weite Teile Sperrgebiet sind.

Das sind jetzt hier die Überreste. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben Kiefern diese Reste überwachsen. Eine forstliche Nutzung ist gar nicht möglich, weil wir hier nicht mit unserer Technik reinkommen. Deshalb bleibt sich die Natur hier selbst überlassen und sie wird uns erst in Zukunft zeigen, was aus diesem Gelände hier letztendlich wird.

Förster Uwe Wobser

Sperrgebiet ist Schutzgebiet

Doch gerade diese Sperrung ist heute ein Glück für das Gelände – es hat sich so zu einem Refugium für seltene geschützte Tier- und Pflanzenarten entwickelt.

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Revierförster Uwe Wobser Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aus Naturschutzsicht können gerade diese Flächen wertvoll sein, weil hier viele Insektenarten und Laufkäfer zu Hause sind. Außerdem gibt es hier viele Eidechsen, Kreuzottern, Blindschleichen, Ringelnattern. Und in Trümmerfeldern finden sich im Laufe der Zeit auch Fledermäuse ein.

Förster Uwe Wobser

Unterwegs im Bunker

Die Naturschützer Anne Petzold und Dirk Karoske kümmern sich im Sperrgebiet um die mittlerweile zahlreichen Fledermausarten, die in den Bunkeranlagen ein schützendes Winterquartier haben. Sie kontrollieren den Gesundheitszustand der Tiere, sichern die Anlagen und installieren zusätzliche Hang- und Versteckmöglichkeiten.

Peenemünde – Vom geheimen Militärkomplex zum Naturparadies 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese Bunker sollten ursprünglich gesprengt werden. Aber, wie man sieht, hat das eben nicht so funktioniert, wie es ursprünglich gedacht war. Für die Fledermäuse war das gut, denn deshalb konnten sie hier einziehen.

Fledermaus-Schützerin Anne Petzold

Internationales Sommercamp

Peenemünde – Vom geheimen Militärkomplex zum Naturparadies
Studenten bei ihrer Arbeit in freier Natur Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und auch immer mehr Menschen kehren auf die Insel zurück. Naturschutzgebiet und Denkmallandschaft an einem Ort: Das zieht junge Menschen aus der ganzen Welt hierher. Jedes Jahr, während eines mehrwöchigen Sommercamps, leben und arbeiten Studenten freiwillig und unentgeltlich in dieser zwiegespaltenen Landschaft.

So arbeiten sie beispielsweise im einstigen Konzentrationslager Trassenheide südlich von Peenemünde. Die internationale Jugendgruppe legt dort Fundamente frei, macht alte Mauern und Trümmer sichtbar, die so zur Erinnerungslandschaft werden.

Für mich ist es sehr interessant über die Geschichte genau dort etwas zu lernen, wo sie stattfand. Und wenn du hier bist, dann ist das etwas komplett anderes, als wenn du es nur auf Wikipedia liest. Außerdem liebe ich es auch in der Natur zu sein. Diese Gegend hier ist perfekt dafür.

Milica Grujic, Studentin, Serbien

Kein Baum, kein Gras soll hier über die Geschichte wachsen. Für Milica aus Serbien, Kateřina aus Tschechien und die anderen Studenten ein wichtiges Anliegen.

Das alles hier hat eine große Bedeutung für uns. Denn wir wissen, dass sich die Geschichte wiederholen kann. Und wenn wir genau das nicht wollen, müssen wir uns an die Vergangenheit erinnern.

Kateřina Seidlová, Studentin, Tschechien