Interview Soziologe Siegert: Fehler des Westens im Osten wiederholt

Wirtschaftsförderung nur noch für Städte? Der Soziologe Andreas Siegert hält diese Empfehlung des IWH für genau den falschen Kurs. Er pocht auf die Verfassung und nennt im MDR-Interview Vorteile ländlicher Strukturen.

Andreas Siegert
Der Soziologe Andreas Siegert hält am ländlichen Raum fest. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT: Gerade auf dem Land wird immer betont, wie wichtig ein ‚funktionierender Ort‘ sei. Was geht verloren, wenn Kneipe, Einkaufsladen oder das Dorfgemeinschaftshaus schließen und die Menschen immer älter werden?

Andreas Siegert: Soziale Begegnung im Dorf ist häufig über Generationen gewachsen – die Leute kennen sich über zwei, drei, vier Generationen hinweg. Da ist eine Verbundenheit entstanden. Normenkontrolle würde man das in der Soziologie nennen: Ich weiß, was ich tun darf und was ich nicht tun kann.

Es gilt Nachbarschaftshilfe, es gilt Grußpflicht, es gilt die Kehrwoche und Mülltrennung usw., die unmittelbar durchgesetzt werden können, weil die Leute sich kennen. Wenn Sie älter werden, wenn die Infrastruktur nachlässt, dann bedeutet es eben auch, dass diese soziale Begegnung nicht mehr stattfindet.

Um Ihnen ein konkretes Beispiel zu liefern: Ich komme aus einem kleinen Ort im Saalekreis – Alberstedt heißt der. Früher war es so: Das Feuerwehrfest war der Begegnungsraum. Heute können die alten Leute auch aufgrund der schlechten Gehwege nicht mehr zu diesem Feuerwehrfest kommen. Sie schicken nur noch die Enkel, um die Erbsensuppe, die sie als lecker in Erinnerung haben, zu holen. Aber die Begegnung kann nicht mehr stattfinden. (…) Es können keine Erntekronen mehr geflochten werden. Der Austausch findet nur noch über die Pflegedienste statt (…). Die sind der Überbringer der Nachricht von A nach B. Aber sie kommen nicht aus dem Ort, sie sind nicht damit verwurzelt. Und das geht verloren, den Menschen fehlt die Orientierung.

Sie setzen sich dafür ein, Strukturen gerade im ländlichen Raum zu erhalten. Gleichzeitig muss man erkennen, dass viele junge Leute ohnehin Richtung Stadt ziehen wollen. Woher nehmen Sie Ihren Antrieb? 

Zum einen vertraue ich auf die Verfassung. Artikel 72 der Verfassung garantiert gleichwertige Lebensverhältnisse. Dieser Verfassungsgrundsatz wird seit Jahren in verfassungswidriger Weise gebrochen. Seit vielen Jahrzehnten sogar. Auch im Westen schon. Man hat dann die gleichen Fehler nochmal im Osten wiederholt, indem man Strukturen aufgebaut hat, die den Raum entvölkern. Ich finde, dass das nicht redlich ist, gegenüber den Menschen, die dort in ihre Häuser investiert haben, die in ihre Unternehmen investiert haben. Das hat viele Folge-Effekte für die Unternehmer, die dann ihre Betriebe nicht mehr verkaufen können oder ihn nicht wirtschaftlich erhalten können, weil Ihnen die Arbeits-, die Fachkräfte fehlen. Die haben diese Rente nicht mehr, mit der sie gerechnet haben, die sie durch den Verkauf des Unternehmens erzielen wollten. Sie können ihren Betrieb nur noch schließen.

Und als Sachsen-Anhalter sage ich: Wir haben schon einen unterdurchschnittlichen Besatz mit Unternehmen. Wenn diese Unternehmen jetzt auch noch wegsterben, dann haben wir schon absehbar Schwierigkeiten mit der Versorgung mit handwerklichen Leistungen, der Gesundheitsversorgung oder dem Einzelhandel. Es sind viele Bereiche, die zusammenbrechen, sodass die jetzigen Strukturen angepasst werden müssen, um nicht sich gegenseitig selbstverstärkende Effekte auszulösen.

Ab 2004 brachte die Landesregierung die Gebietsreform auf den Weg und teilte das Land in Unter-, Mittel- und Oberzentren ein. Was ist bei dieser Strukturierung falsch gemacht worden?

Der Fehler aus meiner Sicht ist, dass wir zu viele Entscheidungen zentralisiert haben. Lassen Sie mich das am Beispiel der Schul-Entwicklungsplanung deutlich machen: Wir sind davon ausgegangen, dass eine Linearität entsteht: Wenn wir weniger Schulen haben, die mit mehr Schülern beschickt werden, dann ist das wirtschaftlicher für das Land oder die Kommune. Tatsache ist aber, dass die Fahrtwege weiter werden, dass die Kinder keine Möglichkeit mehr haben, Sozialverhalten in freiwilligen Feuerwehren, in Musikschulen, in Sportvereinen zu lernen, dass die Fläche darüber an Freizeit- und sozialen Angeboten verliert und diese Kinder dann häufig auch mit sozialen Defiziten später intensivere Betreuung bräuchten, als sie in ehrenamtlichen Strukturen geschaffen würden.

Das heißt, wir müssten eigentlich wieder Entscheidungen zurückverlagern, in die Fläche, wir müssten angemessen Infrastrukturen vor Ort aufbauen, um den Verfassungsgrundsatz von Artikel 72 wieder mit Leben zu füllen.

Momentan gibt es keine Anzeichen dafür, dass man den Zentralisierungskurs grundlegend ändern will. Welche Zukunfts-Chancen haben kleine Orte?

Natürlich ist es schwierig. Die Frage ist: Wenn wir weiter so machen, werden wir irgendwann diesen Orten keine Perspektive mehr geben können? Und wir werden alles das, was wir nach der deutschen Einheit in Geld an Infrastruktur-Investitionen herausgegeben haben, davon werden große Teile verloren sein. Wir haben für hundert Prozent der Einwohner geplant – am Ende müssen sie von 60 oder 70 Prozent der Einwohner finanziert werden. Das sind Standort-Nachteile: Unternehmen können Arbeits- und Fachkräfte nicht besetzen, Nachfolger werden nicht gefunden. Insofern: Wenn ich das System nicht ändere und infrage stelle und strukturelle Änderungen vornehme, werde ich genau diese Effekte haben, die Herr Gropp auch beschrieben hat – aber sie sind das Ergebnis einer vorher fehlgeleiteten politischen Entscheidung.

Die Fragen stellte Nadja Storz.

Zur Person Andreas Siegert ist deutscher Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe. Von 1998 bis 2002 war er Mitglied des Landtages von Sachsen-Anhalt und setzte sich unter anderem für Investitionen in Bildung ein, um die Zukunftsfähigkeit des Landes zu stärken. Darüber hinaus hatte er verschiedene Lehraufträge, wobei seine Forschungsschwerpunkte in den Bereichen ländliche Entwicklung, Integration und Migration liegen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | "FAKT IST!"-Bürgertalk | 17. Juni 2019 | 20:15 Uhr