12. August, Montag: Das Bergwasser kommt

Die Weißeritz wälzt sich nach Dresden

Zu Beginn der neuen Woche nimmt die Jahrhundertflut ihren katastrophalen Lauf. Seit der Nacht regnet es wie aus Eimern. Im Süden von Sachsen fallen 30 Liter Regen pro Stunde und Quadratmeter. Im Quellgebiet der Weißeritz bei Zinnwald-Georgenfeld wird zwischen dem 11. und dem 13. August 2002 die höchste jemals an diesem Ort gemessene Niederschlagsmenge ermittelt - 500 mm pro Quadratmeter.

Im Lauf des Tages steigt die Weißeritz rasant an, Staustufen laufen über. Auch die Müglitz hält es nicht mehr in ihrem Bett. In Ufernähe werden Häuser mitgerissen. In Weesenstein sitzt eine Familie fünf Stunden auf der letzten Mauer ihres Hauses, die wie durch ein Wunder hält. Ein Bundesgrenzschutz-Hubschrauber rettet sie. Ein anderes Ehepaar jedoch kommt ums Leben. Die Weesensteiner waren nicht gewarnt, weder von den Hochwasserzentralen, noch durch Orte vor ihnen. In Glashütte hatte sich kurz zuvor nach dem Dammbruch eines Rückhaltebeckens eine Schlammlawine durch die Stadt gewälzt und große Teile zerstört. Auch andere Orte an der Müglitz wie Schlottwitz wurden schwer getroffen.

Auch an Weißeritz und Priesnitz entkommen viele Menschen nur knapp dem Wasser. Viele Orte an den Erzgebirgsflüssen sind wegen überfluteter Straßen in Ufernähe von der Außenwelt abgeschnitten. Der Strom fällt aus. Für den ganzen Weißeritzkreis, für viele weitere Landkreise im Erzgebirge und Dresden wird der Katastrophenalarm ausgelöst. Die Weißeritz führt jetzt das hundertfache ihrer normalen Wassermenge. Die Talsperre Malter an der Roten Weißeritz läuft über, ebenso die kleineren Talsperren Klingenberg und Lehnmühle.

In Dresden-Klotzsche werden vom 11. August 20 Uhr bis zum Abend dieses Tages 127 mm Regen pro Quadratmeter gemessen. Bis zum folgenden Tag 20 Uhr sind es sogar 183 mm/m². Der Elbe-Pegel war am Morgen zwar auf 5,25 Meter gesunken. Trotzdem gibt es im tief liegenden Laubegast schon erste Überflutungen. Am Abend werden in Dresden die ersten Straßen gesperrt und erste Buslinien eingestellt.

Gegen 21.30 Uhr beginnt die Evakuierung von Freital, einschließlich des Krankenhauses. Hier verlässt die Weißeritz ihr Bett und fließt in hohem Tempo in Richtung Landeshauptstadt weiter.

Gegen 22.30 Uhr tritt die Weißeritz auch an der Nossener Brücke in Dresden über die Ufer und ergießt sich in die Friedrichstadt. Über die Freiberger Straße sucht das Wasser den Weg zum Hauptbahnhof. Die Umspannwerke fallen aus, viele Dresdner sind ohne Strom. Das Kraftwerk Nossener Brücke ist überflutet.

Alarm an der Freiberger Mulde - Talsperre Lichtenberg in Gefahr

In Freiberg hatte Landrat Volker Uhlig gegen 15.30 Uhr für den Kreis Katastrophenalarm ausgerufen und das Überlaufen der Talsperre Lichtenberg angekündigt. Gefährdet sind alle Anlieger der Freiberger Mulde. THW und örtliche Feuerwehren sind schon seit dem Morgen in vielen Orten im Einsatz, bald auch in Riesa. Einwohner müssen gerettet, Gebäude gesichert werden. In Lichtenberg wird eine wichtige Brücke weggeschwemmt. Innerhalb von zwei Tagen montiert das THW mit der Hilfe einer Metallbaufirma eine Notbrücke.

Im Kreis Stollberg lässt der Dauerregen viele Bäche über die Ufer treten, Keller laufen voll. Am Nachmittag wird der Schulunterricht eingestellt. Die Zwönitz ist von einem sonst kniehohen Bach von nur 40 bis 50 Zentimetern Tiefe zu einem Hochwasser führenden Fluss mit fast zwei Metern angewachsen. Viele Dörfer sind überschwemmt, für Thalheim wird jetzt Katastrophenalarm ausgelöst. Mit Sandsäcken wird versucht, Häuser zu schützen. Die Straßen in das überflutete Dorfchemnitz sind gesperrt. Auch die Würschnitz tritt über die Ufer. In Nieder- und Neuwürschnitz müssen die Leute zusehen, wie ihr Hab und Gut versinkt.

In Teilen von Sachsen sind an diesem Tag in zwölf Stunden 80 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. Auch wenn der Niederschlag am Nachmittag ein wenig nachlässt - es regnet immer weiter. Vielerorts gilt Katastrophenalarm. In der kommenden Nacht werden auch Mulde-Städte wie Döbeln und ganz besonders Grimma von der Flut heimgesucht - mit dramatischen Folgen.