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Mangelwirtschaft in der MedizinWarum kehrten so viele Ärzte der DDR den Rücken?

Stand: 27. Mai 2022, 20:52 Uhr

Michael Burgkhardt ist ab 1986 Chef in Leipzig von einer der größten Polikliniken. Er erlebt, wie sich die Situation im Gesundheitswesen durch die Mangelwirtschaft immer mehr zuspitzt. Im Herbst 1989 verlassen Ärztinnen und Ärzte scharenweise die DDR. Bedrückt von der Situation gibt Burgkhardt als einer der ersten DDR-Ärzte ein Interview im Westfernsehen, in dem er erklärt: "Die medizinische Betreuung ist in ihrer Qualität erheblich gestört, wenn nicht gar in manchen Bereichen eingeschränkt."

Wie die ganze DDR zerfällt 1989 auch das Gesundheitssystem. Es droht der Kollaps. Auch in der Poliklinik Ost in Leipzig, die damals von Michael Burgkhardt geleitet wird. Noch heute kann er sich an den massenhaften Wegzug seiner Kollegen erinnern: "In der Zeit musste ich früh in der Poliklinik Schäfchen zählen, weil innerhalb von einem halben Jahr etwa 20 bis 25 Mitarbeiter gegangen waren und das nicht aufzuhalten war."

Offener Brief in Tageszeitung

Bei aller Sorge wächst auch die Gewissheit, dass sich nun im Land etwas ändern wird und so entscheidet sich Michael Burgkhardt in Leipzig zu bleiben. Andere gehen und nehmen sogar mit, was ihnen nicht gehört. "Ich hatte ein Ehepaar in meiner Poliklinik, die von einer Verwandtschaftsreise nicht wiedergekommen sind. Sie haben aber ihre gesamten Unterlagen aus der Poliklinik mit nach Hamburg genommen. Patientenakten, Statistiken und eine angefangene Doktorarbeit. Darüber war ich so wütend, dass ich einen offenen Brief in der 'Jungen Welt' geschrieben habe", erinnert sich Burgkhardt.

Der Artikel weckt das Interesse westdeutscher Journalisten. Sein Interview mit den Tagesthemen wird am 9. November 1989 ausgestrahlt - wenige Stunden bevor die Grenze aufgeht. Die Sendung sorgt für große Anteilnahme. Es folgte ein Spendenflut. "Wir hatten für mindestens zwei Jahre Einmal-Verbrauchsmaterialien. Wir konnten ein Auto für die Poliklinik kaufen, mit dem wir Einkäufe machen konnten und ähnliche Dinge."

1990: Fesche Vertreter und Niederlassungsseminare

Zu diesem Zeitpunkt glaubt Michael Burghardt noch, dass seine Poliklinik weiter leben und modernisiert wird. Doch dann ändern sich die politischen Verhältnisse und es wird zu Beginn des Jahres 1990 klar: Die Polikliniken können so nicht weiter existieren. Nicht nur Burgkhardt, sondern auch 20.000 ehemals beim Staat angestellte DDR-Ärzte streben in die Selbständigkeit. "Meine Kollegen wollten alle in die freie Niederlassung gehen, die besuchten Niederlassungsseminare. Und es tauchten auch Heilsversprecher auf, die unerträglich waren. Krankenkassenvertreter, gestylt in feschem Gewand und mit Präsentationen. Die redeten vom Paradies, in dem die Ärzte dann tätig sein könnten, wenn sie in die freie Niederlassung gehen."

Mündliche Kreditzusagen

Doch dieser Anfang ist schwer. Viele Ärzte suchen bezahlbare Praxisräume. Doch die sind Mangelware, die Mieten fast Westniveau: 50 Mark pro Quadratmeter keine Seltenheit. Michael Burgkhardt macht sich 1993 selbständig. "Kredite wurden mit der Schaufel ausgegeben. Es gab in Leipzig bei einer Bank einen speziell aus Nürnberg eingeflogenen Ärzteberater. Der gab wirklich die Kreditzusage mündlich. Und wenn man gefragt hat wie es weiter geht, dann sagte der: 'Naja, wir brauchen noch paar Unterschriften und müssen noch einen Gremienvorbehalt artikulieren. Aber Sie können schon mal anfangen zu bestellen.'"

Gründungsmitglied der sächsischen Landärztekammer

Viele bisher angestellte Ärzte sind heillos überfordert, jetzt sollen sie unternehmerisch denken und nebenbei läuft der normale Praxisbetrieb weiter. Burgkhardt beginnt sich Anfang der 1990er-Jahre öffentlichkeitswirksam für seine Berufstand zu engagieren: Er wird Gründungsmitglied der sächsischen Landärztekammer. Bis 2017 führt er eine Gemeinschaftspraxis mit seiner Frau. 16.000 Patienten behandeln sie in all den Jahren. Dann verkaufen sie die Praxis an ein Medizinisches Versorgungszentrum. Jetzt ist er seit vier Jahren wieder angestellt, wie schon zu DDR Zeiten.

Michael Burgkhardt, mittlerweile 75 Jahre alt, bietet noch immer gelegentlich Sprechstunde an. Dem Arztberuf wird er sich immer verpflichtet fühlen.

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