Ludmila Pavlova-Marinsky im Interview "Er wollte kein lebendes Denkmal sein"

Ludmila Pavlova-Marinsky über Juri Gagarin und die DDR. Ihr Vater war eng mit Juri Gagarin befreundet. Ihre Erinnerungen an ihren "Onkel" Juri hat sie in einer Biografie des ersten Menschen im All publiziert.

Der erste Raumflug eines Menschen jährt sich dieses Jahr zum 50. Mal. Das Interesse an der Figur Gagarin ist groß. Gibt es Unterschiede zwischen Ost und West?

Es gibt natürlich einen Unterschied zwischen Westdeutschland und der ehemaligen DDR. Es gibt auch im Westen Menschen, die Gagarin kennen und die von ihm begeistert sind. Aber im Osten ist es fast jeder und im Westen nur jeder 20. oder 30. Im Osten Deutschlands sind noch viele Erinnerungen wach.

Welche Beziehung hatte Juri Gagarin zur DDR, hat er von Reisen in die DDR erzählt?

Er war zwei oder drei Mal in der DDR. Ich erinnere mich, dass er mir mal aus der DDR eine Puppe mitgebracht hat. Eine Puppe aus Brandenburg. Sie hatte so ein schönes Trachtenkleid an, war sicher eine sorbische Puppe. Und sie war lange Zeit meine Lieblingspuppe.

In der DDR galt Juri Gagarin als "Kolumbus des 20. Jahrhunderts". Es wurden in den Schulen Aufsätze über ihn geschrieben, es gab Gagarin- Briefmarken und Straßen wurden nach ihm benannt. Wie ist er mit dieser Aufmerksamkeit umgegangen?

Er hat sich, ehrlich gesagt, fast geschämt. Er war natürlich noch sehr jung. Stellen Sie sich vor: Er war 27, als er ins Weltall geflogen ist. Mit 34 ist er verunglückt. Er fand, er hätte diese Aufmerksamkeit überhaupt nicht verdient. Er sagte immer, es war doch alles eine Teamarbeit. Das war seine wirkliche Überzeugung. Er war sehr bescheiden und fast schüchtern. Er wollte sich auch nicht als lebendes Denkmal sehen. Aber er hat das mal so formuliert: "Ich bin ich, und das, was dort passiert, das ist ein anderer Gagarin. Das ist der Gagarin, der vermarktet wird."

Womit hat er die Menschen in der DDR begeistert? Was war das faszinierende an Gagarin?

Ich glaube, seine Ausstrahlung war es. Er war ein einfacher Mensch, er war genauso wie wir, andererseits war er etwas ganz Besonderes, mit seinem strahlenden Lächeln und mit dieser wirklich unbegreiflichen Ausstrahlung. Und er war sehr, sehr gutherzig. Das konnte jeder sofort spüren. Wenn er in einen Raum kam, dann hattest du das Gefühl, dass es ein bisschen heller geworden ist, ein bisschen wärmer, ein bisschen gemütlicher.

Nach seinem Raumflug reiste Gagarin oft ins Ausland, auch in die DDR. Er war eine politische Repräsentationsfigur für den Sozialismus und er war ein Held für viele Menschen. Wie hat er diese Rollen erlebt?

Das war wirklich ein Spagat zwischen seiner Rolle als Ikone der Partei und zwischen dem Wunsch, wieder Pilot sein zu dürfen. Das war für ihn schwer. Er wollte immer fliegen. Das Fliegen war sein Sehnen. Ihm fehlte immer mehr der Himmel, ihm fehlten die Flüge. Es war absolut unmöglich, ihn auf der Erde zu halten. Der Himmel war sein Element.

Im Jahr vor seinem Unfall ist Gagarin unglücklich geworden …

Weil ihm aus Sicherheitsgründen das Fliegen verboten worden war. Er sagte: "Jetzt bin ich ausschließlich ein Hochzeitsgeneral, jetzt repräsentiere ich nur noch mich selbst." Das war richtige Verzweiflung.

Und dann ist er doch wieder geflogen und verunglückt …

Ja, man erlaubte es ihm wieder und dann passierten so viele Fehler oder absichtliche Fehler... Das verstehe ich überhaupt nicht: Wenn ich etwas vorbereite, dann prüfe ich dutzende Male, ob alles stimmt: das Wetter, dass kein fremdes Flugzeug da fliegt, dass mit dem Flugzeug auch alles stimmt. Und hier passierte ein Fehler nach dem anderen. Wie konnte es zu diesem Durcheinander kommen, wenn sie seinen Flug so lange vorbereitet haben? Das ist ein Rätsel. Und die russische Führung will bis heute keine Antwort auf dieses Rätsel geben. Und so lange es keine Antwort gibt, wird es Spekulationen geben ...

Mit Gagarins Tod ging der DDR eine politische Ikone verloren. Wissen Sie, wie die DDR damit umgegangen ist, dass auf einmal eine Ikone, eine Projektionsfigur des sozialistischen Helden fehlte?

Ich glaube, das war tatsächlich ein großer Verlust. Er war sehr beliebt in den sozialistischen Ländern und besonders in der DDR. Er war ein richtiger Held dort und er war herzlich willkommen. Gagarin war vielleicht der einzige sowjetische Held, außer den Dichtern vielleicht. Als Held, als richtiger sowjetischer Held, war Gagarin sicher der einzige für die DDR. Wer sonst?

Und in der Sowjetunion …?

Gott verzeih mir, aber ich glaube, dass es für die Nomenklatur der UdSSR bequemer war, dass er tot war. Er konnte nun für immer eine stille Ikone bleiben. Für die einfachen Leute war es eine Tragödie. Das habe ich auf der Straße erlebt: Ich hatte die Schule geschwänzt und sah auf der Straße, wie einfache Leute weinten. Bis dahin hatte ich gedacht, es sei nur für mich eine Tragödie.

Zur Person: Ludmila Pavlova-Marinsky, geboren 1955 in Moskau, studierte Journalistik und Literaturwissenschaften an der Lomonossow-Universität. Seit 1990 lebt sie als freischaffende Redakteurin und Journalistin in Deutschland. Ihr Vater war Erster Sekretär des ZK des Komsomol gewesen und hatte Juri Gagarin kurz nach dessen Weltraumflug kennengelernt.

Buchtipp: Ludmila Pavlova-Marinsky: Juri Gagarin - Das Leben.
Broschiert: 240 Seiten; Verlag: Neues Leben; Auflage: 1 (8. März 2011); ISBN-10: 3355017841