Stadtgeschichte Bautzen und sein Gefängnis: Das "Gelbe Elend" im politischen Wandel

Die Gefängnisse Bautzen I und Bautzen II wurden um 1900 als reformorientierte Strafanstalten errichtet. Jahrzehnte später werden sie zu einem Ort der Willkür und menschenunwürdigen Haftbedingungen: während der NS-Diktatur, unter den Sowjets als Speziallager für Kriegsverbrecher und politische Gegner und schließlich in der DDR als Gefängnis für den allgemeinen Vollzug und Stasi-Knast. Viele politische Gefangene sitzen hier ein, auch Prominente wie Walter Janka oder Erich Loest.

Luftaufnahme der JVA Bautzen
Luftaufnahme der JVA Bautzen Bildrechte: © MDR/Kristof Kannegießer

Wolfgang Stephan hat in der JVA Bautzen seine dunkelsten Stunden erlebt. In der DDR wird Stephan wegen Veruntreuung sozialistischen Eigentums und Schwarzmarkthandels zu sieben Jahren Haft verurteilt und muss im Januar 1989 seine Haft in Bautzen antreten.

Im Herbst 1989 erlebt er die Häftlingsaufstände mit und begegnet zu jener Zeit Pfarrer Burkhard Schulze. Um Gewalt zu verhindern, ist der Kirchenmann fast täglich im Gefängnis und versucht, zusammen mit anderen engagierten Bürgern, zwischen Häftlingen und Anstaltsleitung zu vermitteln.

Am "Runden Tisch" wird monatelang verhandelt. Schließlich gelingt es den Vertretern von Kirche, Anstaltsleitung und Häftlingsbeirat, ein Blutvergießen zu verhindern. Einen großen Anteil an der Deeskalation hat Frank Hiekel, damals stellvertretender Anstaltsleiter, heute Leiter der JVA Bautzen.

Streik im Bautzener Gefängnis 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Moderne Haftanstalten für Bautzen

Ende des 19. Jahrhunderts wird Bautzen als Verwaltungsstadt und Zentrum der Oberlausitz ausgebaut. Es entstehen prachtvolle Häuser, Kasernen und Schulen.

Fast zeitgleich wird mitten in der Stadt ein Gerichtsgebäude mit prägnanter Fassade und beeindruckendem Gerichtsaal erbaut. Hinter dem Gebäude entsteht die dazugehörende Untersuchungshaftanstalt, die später als Bautzen II unrühmliche Bekanntheit erlangt.

Am nördlichen Stadtrand von Bautzen baut man 1904 die damals modernste Strafvollzugsanstalt im Königreich Sachsen mit 1.100 Haftplätzen. Das Gefängnis – wegen seiner gelben Klinker-Fassade später als "Gelbes Elend" bekannt – orientierte sich in den ersten Jahrzehnten an einem reformerischen, menschenwürdigen und nach liberalen Grundsätzen gestalteten Strafvollzug.

Die Haftanstalt Bautzen I ist architektonisch anspruchsvoll, ein Zuchthaus mit Zentralheizung, Waschräumen und einer eigenen Krankenabteilung. Auch die Unterbringung der Häftlinge wird neu gedacht. Von besonderer Bedeutung ist die Haftkirche, die auch von den Bediensteten rege genutzt wird.

Die Anstaltskirche
Die Anstaltskirche der JVA Bautzen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bautzen I und das Gerichtsgefängnis Bautzen II werden 1923 zu den "Vereinigten Gefangenenanstalten" zusammengeschlossen. Die Liberalisierung des Strafvollzugs während der Weimarer Republik führt ab 1924 auch in Bautzen zur Stärkung der Gefangenenrechte und zur Verbesserung von Haftbedingungen.

Prominenter politischer Insasse: Ernst Thälmann

Das ändert sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Während der NS-Diktatur sind die Gefängnisse in Bautzen mit Wiederholungstätern, politischen Gegnern und Menschen "nicht-arischer" Abstammung schnell überfüllt. Prominenter Häftling ist Ernst Thälmann, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands. Er wird im August 1944 von Bautzen ins KZ Buchenwald deportiert und ermordet. Seine ehemalige Zelle ist bis heute im Originalzustand erhalten.

JVA Bautzen als sowjetisches Speziallager

Nach Kriegsende stehen die Bautzener Gefängnisse unter Kontrolle der sowjetischen Militäradministration. Diese nutzt die Zuchthäuser zur Inhaftierung von Nazis und Kriegsverbrechern. Schon bald werden auch Kritiker und Gegner der neuen politischen Ordnung vom russischen Geheimdienst verhaftet.

Einer von ihnen ist der heute 93-jährige Jochen Stern. Damals ist er so genannter Neulehrer. Als Mitglied der gerade gegründeten Liberal-Demokratischen Partei gerät er ins Visier des sowjetischen Geheimdienstes. Mitten in der Nacht wird er in seiner Wohnung verhaftet.

Nach einem Jahr Untersuchungshaft wird er von der sowjetischen Militäradministration verurteilt: 25 Jahren Haft wegen angeblicher Spionage und konterrevolutionärer Aktivitäten. Mit 19 Jahren landet Jochen Stern 1948 in Bautzen. 

Etwa 400 Häftlinge lagen in jedem Saal, das war sehr viel. Die waren 30 Meter lang und 13 Meter breit. Doch der Saal war immer begehrenswert, weil man mit vielen Menschen zusammenkam.

Jochen Stern

Bautzen I wird nach der Gründung der DDR von der sowjetischen Besatzungsmacht an die DDR übergeben und der deutschen Volkspolizei unterstellt. Viele der 6.000 Häftlinge hoffen auf ihre Freilassung – nur wenige hundert haben Glück – Jochen Stern ist nicht dabei.

Wir waren natürlich wahnsinnig enttäuscht. Wir waren verunsichert. Ich habe in meinem ganzen Leben nie mehr so viele Zigaretten geraucht wie an diesem Tag. Ich dachte, das ist jetzt das Ende, jetzt bleibe ich hier noch ewig sitzen.

Jochen Stern

Wegen schlechter Haft-Bedingungen: Häftlingsrevolten in Bautzen

Mit Übergabe an die staatlichen Organe der DDR werden die Bedingungen im Strafvollzug immer schlechter. Hunger und Krankheiten wie TBC machen den Haftalltag unerträglich. Im März 1950 wagen die Häftlinge den ersten Aufstand. Jochen Stern ist einer von ihnen.

Das gab einen Aufschrei, wir riefen aus unseren Zellenfenstern, dass wir verhungern. Und das aus einem vollbesetzten Gefängnis mit 6.000 Mann. Das war ein Chorgebrüll, das war Wahnsinn.

Jochen Stern

Wenige Wochen später wird auch ein zweiter Aufstand vom Wachpersonal blutig niedergeschlagen. Doch es gibt Hafterleichterungen: Jochen Stern darf nun einmal im Monat einen Brief schreiben und Bücher ausleihen.

Nach Stalins Tod wird Jochen Stern 1954 schließlich begnadigt und nach über sechs Jahren Haft in die Bundesrepublik entlassen.

In einer Gefängniszelle geboren

Auch das Schicksal von Alexander Latotzky ist eng mit dem Gefängnis in Bautzen verbunden: In einer Zelle von Bautzen I wird er geboren. Seine Mutter Ursula Hoffmann wagte es, die Vergewaltigung und Ermordung ihrer Mutter durch sowjetische Soldaten anzuzeigen.

Gefängnis Bautzen - schwarzweißbild einer jungen Frau.
Ursula Hoffmann, die Mutter von Alexander Latotzky Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Daraufhin wird sie wegen angeblicher Spionage für die Amerikaner verhaftet. Sie kommt in ein Speziallager nach Torgau. Dort verliebt sich die junge Frau in einen sowjetischen Wachsoldaten. Die beiden beginnen ein Verhältnis und Ursula Hoffmann wird schwanger. Der Kindsvater kommt in ein Straflager nach Sibirien. Ihren Sohn muss Ursula Hoffmann im Gefängnis zur Welt bringen, in Bautzen.

Drei Jahre verbringen Mutter und Sohn in verschiedenen Lagern, danach werden sie getrennt. Nach etlichen Heimaufenthalten sieht Alexander Latotzky seine Mutter erst als Neunjähriger in West-Berlin wieder.

Am Anfang war sie eine Fremde für mich. Ich habe sie gesiezt, das hat ihr wehgetan, das habe ich gemerkt. Aber ich kam in eine völlig fremde Welt.

Alexander Latotzky

Haftalltag in Bautzen I

In der DDR ist Bautzen I ein Gefängnis für den allgemeinen Vollzug. Hier sitzen Mehrfachtäter, Kriminelle mit langen Haftstrafen, aber auch sogenannte "asoziale Elemente". Menschen, die kriminell geworden sind, um ihre Flucht aus der DDR zu finanzieren.

Der Haftalltag ist militärisch organisiert, selbst Zahnbürsten und Rasierpinsel haben genau nach Vorschrift, in Reih und Glied zu stehen. Einen Rückzugsort gibt es nicht, Schwerstkriminelle und Politische liegen in einer Zelle, meist sind es 16 Mann.

Die Häftlinge werden im Haus durch drei Organe kontrolliert und schikaniert: durch Mitarbeiter des Wachpersonals, der Kriminalpolizei und der Staatssicherheit. Demütigungen und Willkür prägen den Haftalltag. Spuren Häftlinge nicht oder lehnen sich auf, drohen harte Strafen, schlimmstenfalls Arrest.

Der "Stasi-Knast" Bautzen II

Gefängnis Bautzen - Eingangstor
Eingangstor zum gefürchteten "Stasi-Knast" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ihren geradezu angsteinflößenden Ruf verdanken die Haftanstalten vor allem dem Geschehen in Bautzen II, dem sogenannten Stasi-Knast. Die ehemalige Untersuchungshaftanstalt an der Rückseite des Bautzner Gerichtsgebäudes wird nach Kriegsende von der sowjetischen Militäradministration verwaltet und ab 1963 direkt von der Staatssicherheit geführt.

Werden zu Beginn vor allem Kriegsverbrecher und Spione verurteilt, sind wenig später zunehmend politische Gefangene inhaftiert, darunter auch viele Prominente, wie Walter Janka, Chef des Aufbauverlages oder die Schriftsteller Erich Loest und Rudolf Bahro.

Die Inhaftierten sind auf fünf Etagen in Einzel-, Zweier- und Isolationszellen weggesperrt und auch im Außenbereich voneinander getrennt.

Blick in eine Zelle des Stasi-Gefängnisses Bautzen II
Blick in eine Zelle des Stasi-Gefängnisses Bautzen II Bildrechte: imago/epd

Dennoch sind die Haftbedingungen besser als im großen Zuchthaus. In den Zellen gibt es warmes Wasser und eine Toilette. Körperliche Übergriffe sind selten, auch weil viele Gefangene freigekauft oder direkt in den Westen abgeschoben werden. Bautzen II wird bis zum Ende der DDR geführt und ist seit 1993 eine Gedenkstätte, die an die Schicksale vieler Inhaftierter erinnert.

JVA Bautzen heute: zeitgemäßer Strafvollzug

Die Justizvollzuganstalt Bautzen ist in den letzten 25 Jahren bei laufendem Betrieb saniert worden. Auch dadurch ist der Haftalltag heute humaner: Häftlinge sind in Einzelzellen untergebracht, auf den Etagen gibt es Teeküchen, moderne Duschräume und Freizeitbereiche, drinnen wie draußen. 

Humaner Strafvollzug bedeute für mich, dass man sich nie wieder mit solchen Gefangenenzahlen auseinandersetzen muss, wie es zu DDR-Zeiten war. Die Höchstbelegung, die ich hier erlebt habe, waren 2.650 Gefangene. Heute haben wir eine Belegung von 454 Gefangenen, so dass genügend Lebensraum und Rückzugsraum vorhanden ist.

Frank Hiekel, Leiter JVA Bautzen

Anders als früher wird heute für jeden Häftling ein Entwicklungsplan erstellt. Viele erwerben hier einen Schulabschluss oder beenden eine Lehrausbildung. Resozialisierung durch Bildung wird heute als eine Möglichkeit gesehen, nicht wieder straffällig zu werden.

Mann mit Gehörschutz läuft durch eine Werkstatt. Am Boden liegen Stapel aus Holzbrettern.
Bei der Arbeit in der Tischlerei der JVA Bautzen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke, wo du lebst | 22. März 2022 | 21:00 Uhr

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