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LexiTV Resistenz gegen Antibiotika - Lebensretter a.D.?

Die Entdeckung des Schimmelpilzes als Bakterienvernichter war eine medizinische Sensation des Zwanzigsten Jahrhunderts. Alexander Fleming sicherte sich mit ihr 1945 den Nobelpreis. Über Jahrtausende waren Menschen an einfachen bakteriellen Infektionen, etwa Lungenentzündungen, gestorben. Das sollte sich nun ändern.

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Die Nachricht von den verblüffenden Effekten des neuen Wirkstoffs verbreitete sich wie ein Lauffeuer - und der Glaube an Antibiotika als Wundermittel blieb jahrzehntelang unerschüttert. Noch heute gibt es bei schwerwiegenden bakteriellen Infektionen kaum eine andere Möglichkeit als Antibiotika. Weltweit sind antibiotische Präparate mit dreizehn Prozent Marktanteil die am häufigsten verschriebenen Medikamente.

Schreckensmeldungen von Superkeimen

Doch nicht immer erfolgt ihre Anwendung sachgemäß: Vorschnelle, sorglose oder auch zu kurze Einnahme bei Mensch und Tier lassen neue antibiotikaresistente Bakterienstämme in Krankenhäusern ebenso wie in Zuchtbetrieben entstehen. Schreckensmeldungen von Superkeimen wie MRSA, gegen die Mediziner mit konventionellen Antibiotika machtlos sind, ängstigen Patienten und Verbraucher. Was steckt dahinter?

Bakterien sind Überlebenskünstler. Unter widrigsten Bedingungen können sie sich vermehren, ja sich sogar genetisch wandeln. Und das klappt an bestimmten Orten besonders gut - nämlich da, wo sich Keime gegen besonders viele antibiotische Gegner behaupten müssen: Krankenhäuser bieten Bakterien ein effektives Überlebenstraining, bei dem die Einzeller lernen, auf diverse Angreifer zu reagieren. Dabei gewonnene genetische Informationen tauschen Bakterienstämme untereinander aus - die Folge sind multiresistente Keime, die bei geschwächten Patienten leichtes Spiel haben.

Beunruhigende Zahlen

Immer häufiger kommt es vor, dass Ärzte mit Krankenhauskeimen infizierte Patienten nicht wirksam behandeln können, weil Bakterien nicht mehr auf die Medikamente ansprechen. Die Zahlen sind alarmierend: Etwa 30.000 Menschen sterben jährlich allein in Deutschland an resistenten Keimen, von rund 700.000 Infizierten. Hinzu kommt, dass die Zahl der Infizierten steigt. Experten sehen die Hauptursache in mangelnder Hygiene. Aus Zeitmangel und anderen Gründen befolgen nur etwa fünfzig bis sechzig Prozent des Krankenhauspersonals sämtliche Hygienevorschriften, so das Ergebnis einer Studie. Antibiotika als Wundermittel, es war einmal.

Forscher arbeiten fieberhaft an neuen Präparaten, doch die Entwicklung ist langwierig und hinkt dem Anpassungstempo vieler Bakterienstämme hinterher. Bisher bleibt nur, gefährdeten Patienten sogenannte Reserveantibiotika zu verabreichen, das sind Medikamente, die Ärzte möglichst selten verordnen, die also den Erregern bestenfalls unbekannt sind. Doch genau diese Rechnung geht oft nicht auf.

Gefährliche Gewöhnungseffekte

Aber auch das Patientenverhalten hat Einfluss auf die Resistenzbildung: Leichtfertige ambulante Einnahme von Antibiotika bei harmlosen Erkältungen trägt dazu bei, dass sich Bakterien an ihre Gegner gewöhnen. Zu kurze Einnahmezeiten führen ebenso zu Resistenzen: Einige Bakterien überleben die Antibiotikatherapie und lassen sich bei einer erneuten Behandlung vom gleichen Medikament nicht mehr stören. Und eine "Keimzelle" ganz anderer Art dürfte verantwortlich für neue Superkeime sein: die Massentierhaltung. Rund zwei Drittel der weltweit verschriebenen Antibiotika werden Tieren verabreicht - Tieren, die ohne anhaltendes Medikamentendoping kaum bis zum Schlachttermin überleben könnten.

Geld sparen durch Antibiotika

Betreibern von Mastanlagen bringt der Einsatz von Antibiotika bares Geld: Investitionen in Stallanlagen und gutes Futter werden überflüssig. "Im Moment gleichen wir mit 70 bis 80 Prozent der Antibiotika-Rezepte reine Management-Fehler in der Landwirtschaft aus", beschreibt Veterinärmediziner Thomas Blaha von der Tierärztlichen Hochschule Hannover die Zustände in deutschen Mastbetrieben.

In der EU darf Zuchtvieh erst seit 2006 nicht mehr über das Futter mit Antibiotika versorgt werden. Zur Ertragssteigerung in Mastbetrieben war das, wie bei der Zugabe harmloser Nahrungsergänzungsmittel, gang und gäbe. Heute sollen Antibiotika nur noch im nachgewiesenen Krankheitsfall verabreicht werden. Dabei genügt allerdings ein einziges erkranktes Tier, um alle anderen der mitunter 50.000 Tiere pro Stall vorbeugend mitversorgen zu dürfen. Metaphylaxe nennt sich das.

Gefahr aus dem Stall

Während eines Hühnerlebens kommt es im Schnitt zwei Mal zur Behandlung mit Antibiotika, bei Schweinen sind es laut Schätzungen des Bundesamts für Risikoforschung sogar sechs Einnahmephasen. Die in Ställen gezüchteten Keime gelangen über das Fleisch in die Haushalte der Verbraucher.

Forscher der Naturschutzorganisation BUND fanden im Januar 2012 heraus, dass ungefähr die Hälfte aller Supermarkt-Hühnchen Träger antibiotikaresistenter Keime sind. Selbst Vegetarier sind nicht gefeit: Über die Gülle gelangen Keime auch in den Boden und somit ins Gemüse.

Öffentlichkeit und Politik waren schockiert über den Befund. Verbraucherministerin Ilse Aigner legte noch im selben Monat einen Entwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes vor, laut dem die Antibiotikagabe "auf das absolut notwendige Maß" reduziert werden soll. Darin ist vorgesehen, dass Tierärzte Behandlungen amtlich melden müssen, auch die Veröffentlichung von Daten wird in Aussicht gestellt.

Regierungspläne nicht ausreichend

Kritikern gehen solche Pläne nicht weit genug: Es fehle ein generelles Verbot von Humanantibiotika in der Tierhaltung, klare Reduktionsziele sowie die Verpflichtung für Tierärzte, vor der Medikamentenvergabe eine Bakterienkultur anzulegen, die genauere Auskunft über den Erreger gibt. Ziel müsse es außerdem sein, nur tatsächlich erkrankte Tiere medikamentös zu behandeln. Wartezeiten nach der Therapie bis zum Schlachttermin seien zu verlängern, um Antibiotikarückstände - ein weiteres Problem der antibiotikagestützten Massentierhaltung - auszuschließen.

Welche Konsequenzen drohen, beschreiben Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO so: "Wenn keine wirksamen neuen Antibiotika gefunden werden und sich die Resistenzen weiter ausbreiten, droht der Gesellschaft eine Rückkehr zu Verhältnissen, wie sie vor der Entdeckung der Antibiotika herrschten, als Kinder oft an einer einfachen Lungenentzündung starben und Ärzte gegen Meningitis machtlos waren."

Entdeckung der antibiotischen Wirkung Dass Bakterien die Gegenwart bestimmter Schimmelpilze meiden, war schon lange vor Alexander Flemings Entdeckung des Penicillins 1928 bekannt: Gut dreißig Jahre zuvor, 1897, schrieb der französische Militärarzt Ernest Duchesne in seiner Doktorarbeit über die bakterientötende Wirkung bestimmter Pilze.

Arabische Stallknechte, die Sattel über Nacht in feuchten Räumen lagerten, um mit dem sich dabei bildenden Pilzbefall, Scheuerwunden von Reitern schneller zu heilen, hatten Duchesne erst auf die richtige Fährte gebracht.

Bei Versuchen mit erkrankten Meerschweinchen, denen der Mediziner Schimmelpilze injizierte, stellte Duchesne eine heilende Wirkung fest. Der Schimmelpilzstamm Penicillum glaucum erwies sich in weiteren Tierversuchen als wirksames Mittel gegen Typhus.

Als erstes am Menschen eingesetztes Antibiotikum gilt heute das von Paul Ehrlich entdeckte Arsenphamin, mit dem Syphilis geheilt wurde. Ansonsten war das Wirkungsspektrum dieses Mittels jedoch begrenzt.

Der eigentliche Siegeszug der Antibiotika setzte erst mit der Einführung des Penicillins in den 1940er Jahren ein. Lange Zeit war es nicht gelungen, den Pilz in ausreichender Menge zu isolieren.

Der erste Patient erfuhr 1942 Heilung durch das Penicillin, dessen offizieller Entdecker der schottische Mediziner Alexander Fleming ist. 1928 war Fleming durch einen Zufall auf die antibiotische Wirkung des Penicillium notatum gestoßen.

Die Erfolge des neuen Medikaments gaben Forschern Anstoß, nach weiteren antibiotischen Mitteln zu suchen. Diese Suche hält bis heute an.

Zuletzt aktualisiert: 08. August 2018, 09:44 Uhr