Aufruhr, Rebellerey und Revolution

Glaube im Umbruch - die Reformation

Aus tiefer Noth schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohren kehr zu mir und meiner Bitt sie öffne,
denn so du willst das sehen an, was Sünd und Unrecht ist getan,
wer kann, Herr, vor Dir bleiben?
(Martin Luther, 1524)

Man schreibt das Jahr 1524/25, da geschehen in Magdeburg derart unerhörte, aufregende Dinge, dass sich Sebastian Langhans, der Möllenvogt zu Magdeburg, niedersetzt und seine "Historia" schreibt, um das Unfassbare festzuhalten.

Doch was war geschehen? Auf dem Marktplatz zu Magdeburg steht ein loser Bettler und bietet Martinische Lieder feil, gedruckte Lieder auf Flugblättern. Und er singt diese Martinischen Lieder von Zeit zu Zeit und lehrt sie Mann und Weib, auch Jungfrauen und Gesellen.

Was Sebastian Langhans mit vor Aufregung zitternder Feder festgehalten hat, das ist als die Reformation in die Geschichte Mitteldeutschlands, Europas, ja der Welt eingegangen. Der Bettler auf dem Markt ist nur eine einzelne Gestalt auf der Bühne dieses figurenreichen Geschehens, und die Martinischen Lieder, die er feilbot, waren Luthers Lieder.

Langhans setzt die Ereignisgeschichte vom Bettler fort, indem er die Folgen solches aufrührerischen Tuns schildert: dass die Leute in den Kirchen nämlich, noch bevor die Predigt begonnen hatte, gemeinsam und zweifellos im Stehen Luthers Lieder sangen, Luthers deutsche Lieder, statt der bisherigen lateinischen Choräle.

Aber was geschah mit jenem Mann? Der Möllenvogt hat auch das festgehalten. Der Bettler wurde ergriffen und eingesperrt: "Hierauf waren etzliche des Radts der Altenstadt bewogen worden und ließen den vorbemelten Bettler gefenglich annehmen und unter das Radthauß in newen Keller setzen, am tage Johannis ante portam Latinam [dem 6. Mai 1524]." Lateinisches drängt sich hier in den Bericht. Es hat bis zur Reformation die Kirchensprache einschließlich der Liturgie beherrscht. Gerade deshalb zündete ja Luthers Deutsch in einem solchen Maße, breiteten sich seine Choräle, die am Anfang des evangelischen Gemeindegesanges stehen, in Windeseile aus. Dieses Singen war nicht verordnet, sondern häufig erst durch aufrührerisches Handeln errungen worden. Das Magdeburger Beispiel belegt es. Die reformationsbewegte, gebetsverbundene Gemeinschaft sang, und indem sie sang, lebte sie die neue reformatorische kirchliche Ordnung und gestaltete sie zugleich aus.

Der Aufruhr begann mit der Gefangenenbefreiung. Es gärte weiter. Dann passierte es. Vergeltung war angesagt. Dem einen Abt wurde der Weingarten verwüstet, das Obst abgerissen, andere Vertreter des alten Glaubens wurden geprügelt. Der Chronist vermeldet, dass endlos debattiert worden sei, dass der Pöbel verwarnt und die Pfarrer gezwungen wurden, Memorien, Vigilien, Seelenmessen abzustellen und dafür täglich eine Evangelische Messe zu halten. Alles das und vieles mehr lässt sich im Bilde des aus dem Gefängnis befreiten Bettlers fassen, auf dessen Stein im Kerkerverlies von den Aufrührern der Stadtknecht, die Obrigkeitsfigur, der Polizist also, festgesetzt wurde. Für ihn wie für alle, die ins Räderwerk der Unordnung und Umordnung gerieten, war die Reformation die verkehrte Welt.

Den ausführlichen Beitrag finden Sie im Buch "Geschichte Mitteldeutschlands" (herausgegeben vom Mitteldeutschen Rundfunk, Halle/S. 2000) auf den Seiten 36 bis 43.