Der Osten - Entdecke wo du lebst | MDR FERNSEHEN | 10.09.2019 | 21:00 Uhr + Online first ab sofort in der Mediathek Point Alpha – Der heißeste Punkt des Kalten Krieges

Die Vernichtung Deutschlands in einem Atomkrieg – sie hätte hier begonnen, im Südwesten Thüringens, an der Grenze zu Hessen, nahe der Stadt Geisa. Dass wir uns heute noch erinnern können an "den heißesten Punkt des Kalten Krieges", ist Berthold Dücker zu verdanken, der mit "Point Alpha" ein Dokumentationszentrum initiierte. Eine Spurensuche mit Zeitzeugen wie Marie Luise Tröbs, deren Familie Geisa verlassen musste und Frank Bretfeld, dessen Bruder an der Grenze Suizid beging.

Text auf Karte 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fast unscheinbar wirkt dieser Posten der U.S. Army in der Rhön, an der Grenze zwischen Hessen und Thüringen. Vom "Observation Post" Alpha beobachtet der Westen, was sich hinter der innerdeutschen Grenze tut. Mit Wärmebildkameras. Mit Radar. Mit Fernglas.

Vern Croley
Vern Croley heute Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das braucht Platoon Sergeant Vern Croley gar nicht, um die NVA-Grenzer auf der anderen Seite zu sehen: hinter dem Zaun, der durch Minenstreifen und schließlich Selbstschussanlagen gesichert ist. Taktische Atomwaffen gibt es auf beiden Seiten. Im Falle einer Konfrontation der Blöcke würden sie zum Einsatz kommen, in der ersten Schlacht zwischen NATO und Warschauer Pakt auf deutschem Boden, mutmaßlich der Beginn eines Dritten Weltkrieges. Schon in den ersten Stunden wäre Vern Croley gestorben, der zur Army ging, weil sie sein Collegegeld bezahlt.

Eines Morgens brüllt der Radarmann 'Alarm, Alarm' und meldet 50 ostdeutsche Grenzsoldaten direkt am Zaun. Unser Kommandant war kurz davor, die militärische Meldekette nach Fulda und Heidelberg auszulösen. Glücklicherweise löste sich der Rhöner Nebel auf, unten saßen nur große Hasen. Wir hatten gedacht, jetzt kommt der Dritte Weltkrieg.

Vern Croley, Platoon Seargant

Berthold Dückers Mission

Grenzanlage von oben
Blick auf den einstigen Grenzstreifen, rechts OP Alpha, im Hintergrund das "Haus auf der Grenze" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

An den "heißesten Punkt im Kalten Krieg" erinnert heute "Point Alpha", ein Aufklärungs- und Dokumentationszentrum am authentischen Ort.

Ohne Berthold Dücker würde es das alles nicht geben. Der heute 71-Jährige ist ganz in der Nähe aufgewachsen, und doch in einer anderen Welt; in Geismar, ein Dorf im Sperrgebiet, katholisch schon immer, selbst zu DDR-Zeiten zum Bistum Fulda gehörend. Christlich erzogen wird auch Berthold Dücker, das stürzt den Heranwachsenden in innere Konflikte:

In der Kirche hörte man: 'Du sollst deine Feinde lieben.' In der Schule wurde der Klassenhass gepredigt. Mir wurde klar, das ist meine wunderbare, geliebte Heimat – ich fühlte mich ja im familiären Umfeld wohl – aber das ist nicht mein Land. Das war eine furchtbar bittere Erkenntnis.

Berthold Dücker Flüchtete als 16-Jähriger in den Westen

Vom Kühe-Weiden kommt er eines Tages nicht nach Hause; er, der "Mama-Sohn", gerade mal 16 ist er, als er sich zur Flucht entschließt. Drei Jahre nach dem Mauerbau schafft er es tollkühn durch den Minenstreifen und in den Westen – ohne dort besonders herzlich empfangen zu werden. Der Zoll setzt ihn erstmal in den Zug, ein Reisender macht ihn als DDR-Flüchtling aus und beginnt, ihn zu beschimpfen: "Wieder einer von der Sorte", "kriminell". "Die gleiche Scheiße, die man heute hört", sagt Dücker, der sich sicher ist, dass Menschen aus einer inneren Not heraus immer versuchen werden, auch noch so unüberwindlich scheinende Grenzen zu überwinden.

Tatsächlich verwirklicht er im Westen seinen Traum, wird Journalist. Nach dem Mauerfall bekommt er das Angebot, Chefredakteur einer Zeitung in Südthüringen zu werden und sagt freudig zu. So entgeht ihm nicht, dass die hessische Landesregierung plant, den Posten der Amerikaner abzureißen und das Gelände an der Grenze zu renaturieren. Berthold Dücker schreibt dagegen an. Der junge Freistaat Thüringen unterstützt ihn in seinem Bemühen, Wachtürme und Grenzanlagen auf beiden Seiten zu erhalten, um dort eine Aufklärungs-, Dokumentations- und Erinnerungsstätte einzurichten: 1993 eröffnet "Point Alpha".

Marie Luise Tröbs: Ein Puppenkleid fürs "Haus auf der Grenze"

Für die Ausstellung im "Haus auf der Grenze" spendete Marie Luise Tröbs ein Puppenkleid, das einzige Stück, das sie mitnehmen durfte, damals am 3. Oktober 1961. Die Zehnjährige kommt aus der Kirche nach Hause, nur um ihren Ranzen zu holen. Da erfährt sie von der aufgelösten Mutter, dass die Familie Geisa umgehend verlassen muss. Nur das Nötigste dürften sie mitnehmen. Die kranke Oma, die ihr das Einmaleins beibrachte, bleibt zurück. Eskortiert von Polizei-Lkws fährt der Vater mit den beiden Söhnen voraus. Marie Luise und ihre Mutter werden durch die Stadt zu einem Polizeibus gebracht. Sie gehen vorbei an Leuten aus dem Dorf, die schweigend Spalier stehen, manche weinen.

Das hat mich auch als junge Frau noch lange, lange, lange beschäftigt, dass uns da keiner geholfen hat.

Marie Luise Tröbs Wurde mit ihrer Familie aus Geisa zwangsausgesiedelt

Bilder Spurensuche rund um "Point Alpha"

Vern Croley
Als Platoon Sergeant tat Vern Croley in den 1980er-Jahren Dienst auf "Observation Post" Alpha. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Überlagerung aus farbigen Linien und Punkten
Aufmarschpläne von Nato und Warschauer Pakt lassen sich heute im Dokumentationszentrum "Point Alpha" besichtigen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Selbstschussanlage SM 70
Die so genannten Selbstschussanlagen des Typs SM-70 wurden am vorderen Metallgitter-Grenzzaun montiert. Versteckt ausgelegte Drähte lösten Schüsse aus oder brachten Splitterminen zur Detonation. Das Ziel: Fluchtversuche verhindern. Bildrechte: Gedenkstätte Point Alpha
Bertold Dücker in: "Point Alpha - Der heißeste Punkt des Kalten Krieges".
Dass "Point Alpha" als Erinnerungsort existiert, ist Berthold Dücker zu verdanken, der ganz in der Nähe aufgewachsen ist. Vom Kühe-Weiden kam er eines Tages nicht mehr nach Hause, mit 16 flüchtete er in den Westen. Nach der Wende kehrte er nach Thüringen zurück. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Von den Zeitzeugen werden persönliche Dinge gezeigt – hier: Puppenkleid und die kleine Puppen-Kaffeemühle von Marie-Luise Tröbs
Das einzige, was Marie Luise Tröbs damals mitnehmen durfte, war dieses Puppenkleid, dass sie für die Ausstellung in "Point Alpha" zur Verfügung stellte. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Wachturm
Junge Männer, die in der DDR studieren wollten, mussten vorher ihren Dienst bei der NVA ableisten, oft bei den gefürchteten Grenztruppen so wie hier in Thüringen bei Geisa. Der Wachturm erinnert daran. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Axel Bretfeld über den Selbstmord seines Bruders an der Grenze in: 'Point Alpha - Der heißeste Punkt des Kalten Krieges'
Axel Bretfeld erfährt erst Jahrzehnte später, warum sein Bruder Frank an der Grenze Suizid beging. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Axel Bretfeld über den Selbstmord seines Bruders an der Grenze in: 'Point Alpha - Der heißeste Punkt des Kalten Krieges'
Wie schwer ihn der Dienst an der Grenze mitnahm, zeigt schon der Blick auf die Bilder, die Frank als Kind und als Grenzer zeigen, erzählt Axel Bretfeld, der sehr an seinem älteren Bruder gehangen hat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Gedenkstätte Point Alpha, Haus auf der Grenze
Gerade Schüler sollten das "Haus auf der Grenze" mal besuchen, findet Berthold Dücker. Das ganze Areal biete viel Stoff für eine große Geschichtslektion. Bildrechte: MDR/Lily Meyer
Vern Croley
Als Platoon Sergeant tat Vern Croley in den 1980er-Jahren Dienst auf "Observation Post" Alpha. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Porträt eines Mannes auf eine Mauer projiziert
Immer nach zwei Wochen kam die Ablösung, wegen des hohen Stressfaktors, erzählt Vern Croley. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Grenzanlage von oben
Heute kaum noch zu ahnen: Auf DDR-Seite wurden seit den 1970er-Jahren neuartige Splitterminen installiert, entlang der ganzen Grenze insgesamt 71.000 Stück. Entwickelt in der Tschechoslowakei, getestet an Schweinen, produziert schließlich im VEB Chemiewerk Kapen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Bertold Dücker in: "Point Alpha - Der heißeste Punkt des Kalten Krieges".
Besonders herzlich wurde Berthold Dücker damals nicht aufgenommen. Vom Zoll in den Zug gesetzt muss er sich als Flüchtling aus dem Osten beschimpfen lassen. Dann geht es ins Notaufnahmelage Gießen, das er für für die Dreharbeiten erstmals wieder besucht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Bertold Dücker in: "Point Alpha - Der heißeste Punkt des Kalten Krieges".
Im Westen schafft es Berthold Dücker, seinen Traum zu verwirklichen. Er wurde Journalist. Nach der Wende kehrte er in seine thüringische Heimat zurück. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Luftaufnahme eines Ortes
Geisa war das westlichste Dorf im Osten – und Sperrgebiet direkt an der Grenze. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Marie Luise Tröbs
Marie Luise Tröbs' Familie wurde in den 1960er-Jahren aus Geisa zwangsausgesiedelt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Die Familie wird nach Ilmenau gebracht. Eine Betreuerin warnt die Eltern kurz nach der Ankunft. Die Staatsmacht würde Gerüchte verbreiten über die Neuankömmlinge als "Schwerverbrecher von der Grenze".

Luftaufnahme eines Ortes
Blick auf Geisa Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was an der Grenze passiert, erfährt damals kaum ein DDR-Bürger andernorts in der Republik. Die Sperrzone beginnt schon fünf Kilometer tief im Hinterland, wer hinein will, braucht einen Passierschein. Innerhalb dieser Zone liegt noch eine weitere, die von niemandem außer den Grenzern zu betreten ist. Sie beginnt 500 Meter vor dem letzten Zaun, der ab den 1970ern durch selbstauslösende Splitterminen, die berüchtigten SM-70, gesichert wird. Nicht nur der südwestlichste Zipfel der DDR rund um Geisa wird zum toten Gebiet.

Dass die Zwangsaussiedlung ihrer Familie kein Einzelfall ist, erfährt Marie Luise Tröbs erst nach der Wende. Über 12.000 Menschen bringt das sich immer mehr verschärfende Grenzregime um Haus und Heimat. Über eine Entschädigungslösung diskutiert man seit 20 Jahren.

Axel Bretfeld über den Suizid seines Bruders an der Grenze

Frank Brethfeld nahm sich an der Grenze das Leben, Szene aus: 'Point Alpha - Der heißeste Punkt des Kalten Krieges'
Frank Bretfeld leistete seinen NVA-Dienst an der Grenze, um Maschinenbau studieren zu können. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit den verheerenden Folgen wird der 19-jährige Frank Bretfeld in seinem Armeedienst konfrontiert. Gerade das Abitur in der Tasche will er Maschinenbau studieren, doch vorher muss er zur NVA, ausgerechnet zu den gefürchteten Grenztruppen wird er eingezogen. In Geisa kommt er Ende der Siebziger Jahre zum Einsatz. In Briefen berichtet er seinem jüngeren Bruder Axel, wie ihn der Dienst zermürbt: In Eisenach erlebt er mit, wie ein Mitsoldat sich das Leben mit: "Heute früh hat sich so ein Neuer dreimal ins Herz geschossen!"

Zuletzt hofft er auf baldigen Urlaub. Doch dazu kommt es nicht mehr. Am 21. August 1979 erschießt er sich mit seiner eigenen Waffe. Erst Jahrzehnte später erfährt Axel Bretfeld den wohl letzten Grund für die Verzweiflungstat. Am Tag zuvor hatte ein Flüchtender eine Mine ausgelöst, wird schwer verletzt. In einem Abschiedsbrief, den die Familie zu DDR-Zeiten nie erhalten hat, schildert Frank Bretfeld das Aussehen des Verstümmelten.

Die jungen Leute mussten herhalten als 'billiger Jakob', um das System aufrechtzuerhalten.

Axel Brethfeld Verlor seinen Bruder durch Suizid

Über den Suizid eines Grenzsoldaten zu reden, ist damals Tabu. Über die, die bei einem Fluchtversuch schwer verletzt werden oder ums Leben kommen, herrscht Schweigen.

Einladung zur Geschichtsstunde

In Geisa würde heute nicht mehr viel erinnern an dieses Kapitel der deutschen Geschichte, das folgte auf Krieg und Teilung. Ohne Berthold Dücker und seine Mitstreiter wären die Mauern und Stahlträger von OP Alpha wohl längst auf einer Deponie gelandet und der Grenzstreifen renaturiert. Das wäre ein Skandal gewesen, findet er. Ost und West, beinah im Untergang vereint, daran erinnert "Point Alpha", das ganze Areal biete viel Stoff für eine einzigartige Unterrichtsstunde zur deutschen Geschichte. Wenn es nach ihm ginge, sollten mehr Schüler und Schülerinnen sie nutzen.

Das Fulda Gap Boardgame 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Klaus Schroeder und Jochen Staadt (Herausgeber): Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949–1989. Ein biografisches Handbuch aus der Reihe: Studien des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, Band 24  Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang Edition 2017, 684 Seiten
Bildrechte: Peter Lang Verlagsgruppe

Stichwort: Opfer des Grenzregimes Der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin untersuchte im Rahmen eines Projektes über fünf Jahre Todesfälle an der innerdeutschen Grenze.

Aus den vom Verbund recherchierten Informationen zu Frank Bretfeld geht hervor, dass am Abend des 20. August 1979 im Abschnitt der 5. Grenzkompanie Geisa ein Grenzalarm ausgelöst wurde. Frank Bretfeld, der zur Nachtschicht im Kompaniegebäude eingeteilt war, hörte demnach die Berichte der zurückkehrenden Grenzposten, wonach ein Flüchtender schwerst verletzt, mit abgerissenen Beinen, aus dem Minenfeld geborgen worden war.

Fast 700 Seiten umfasst die Studie "Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949 - 1989 - Ein biografisches Handbuch" von Klaus Schroeder und Jochen Staadt. Ausgewertet wurden Berichte der DDR-Grenztruppen sowie Stasi-Akten.

Stichwort: Zwangsaussiedlungen Heute kommen 88 Prozent der Schüler und Schülerinnen, die "Point Alpha" besuchen aus Hessen, nur 12 Prozent aus Thüringen. Beate Dittmar stammt aus Geisa und ist stellvertretende Schulleiterin am Gymnasium in Vacha. Sie hat mit ihren Schüler und Schülerinnen ein preisgekröntes Projekt zum Thema Zwangsaussiedlungen gemacht. Über 12.000 Menschen waren zu DDR-Zeiten davon betroffen. Einige Schüler und Schülerinnen erfuhren von ihren Großeltern, wie sie damals Haus und Hof verloren.

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2019, 16:40 Uhr