Struwwelpeter
Bildrechte: dpa

FIGARINOS Buchtipp Sieh einmal, hier steht er, pfui, der Struwwelpeter!

Hände waschen, Haare kämmen, Fingernägel schneiden – das ist lästig, aber wichtig! Sonst sieht man irgendwann aus wie ein Struwwelpeter. Der hat einen großen Wuschelkopf mit schrecklich langen Haaren und Fingernägel, die bis über seine Knie reichen. Dieser Struwwelpeter ist weltbekannt. Vielleicht kennt ihr das berühmte Kinderbuch von Heinrich Hoffmann ja auch. Der hat den Struwwelpeter erfunden. Er war Arzt und brauchte die Figur für seine Arbeit.

Struwwelpeter
Bildrechte: dpa

Im 19. Jahrhundert, als der Struwwelpeter entstand, war der Arzt ein bisschen das Schreckgespenst für Kinder, wie auch der Schornsteinfeger. "Die Eltern haben den Kindern mit dem Arzt gedroht, wenn sie irgendetwas ausgefressen hatten, und er musste diese Hürde erst mal wieder überwinden, um den Kindern nahe zu kommen", erzählt Struwwelpeter-Experte Daniel Liebmann. "Und da hat Hoffmann halt diese Struwwelpeter-Figur benutzt. Er hat eine Figur gezeichnet und dann langsam mit dem Stift die Haare und die Fingernägel wachsen lassen, was die Kinder sehr fasziniert hat. Das war halt seine Möglichkeit, den Kindern nahe zu kommen und so seine Diagnose zu erstellen."

Eine Originalausgabe des weltberühmten historischen Kinderbuches "Der Struwwelpeter" aus dem Heinrich-Hoffmann-Museum in Frankfurt am Main (undatierte Aufnahme).
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR - Das Radio 05:14 min

Audio herunterladen [MP3 | 4,8 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 9,6 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.mdr.de/figarino/podcast/audio-728444.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Originalausgabe des weltberühmten historischen Kinderbuches "Der Struwwelpeter" aus dem Heinrich-Hoffmann-Museum in Frankfurt am Main (undatierte Aufnahme).
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR - Das Radio 05:14 min

Audio herunterladen [MP3 | 4,8 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 9,6 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.mdr.de/figarino/podcast/audio-728444.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Lutsche nicht am Daumen mehr, denn der Schneider mit der Scher' kommt sonst ganz geschwind daher ...

Hoffmann hat also erfahren, dass seine Zeichnung und die Geschichte, die er dazu erzählt hat, die Kinder beruhigen. Kurz vor Weihnachten im Jahr 1844 suchte er nach einem schönen Kinderbuch für seinen 3-jährigen Sohn Carl. Doch keines gefiel ihm. Also setzte er sich hin und malte und textete selbst. Es entstand das Buch "Der Struwwelpeter". So erfand er zum Beispiel die Geschichte vom Konrad, der nicht aufhören kann, am Daumen zu lutschen. Als seine Mutter aus dem Haus geht, kommt ein Schneider mit großer Schere und säbelt ihm beide Daumen ab. Was für eine gruselige Geschichte! Wollte Hoffmann seinem Sohn Carl damit etwa Angst einjagen? Nein, er wollte ihn sicher belehren, aber er wollte auch ein Zeichen gegen die braven Bilderbücher seiner Zeit setzen, die nur niedliche Geschichten für Kinder beschrieben.

Der Friederich, der Friederich,
das war ein arger Wüterich!
Er fing die Fliegen in dem Haus
und riss ihnen die Beine aus.
Er schlug die Stühl und Vögel tot.
Die Katzen hatten große Not.
Und höre nur, wie bös er war:
Er peitschte seine Gretchen gar!

Aus: Der Struwwelpeter Von Heinrich Hoffmann
Eine Originalausgabe des weltberühmten historischen Kinderbuches "Der Struwwelpeter" aus dem Heinrich-Hoffmann-Museum in Frankfurt am Main (undatierte Aufnahme).
"Der Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann Bildrechte: dpa

Manche sehen im Struwwelpeter auch einen politischen Aspekt: Als Hoffmann lebte, durfte noch nicht jeder einfach sagen oder aufschreiben, was er dachte. Viele Texte wurden verboten, etwa wenn etwas Schlechtes über den König und seine Regierung darin stand. Man konnte also sagen: Der König schnitt den Menschen das Wort ab, so wie der Schneider die Daumen von Konrad. Auch darauf hat Hoffmann mit seiner Geschichte angespielt: Wenn du etwas machst, was verboten ist, dann wirst du dafür bestraft. Die Erwachsenen seiner Zeit haben das gut verstanden.

Und die Moral von der Geschicht' ...

Alle Figuren im Struwwelpeter-Buch müssen am eigenen Leib erfahren, dass sie etwas falsch gemacht haben. Der Suppenkaspar stirbt, weil er sein Suppe nicht isst, und der Hans Guck in die Luft fällt ins Wasser, weil er nicht auf den Weg geachtet hat. Es ist merkwürdig: Obwohl alle Geschichten des Buches traurig oder schrecklich sind, mögen die meisten Kinder sie und empfinden sie nicht als bedrohlich.

"Eigentlich haben die Geschichten Moral. Zum Beispiel die Geschichte von der Pauline. Man soll nicht mit dem Feuerzeug spielen. Es sei denn ein Erwachsener ist dabei. Und man soll auch immer aufessen, sonst wird man halt vor Hunger sterben. Und die enden so traurig, damit man lernt, was da passieren könnte."
Annika

Heinrich Hoffmann wollte mit seinem Buch zeigen, was richtig und was falsch ist. Mit dem großen Erfolg seines "Struwwelpeter" hat er nicht gerechnet. Erst wollte er sein Werk nämlich gar nicht drucken lassen. Heute kann man es in über 40 Sprachen lesen. Nach Hoffmanns Vorbild entstanden viele neue Geschichten mit und über den Struwwelpeter, so genannte Struwwelpetriaden. Die ursprünglichen Figuren von Hoffmann sind aber am interessantesten und die meisten haben schon einmal etwas von ihnen gehört.

"Da gibt es Kinder, die stören oder können sich nicht richtig konzentrieren. Die sind nicht richtig bei der Sache. Da fällt doch jedem die Geschichte vom Zappelphillip ein. Jeder hat schon gehört, dass man zu irgendeinem Kind in der Kindergartengruppe oder in der Schule sagt: Du bist aber ein Zappelphillip. Oder wir kennen Kinder, die manchmal richtig schlimm sind, wie der böse Friedrich, der Fliegen die Flügel ausreißt und auch Erwachsene schlägt."
Dr. Seidler, Kinderarzt und Therapeut

Wer die Geschichten des Struwwelpeters einmal gelesen hat, wird sie nicht mehr vergessen. Denn Hoffmann hat sie derart übertrieben erzählt und gemalt, dass jeder merkt, dass es nur ausgedachte Geschichten sind. Schließlich ist ja keiner wirklich so dünn wie der Suppenkaspar oder hat so eklige Fingernägel wie der Struwwelpeter. Dennoch sind die Geschichten umstritten. Einige Erwachsene befürchten, dass ängstliche Kinder sie nicht verkraften könnten. Die meisten sehen das aber anders:

"Das Buch sorgt dafür, dass die Kinder klare Wertvorstellungen kriegen. Was ist gut, nachahmenswert, positiv, und was ist schlecht. Was ist nicht gewünscht von den Eltern und was sollte ich mir selber auch nicht angewöhnen."
Dr. Seidler, Kinderarzt und Therapeut

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2018, 14:50 Uhr