Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio

Geschichte

DDRNS-ZeitWeitere EpochenZeitgeschichte GegenwartMitteldeutschlandSchulprojekt

LexikonGespräch mit der Standesbeamtin Ursula Lindner"Bei mir trauten sich 5000 Paare"

Stand: 22. Oktober 2004, 21:52 Uhr

MDR: Frau Ursula Lindner, Sie waren von 1967 bis 1987 Standesbeamtin im beliebtesten Standesamt der DDR - dem Rathaussaal von Wernigerode. Wie viele Paare haben sich von Ihnen trauen lassen?

Ursula Lindner: Bei mir trauten sich rund 5000 Paare! Im Rathaus von Wernigerode zu heiraten, war beliebt und deshalb nicht immer kurzfristig zu realisieren. In den warmen Monaten, also von April bis September, wollten sich unzählige Frauen und Männer bei uns das Ja-Wort geben. Ganz schlimm wurde es zu Ostern und Pfingsten. Wer ausgerechnet dann seine Ehe schließen wollte, der brauchte Geduld ehe er einen Termin bekam. In den Wintermonaten sah es besser aus.

Sie sprachen von Wartezeiten. Mussten die angehenden Eheleute ein Aufgebot bestellen?

Nein, das gab es in der DDR nicht. Eine Wartezeit war allerdings vorgeschrieben. Die betrug von der Anmeldung bis zur Trauung vier Wochen. Die Zeit wurde gebraucht, falls ein Dokument für die Eheschließung noch besorgt werden musste. Beispielsweise, wenn die Geburtsurkunde oder das Scheidungsurteil eines künftigen Ehepartners abhanden gekommen war. Die fehlenden Urkunden mussten nicht die Bürger, sondern das Standesamt beibringen. Wenn beide Partner zum ersten Mal heirateten, brauchten sie nur ihre Geburtsurkunden und die Personalausweise vorzulegen. Waren gemeinsame Kinder vorhanden, dann musste noch die Vaterschaftsanerkennung abgegeben werden. Trauzeugen mussten übrigens nicht benannt werden.

Wie teuer war die standesamtliche Trauung?

Die Antragstellung auf die Eheschließung kostete zwei Mark, jede Urkunde 60 Pfennig. Bei uns in Wernigerode konnten sich die Braut und der Bräutigam zur Zeremonie noch einen Orgelspieler bestellen. Der nahm 15 Mark. Für rund 20 Mark war also alles erledigt - was uns anging. Die anschließenden Hochzeitsfeiern wurden natürlich um ein Vielfaches teurer ...

In der DDR gehörte ein Loblied auf das sozialistische Vaterland in öffentlichen Reden zur Pflicht. Mussten Sie dieses in Ihre Festrede einbauen?

Dazu waren alle Standesbeamten angehalten. Wenn zum Beispiel eine Volkskammerwahl ins Haus stand, dann sollten wir sogar in unserer Rede daran erinnern, dass jeder Bürger zur Wahl zu gehen hat ... Aber wir in Wernigerode haben einen guten Dreh gefunden, um diese Klippe zu umschiffen. Schließlich ist eine Hochzeit eine Familienfeier bei der Braut und Bräutigam im Mittelpunkt stehen. Und niemand sonst. Deshalb haben wir auf die Lobpreisungen auf den Staat verzichtet. Nur wenn ein Genosse dabei war, der selbst bei einer Trauung nicht auf sein Bonbon (SED-Parteiabzeichen - d. Red.) verzichten wollte, dann bauten wir einen offiziell gewünschten Satz ein. Sonst nicht.

Bei Ihnen sagten rund 10.000 Menschen ja zur Ehe. Können Sie sich noch an einzelne Paare erinnern?

Natürlich. Mein außergewöhnlichstes Paar: Der Bräutigam war 81 Jahre alt, sie Anfang 70. Auch meine ungewöhnlichste Trauung vergesse ich nie. Ein Brautpaar war angemeldet und es kam und kam nicht. Ich ging noch einmal vor die Tür um nachzusehen. Niemand da - außer einer Frau mit einer einzelnen Rose in der Hand und ein Mann mit Gummistiefeln, kurzärmligem Nicki und Arbeitshose. Die beiden konnten es doch wirklich nicht sein! Oder? Sie waren es! Ich nahm sie also mit in den Rathaussaal, mein Kollege begann mit dem Orgelspiel. Er wurde aber sofort vom Bräutigam unterbrochen: "Haben wir nicht bestellt! Wir wollen nur 'ja' sagen und fertig." Also beendete der Musiker sein Spiel. Ich sage die "Formel" auf und nach fünf Minuten war diese Trauung vorbei.

Frau Lindner, Sie haben so viele Frauen und Männer zu Ehepaaren "gemacht". Darf man da nach Ihrer eigenen Ehe fragen?

Mein Mann und ich feiern demnächst "Goldene Hochzeit" und jeder Tag war und ist ein Geschenk.

(Erstveröffentlichung 1999)