Umfrage-Ergebnisse von mdrfragt Viele Ostdeutsche erleben Deutschland auch nach 30 Jahren nicht als Einheit

Johanna Daher
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Deutschland ist schon länger nicht mehr geteilt – am Montag, 31. August, vor 30 Jahren wurde der Einigungsvertrag unterschrieben. Aber empfinden die Menschen, dass das gesamte Land wirklich eine Einheit ist? Nein, so das Ergebnis einer mdrfragt-Umfrage mit über 17.000 MDR-Zuschauern. Fast die Hälfte meint, dass es nie gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West geben wird. Ein Einblick.

Gleiche Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland...
Von den über 17.000 befragten MDR-Zuschauern gab der Großteil an, dass sie bisher keine deutsche Einheit erleben. 44 Prozent finden sogar, dass es nie gleiche Lebensverhältnisse zwischen Ost und West geben werde. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch wenn die Wiedervereinigung Deutschlands 30 Jahre her ist, gibt es noch große Unterschiede zwischen Ost und West. Um nur ein Beispiel zu nennen: die Löhne sind im Osten deutlich niedriger – für die gleiche Arbeit, wie im Westen. Dessen sind sich die Ostdeutschen sehr bewusst, wie die jüngste Umfrage des MDR-Portals mdrfragt mit etwa 17.000 Teilnehmenden zeigt. Etwa die Hälfte sagt, dass es nie gleiche Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland geben wird. Weitere 42 Prozent meinen, dass es noch mindestens zehn Jahre dauern wird.

Umfrage-Teilnehmer Tilo Linke aus dem Vogtlandkreis in Sachsen merkt den Lohnunterschied jetzt im höheren Alter sehr. Er erzählt: "Ich war zur Wende 32 Jahre alt. Bestes Alter um alle Veränderungen zu meistern. Ich war nie arbeitslos, bin in der Firma, in der ich gelernt habe, Rentner geworden. Ein makelloses Arbeitsleben und trotzdem ist die Rente sehr knapp. Ich glaube nicht, eine beinahe Einheit zu erleben."

Sabine und Karl-Heinz Schumann aus Stendal fügen hinzu: "Lohn- und Rentenanpassung erfolgen zu langsam und damit wächst auch nicht der Lebensstandard." Und Klaus Oehme aus Weimar ergänzt: "All das, was die Treuhand kaputt gemacht hat, ist eine Lebensaufgabe."

Treuhand – ein deutsches Drama 45 min
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MDR Dok Di 10.03.2020 20:15Uhr 44:31 min

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Identitätsgefühl: ostdeutsch statt sachsen-anhaltisch

Ein weiterer Punkt, der in der mdrfragt-Umfrage thematisiert wurde: die regionale Identität. Auf die Frage, ob sie sich zuerst mit ihrem Bundesland, Ostdeutschland oder Deutschland identifizieren, gaben Sachsen und Thüringer ganz klar ihr Bundesland an. In Sachsen-Anhalt waren es nur 22 Prozent. Die Mehrheit fühlt sich hier zuerst "ostdeutsch".

Bei Michael Scholz aus dem Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt spielen die bereits erwähnten niedrigeren Löhne im Osten eine große Rolle bei seinem Heimatgefühl. Er schreibt: "Ich Identifiziere mich immer noch als Ostdeutscher und Mensch zweiter Klasse. Weil der Unterschied zwischen Ost und West immer noch sehr groß ist. Zum Beispiel der Lohn. Ich bekomme nach 39 Jahren Arbeit in meinen Beruf als Maler und Lackierer den gleichen Lohn, wie ein Lehrling der gerade ausgelernt hat. Also nur den Mindestariflohn und nicht das Entgeld, was einen nach fast 40 Jahren im Beruf zu steht. Das wird sich auch auf die Rente auswirken."

Es gibt aber auch positive Stimmen aus Sachsen-Anhalt, beispielsweise von Michael Blumberg aus Wittenberg: "Obwohl natürlich auch einiges schiefgelaufen ist bei der Deutschen Einheit, bin ich doch sehr zufrieden damit, wie schön Deutschland und speziell meine Heimatregion sich entwickelt hat."

Und Ernst Fritz Johannes Haak aus Hildburghausen (Thüringen) sagt: "Meine Bindung zum Freistaat Thüringen ist hoch, da ich in diesem Bereich seit meiner Geburt lebe. Ich bin aber zugleich Europäer, weil ich die Meinung vertrete, dass nur ein geeintes und friedvolles Europa – gemeinsam handelnd – ein anerkannter Partner in der Weltpolitik ist."

Der Brocken und die deutsche Einheit

Eine Hinweistafel erinnert an die ֖ffnung der Brockenmauer 1989
Am 3. Dezember 1989 demonstrierten Tausende Personen vor dem Tor der Brockenmauer, den Gipfel zu öffnen. Daran erinnert dieses Schild. Bildrechte: dpa

Ein wichtiger Ort, wenn es um die Wiedervereinigung geht, ist der Brocken. MDR FAKT IST! hat einige Personen oben auf dem Gipfel gefragt, wie sie die deutsche Einheit wahrnehmen. Beispielsweise ist Ute aus dem Raum Kaiserslautern an dem Tag auf dem Brocken. Für sie gibt es die deutsche Einheit auf jeden Fall schon. Sie meint: "Ich glaube, es hat noch kein Volk so fertig gebracht, dass es so zusammengewachsen ist." Das zeigen auch Roland und Annett. Sie führen seit 30 Jahren eine Ost-West-Ehe.

Wiedervereinigung Umfrage am Brocken: Das sagen die Besucher zur deutschen Einheit

Der Brocken spielt bei der deutschen Wiedervereinigung eine besondere Rolle. Deshalb hat FAKT IST! dort zum 30. Jubiläum der Unterzeichnung des Einigungsvertrags eine Umfrage gemacht. Das sagen die Besucher zur Einheit.

An der Umfrage zur Deutschen Einheit teilgenommen: Inge, Harry und Ute aus dem Raum Kaiserslautern
Inge, Harry und Ute aus dem Raum Kaiserslautern haben den Brocken besucht. Ihre Meinung zur deutschen Einheit? Ute erklärt: "Ich glaube, es hat noch kein Volk so fertig gebracht, dass es so zusammengewachsen ist." Bildrechte: MDR/Stefan Bernschein
An der Umfrage zur Deutschen Einheit teilgenommen: Inge, Harry und Ute aus dem Raum Kaiserslautern
Inge, Harry und Ute aus dem Raum Kaiserslautern haben den Brocken besucht. Ihre Meinung zur deutschen Einheit? Ute erklärt: "Ich glaube, es hat noch kein Volk so fertig gebracht, dass es so zusammengewachsen ist." Bildrechte: MDR/Stefan Bernschein
An der Umfrage zur Deutschen Einheit teilgenommen: Annett und Roland. Sie sind seit 30 Jahren ein Ost-West-Ehepaar.
Dass die Menschen aus Ost- und Westdeutschland vereint sind, dafür sind Annett und Roland ein perfektes Beispiel. Denn sie führen seit 30 Jahren eine Ost-West-Ehe. Bildrechte: MDR/Stefan Bernschein
An der Umfrage zur Deutschen Einheit teilgenommen: Lena und Christiane aus dem Eichsfeld
"Also in unserer Generation macht man beim Reden schon Unterschiede mit Osten und Westen – aber nicht so stark wie früher", erzählen Lena und Christiane aus dem Eichsfeld. Bildrechte: MDR/Stefan Bernschein
An der Umfrage zur Deutschen Einheit teilgenommen: Fabian und Christoph aus Bielefeld
Fabian und Christoph aus Bielefeld schauen auf die Dinge, die sich in Deutschland seit der Einheit (nicht) getan haben. Christoph: "Infrastrukturtechnisch würde ich behaupten, da ist viel Geld in den Osten geflossen. Schöne neue Bahnhöfe, die sie hier haben." Und Fabian fügt hinzu: "Ich würde schon sagen, dass es noch Unterschiede gibt, zum Beispiel bei Tarifverträgen und Löhnen." Bildrechte: MDR/Stefan Bernschein
An der Umfrage zur Deutschen Einheit teilgenommen: Familie Herrmann aus Peine
Auch Familie Herrmann aus Peine war am Brocken unterwegs. Der Ehemann erklärt zur deutschen Einheit: "Was mittlerweile gleich gezogen wird: der Kitabetrieb und das Schulsystem. Da konnten sich der Osten und der Westen jeweils vom anderen eine Scheibe abschneiden." Und er fügt schmunzelnd hinzu: "Wenn der Sachse in Hamburg ein Fischbrötchen isst und der andere die Thüringer Bratwurst – dann, denke ich mal, sind wir auf einem guten Weg." Bildrechte: MDR/Stefan Bernschein
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Dieses Thema im Programm: MDR FAKT IST! | 31. August 2020 | 22:05 Uhr

Familie Herrmann aus Peine ist ebenfalls auf dem Brocken. Der Ehemann erzählt: "Was mittlerweile gleich gezogen wird: der Kitabetrieb und das Schulsystem. Da konnten sich der Osten und der Westen jeweils vom anderen eine Scheibe abschneiden." Und er fügt schmunzelnd hinzu: "Wenn der Sachse in Hamburg ein Fischbrötchen isst und der andere die Thüringer Bratwurst – dann, denke ich mal, sind wir auf einem guten Weg."

30 Jahre Unterzeichnung des Einigungsvertrags

Im Einigungsvertrag wurden ostdeutsche Interessen ...
Die meisten Befragten sagen, dass die ostdeutschen Interessen im Einigungsvertrag zu wenig berücksichtigt wurden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Montag, 31. August, ist die Unterzeichnung des Vertrags zur Wiedervereinigung 30 Jahre her. Es war ein 900-seitiges Werk, mit allen Details und Übergangsvorschriften für die deutsche Einheit. Dem gesamten Thema widmet MDR FAKT IST! deshalb am Montag eine Sendung ab 20.15 Uhr im Livestream und 22.05 im MDR Fernsehen. Unter dem Titel "Friede, Freude, Frustration – die Deutschen und die Einheit" diskutieren diese vier Gäste miteinander:

  • Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister und Vizekanzler
  • Valerie Schönian, Journalistin und Autorin
  • Dr. Christoph Bergner (CDU), ehemaliger Ostbeauftragter und Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt
  • Dr. Thomas Ahbe, Sozialwissenschaftler und Publizist

Journalistin Valerie Schönian findet beispielsweise, dass Deutschland eine Einheit ist, aber die Augenhöhe zwischen Ost und West noch nicht hergestellt wurde. Und darüber müsse auch zukünftig noch geredet werden.

Wie kann eine "richtige" Einheit entstehen?

Die Unterschiede zwischen Ost und West sind da, dementsprechend auch das ungute Gefühl vieler Ostdeutscher, wie die mdrfragt-Umfrage zeigt. Doch: Wie kann sich das ändern? Was sollte getan werden, damit Deutschland wirklich zur Einheit wird?

Viele Umfrage-Teilnehmer plädieren für gleiche Bedingungen in gesamt Deutschland, zum Beispiel bei den Löhnen. Sie sagen auch, dass viele Unternehmen ihren Sitz im Westen statt im Osten haben – ein Wunsch also an die Firmen, sich auch in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen niederzulassen. Um dadurch die Wirtschaft anzukurbeln und Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen.

Sybille Veldung aus Meißen findet, dass die Geschichte weder im Osten noch im Westen richtig aufgearbeitet wird. Sie sagt: "Es gibt viel zu viele Vorurteile auf beiden Seiten und wenig Verständnis. Kein Generationenaustausch findet statt, was unheimlich schade ist! Die Schulen müssen da mehr leisten!" Dazu gehöre auch, so Antje Büchner aus Halle (Saale), dass die Menschen einfach von Deutschland sprechen. Sie kritisiert dabei vor allem Politik und Medien, die mit ihrem Sprachgebrauch Osten und Westen betonen.

Regina Hagemann aus Erfurt formuliert diesen Wunsch: "Ich würde mir wünschen, dass viele Menschen aus den alten Bundesländern uns besuchen. Was man hier bestaunen kann ist wichtig. Auch hier reicht die Geschichte weit zurück. Was hier in den letzten 30 Jahren geschaffen wurde, ist absolut sehenswert."

Anmerkung der Redaktion: Die zitierten Umfrage-Teilnehmer haben ihr Einverständnis gegeben, dass ihre Antworten mit Namen veröffentlicht werden dürfen.

Quelle: MDR/jd, mdrfragt

Dieses Thema im Programm: MDR FAKT IST! | 31. August 2020 | 22:05 Uhr