13. März 1950: Häftlings-Aufstand niedergeschlagen Bautzen I: Hungerstreik im "Gelben Elend"

Das "Gelbe Elend" von Bautzen war für die Häftlinge am 13. März 1950 nicht mehr auszuhalten. Eingepfercht auf zwei mal 0,5 Metern, dreckig, schlechtes Essen. Die Gefangenen von Bautzen I traten in den Hungerstreik. Zunächst versprach man, ihre Forderungen zu erfüllen. Zwei Wochen, am 31. März 1950, später aber wurde der Häftlingsaufstand brutal niedergeschlagen.

Außenansicht Zuchthaus Bautzen I.
Haftanstalt Bautzen (1990) Bildrechte: imago/sepp spiegl

Als die Gefängniswärter am frühen Morgen des 13. März 1950 die Häftlinge des Zuchthauses Bautzen zur Essensausgabe riefen, rührte sich niemand. Es blieb alles still. Keiner der Gefangenen holte seinen Blechnapf hervor, um sich die Frühstücksration - eine Kelle Wassersuppe und einen kleinen Kanten Brot - abzuholen. Stattdessen traten die Sprecher der Häftlinge hervor und teilten den Wärtern mit, dass sie alle in einen Hungerstreik getreten seien, um gegen die furchtbaren Lebensbedingungen zu protestieren. Die Wärter mögen dies der Gefängnisleitung rasch ausrichten.

Einige Häftlinge befestigten unterdessen Bettlaken an den Fenstergittern, auf denen unter anderem geschrieben stand: "Wir sind unschuldig!" Später brüllten die Häftlinge stundenlang ihre Forderungen und Hilferufe aus den Hunderten Fenstern des Zuchthauses: "Wir haben Hunger!", "Wir rufen das Rote Kreuz!" und "Lasst uns nicht verrecken!". Der Chor aus Tausenden von Stimmen war bis ins Stadtzentrum zu hören. So etwas hatte es in Bautzen noch nie gegeben.

Gefangenenproteste, einige Tage vor der Amnestie im Bautzener Gefängnis, 1989 - Transparente hängen an Gefängnisfenstern
Häftlingsrevolte im Zuchthaus Bautzen im Wendejahr 1989 - so ähnlich muss es auch 1950 ausgesehen haben, als Häftlinge ihre Losungen aus den Fenstern hängten. Bildrechte: IMAGO

Unmenschliche Haftbedingungen

Das Zuchthaus Bautzen, im Volksmund auch "Gelbes Elend" genannt, war weithin gefürchtet. Von 1946 an stand es unter sowjetischer Führung und trug den Namen "Speziallager Nummer 4". Über 6.000 Menschen waren in dem "Speziallager" am Stadtrand von Bautzen inhaftiert. Die meisten von ihnen waren politische Häftlinge mit hohen Haftstrafen. Hunger, Kälte, katastrophale sanitäre Bedingungen und eine kaum vorhandene medizinische Versorgung bestimmten den Alltag.

Robert Kempowski, Bruder des Schriftstellers Walter Kempowski, war acht Jahre in Bautzen eingesperrt. Er schilderte die unhaltbaren Zustände: "Drei Glühbirnen in einem Saal von 35 Metern Länge und 15 Metern Breite, in dem 400 Leute hausen. Für jeden bleibt ein Raum von 50 Zentimetern in der Breite und zwei Metern in der Länge. Überall Staub, Dreck, Lärm, Gestank, fünf Klos für 400 Leute." Die Verpflegung war miserabel, Hunger an der Tagesordnung, Gewichtsverlust und Entkräftung waren die Folge. Allein zwischen 1945 und 1950 starben im "Speziallager Nummer 4" mehr als 3.000 Menschen.

Die Deutsche Volkspolizei übernahm das "Gelbe Elend"

Im Februar 1950 übernahm die Deutsche Volkspolizei das Zuchthaus Bautzen von der sowjetischen Besatzungsmacht. Die Häftlinge erhofften sich jetzt nicht nur eine Verbesserung der medizinischen Versorgung und der Verpflegung, sondern auch eine Überprüfung ihrer teils drakonischen Gerichtsurteile.

Der Schriftsteller Walter Kempowski, der von 1948 bis 1956 im "Gelben Elend" einsaß, schrieb später: "Die Auslieferung an die Deutschen rief Reaktionen hervor. Den Russen gegenüber hatte man sich wehrlos gefühlt. Aber diese Leute sprachen doch unsere Sprache. Da musste doch irgendwas 'drin' sein." Doch es war nichts "drin".

Im Gegenteil. Statt Verbesserungen prägten nun militärischer Drill und noch gröbere und brutalere Umgangsformen den Haftalltag. "Alle, die jetzt noch lebten, waren durch Hunderte von Höllen gegangen", notierte Heinz Schwollius, der damals ebenfalls eine mehrjährige Haftstrafe verbüßte, 1997 in einem Erinnerungsbericht. "So war es auch kein Wunder, dass es unter den Häftlingen gärte und brodelte." In dieser verzweifelten Situation entschlossen sie sich, Widerstand zu leisten.

Die Lage beruhigte sich zunächst

Die Gefängnisleitung war mit dem Hungerstreik der Häftlinge offensichtlich überfordert und griff nicht ein. Sie informierte aber sowohl die Regierung der DDR als auch die sowjetische Besatzungsmacht und bat um Hilfe. Am übernächsten Tag trafen dann tatsächlich sowjetische Offiziere aus Berlin-Karlshorst in Bautzen ein. Sie versprachen den Häftlingen eine Erhöhung der Lebensmittelrationen und bessere medizinische Betreuung. Der Hungerstreik wurde daraufhin beendet. Die Lage entspannte sich.

Zweiter Aufstand brutal niedergeknüppelt

Doch die versprochenen Verbesserungen blieben aus. Es änderte sich gar nichts. Zwei Wochen später, am 31. März 1950, wagten die Häftlinge daher einen zweiten Aufstand. Wieder traten sie in einen Hungerstreik und forderten in Sprechchören die Verbesserung der Haftbedingungen.

Aber dieses Mal fand ihre Revolte ein jähes Ende. Die Gefängnisleitung hatte sich auf einen neuerlichen Aufstand vorbereitet und ging jetzt rasch und brutal gegen die Häftlinge vor. Polizisten spritzten aus Feuerwehrschläuchen zunächst Wasser in die Säle und Zellen. Sie prügelten mit Gummiknüppeln auf die wehrlosen Häftlinge ein und hetzten Schäferhunde auf sie. Die vermeintlichen Rädelsführer des Aufstands wurden später wieder und wieder durch Spaliere prügelnder Polizisten getrieben.

Thomas Raufeisen 4 min
Bildrechte: Schicksal DDR vom 26.10.2004

Thomas Raufeisen, Sohn eines Stasi-Spions in der Bundesrepublik, wurde in Sippenhaft genommen und musste unschuldig drei Jahre Haft im Stasigefängnis Bautzen verbüßen.

Di 26.10.2004 22:00Uhr 03:38 min

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Der Aufstand wurde vergessen

Der Drang nach Selbstbehauptung war gebrochen. Die Häftlinge fügten sich nun in ihr Schicksal. Immerhin brachte ihnen eine Reform des Strafvollzugs im April 1950 einige kleine Erleichterungen. Fortan war es beispielsweise gestattet, in gewissen Abständen Besuch und Lebensmittelpakete zu empfangen.

Über die verzweifelte Revolte der Häftlinge im Zuchthaus Bautzen wurde in der DDR nie berichtet. Sie blieb ein wohlgehütetes Geheimnis und geriet mit den Jahren allmählich in Vergessenheit. Ein Häftlingsaufstand brach in der DDR erst 40 Jahre später, im Herbst 1989, noch einmal aus. Und zwar wieder in Bautzen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise | 12. Januar 2020 | 22:20 Uhr

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